Super League
Fast wie Kroos, aber nicht tätowiert – YB-Regisseur Michel Aebischer macht Jagd auf den Titel-Hattrick

Michel Aebischer hat bei YB den Durchbruch geschafft, in der Nati debütiert und strebt nun den Titel-Hattrick an. Am Samstag ist er mit seinem Klub in Zürich zu Gast und will nach acht sieglosen Auswärtspartien in Folge endlich wieder einmal dreifach punkten.

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Ein Techniker mit Übersicht: Michel Aebischer, Young Boys.

Ein Techniker mit Übersicht: Michel Aebischer, Young Boys.

Urs Lindt/Freshfocus

In der Buchhaltung arbeiten, ein Interview geben, zu Mittag essen, zurück ins Büro hetzen und schliesslich trainieren: Am Tag unseres Kennenlernens hat es Michel Aebischer gerade ziemlich streng. «Ich möchte einmal so gut spielen wie Toni Kroos», gibt der junge Aufbauer der Young Boys dem Besucher am Ende mit auf den Heimweg.

Dreieinhalb Jahre sind seither vergangen. Das vierjährige Studium an der Handelsschule mit dem zwölfmonatigen Praktikum auf der YB-Geschäftsstelle ist längst abgeschlossen, und als Fussballer hat sich der inzwischen 23-Jährige ganz schön weiterentwickelt. Jetzt sitzt ­Aebischer auf der Tribüne des Wankdorfstadions und sagt: «Ich spiele sicher noch nicht so gut wie Kroos, habe mich ihm aber ein Stück weit angenähert.» Allerdings nur, was die Performance auf dem Rasen angeht. Bezüglich Tätowierungen ist der Star von Real Madrid weit voraus, führt gefühlt mit 10:0. Das soll, Vorbild hin oder her, auch so bleiben. «Da habe ich nichts geplant», sagt Aebischer.

Eine klassische Nummer 8 mit hoher Passqualität

Wie der deutsche Nationalspieler sieht auch er sich als klassische Nummer 8. Mit dem Auftrag, im zentralen Mittelfeld dank grosser Passsicherheit das Spiel zu organisieren, Tore vorzubereiten und ab und zu auch selber einmal ins Netz zu treffen. In 87 Super-League-Spielen hat er seit seinem Debüt im September 2016 gegen Luzern acht Mal getroffen und 15 Assists geliefert. «Ein paar entscheidende Zuspiele mehr müssen es schon noch werden», sagt Aebischer. Doch in solch jungen Jahren bereits zweifacher Schweizer Meister zu sein und in der Champions League mitgemischt zu haben, ist allerhand.

Mehr noch: Die konstant guten Leistungen haben ihm im November letzten Jahres beim 6:1 in Gibraltar mit einem Kurzeinsatz zum Debüt in der Schweizer Nati verholfen. Drei Tage zuvor hatte mit Cedric ­Itten vom FC St. Gallen ein weiterer Akteur aus der Super League den Sprung geschafft. Und einige mehr könnten bald schon den Weg ins Team von Nationalcoach Vladimir Petkovic finden (siehe die Fotogalerie unten). Dass die EM wegen der Corona-Pandemie um ein Jahr verschoben worden ist, hat Aebischer nicht aus den Schuhen gehauen. «Das Spiel in Gibraltar erweckt natürlich Hoffnung auf mehr», sagt der Schlaks. Vielleicht gelinge es ihm ja in diesem Jahr, näher an die Stammformation heranzurücken. Dann hätte die Verlegung der EM für ihn sogar etwas Gutes gehabt.

Michel Aebischer hat auch schon einen Einsatz für die Schweizer Nati absolvieren können.

Michel Aebischer hat auch schon einen Einsatz für die Schweizer Nati absolvieren können.

Keystone

Gut sieben Jahre sind es her, seit Aebischer als 16-Jähriger vom Team Fribourg zum U17-Nachwuchs der Young Boys gestossen ist. Andere aus dem Üechtland wie die Gebrüder Schneuwly, Ezgjan Alioski, Yvon Mvogo und zuletzt der junge Felix Mambimbi haben ebenfalls via YB den Sprung in den Profifussball geschafft. Alioski steht mit Leeds vor dem Aufstieg in die Premier League, Mvogo nach tristen Jahren auf der Leipziger Ersatzbank möglicherweise vor dem Wechsel zu Hertha.

Wegen einer Fehlentscheidung gesperrt gewesen

Auch Aebischer hat das Selbstverständnis, sich in absehbarer Zukunft im Ausland durchzusetzen. Die deutsche Bundesliga würde ihn besonders reizen. Denkbar, dass ihn der Frankfurter Trainer Adi Hütter im Auge hat und nach Djibril Sow auch Aebischer aus Bern nach Hessen lotst. «Er hat tolle Anlagen und wird bestimmt seinen Weg bei uns machen», hat Hütter gesagt – als er noch YB-Trainer war.

Aebischers Gegenwart ist aber noch immer Heitenried und YB. Der Sensler wohnt weiter in seinem Elternhaus knapp hinter der Berner Grenze, und mit den Gelbschwarzen strebt er fünf Runden vor Saisonschluss den Titelhattrick an. Beim 4:2 am Mittwoch gegen Servette ist er unfreiwillig nur Zuschauer gewesen, weil er vier Tage zuvor in Basel zu Unrecht wegen einer angeblichen Schwalbe mit Gelb-Rot vom Platz gestellt worden war. Dass Nati-Kollege Eray Cömert, der ihm deutlich sichtbar auf den Fuss gestanden war, keine Anstalten machte, den Schiedsrichter auf dessen Fauxpas aufmerksam zu machen, hat Aebischer bereits vergessen. Die Leistung seiner Teamkollegen gegen Servette hat ihm gut gefallen. «Sie waren griffig», sagt Aebischer.

«Aber ich habe doch nichts gemacht», sagt Aebischer hier wohl. Schiedsrichter Schärer stellt ihn dennoch vom Feld.

«Aber ich habe doch nichts gemacht», sagt Aebischer hier wohl. Schiedsrichter Schärer stellt ihn dennoch vom Feld.

Freshfocus

Der YB-Feldspieler mit den meisten Einsatzminuten

Bei YB der Feldspieler mit den meisten Einsatzminuten, ist er selber nun wieder frisch, wenn die Berner heute Abend im Letzigrund antreten. In der Hauptstadt gehen sie davon aus, dass der Corona-gebeutelte FCZ nach dem Ende der Quarantäne und der Trainingspause mit seinen besten Kräften aufläuft. «Wir schauen aber nur auf uns und bereiten uns so vor, dass wir unsere beste Leistung bringen können», sagt Aebischer.

Vielleicht passen wir uns auswärts zu sehr dem Gegner an.

Wobei das auf fremdem Terrain schon lange nicht mehr gelungen ist. Zu Hause mit zuletzt zwölf Siegen in Serie eine überragende Bilanz aufweisend, wartet YB seit acht Partien auf einen Auswärtserfolg. So richtig erklären kann sich Aebischer die Diskrepanz nicht. «Vielleicht passen wir uns auswärts zu sehr dem Gegner an», vermutet der Regisseur. Weil er von sich sagt, er sei bei YB immer mehr in eine Leaderrolle hineingewachsen, liegt es nun auch an ihm, daran etwas zu ändern. Damit sein Team auswärts wieder so dominant und wuchtig auftritt wie in den Meisterjahren.

Auch diese Spieler haben das Potenzial, den Sprung aus der Super League in die Schweizer Nati zu schaffen

Silvan Hefti, geb. 25. 10. 1997 FC St. Gallen, Aussenverteidiger: Der 22-Jährige hat am Donnerstag gegen Luzern bereits sein 150. Spiel in der Super League bestritten. Der Captain der St. Galler ist ein Aussenverteidiger modernster Prägung und voller Dynamik.
5 Bilder
Jordan Lotomba, 29. 9. 1998 Young Boys, Aussenbahn: Der Romand mit Wurzeln in der Demokratischen Republik Kongo und neunfache Schweizer U21-Spieler ist nach dem Re-Start in der Super League zu grosser Form aufgelaufen. Er wechselt wohl zu Nizza.
Jasper van der Werff, 9. 12. 1998 FC Basel, Innenverteidiger: Wo stünde er, hätte er bisher nicht so viel Verletzungspech gehabt? Wechselte 2018 vom FC St. Gallen zu Red Bull Salzburg und lanciert jetzt, vom FCB bis Mitte 2021 ausgeliehen, seine Karriere neu.
Bastien Toma, 24. 6. 1999 FC Sion, zentrales Mittelfeld: Stammt aus der eigenen Nachwuchsschmiede des FC Sion und ist bisher 9-mal für die Schweizer U21 aufgelaufen. Wenn er sich physisch noch verbessert, wird er sich auch im Ausland durchsetzen.
Kevin Rüegg, 5. 8. 1998 FC Zürich, Aussenverteidiger: Nach drei Spielzeiten als unbestrittener Stammspieler wird der bald 22-Jährige, der auch im Mittelfeld spielen kann, mit der Bundesliga in Verbindung gebracht. Wurde mit 20 Jahren FCZ-Captain.

Silvan Hefti, geb. 25. 10. 1997 FC St. Gallen, Aussenverteidiger: Der 22-Jährige hat am Donnerstag gegen Luzern bereits sein 150. Spiel in der Super League bestritten. Der Captain der St. Galler ist ein Aussenverteidiger modernster Prägung und voller Dynamik.

Keystone