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Fast alleine gegen die Welt: Wie Novak Djokovic und seine Familie immer wieder Widerstand und Kritik provozieren

Der beste Tennisspieler der Gegenwart, oft unverstanden: Novak Djokovic.

Der beste Tennisspieler der Gegenwart, oft unverstanden: Novak Djokovic.

Novak Djokovic ist der beste Tennis-Spieler der Gegenwart, vielleicht sogar der Geschichte. Und doch lösen er und seine Familie immer wieder Kritik und Widerstand aus. Weshalb ist das so? Eine Annäherung.

Am Ende flossen in Belgrad die Tränen. Nicht etwa, weil Novak Djokovic im Halbfinal der von ihm initiierten Adria-Tour verloren hatte, nein, sondern weil ihn das alles an seine Kindheit erinnere, seine Wurzeln in Kopaonik. Ein Dorf, gelegen an der serbisch-kosovarischen Grenze. Während des Krieges deckten die Nato-Truppen die Gegend drei Monate lang mit einem Bombenteppich zu. Längst hat die Natur die Wand, an die Djokovic seine ersten Bälle schlug, zurückerobert. Die Einschusslöcher sind noch zu sehen. Die Narben aus dieser Zeit sind bis heute nicht verheilt. Nicht auf dem Tennisplatz, und schon gar nicht in der Seele von Novak Djokovic.

Anfang Jahr liess Djokovic einen Blick in seine Seele zu, als er sagte: «Wir mussten in einer Schlange für Brot, Milch und Wasser anstehen. Diese Dinge machen dich stärker und hungriger.» Hungriger nach Erfolg, Anerkennung, vielleicht auch nach Geltung. Kaum ein Tag ist in den letzten Monaten vergangen, an dem Djokovic nicht für Aufsehen gesorgt hätte. Er philosophierte mit einem selbst ernannten Alchemisten über die perfekte Harmonie zwischen Spiritualität und Wissenschaft. Mit der Kraft des Geistes könne man die molekulare Zusammensetzung von Wasser verändern. Und giftiges Wasser in Wasser mit Heilkraft verwandeln.

Novak Djokovic auf Besuch in Kopaonik

Das fatale Fehlen in der Videokonferenz

Seit Ende Mai tut Djokovic nun wieder das, worin er derzeit der Beste der Welt ist: Tennis spielen. Dort, wo er es am liebsten tut: in der Heimat, wo ihm die Liebe sicher ist. Kritik daran, dass bei seiner Adria-Tour der Eindruck erweckt werde, dass nicht ein Virus den Lauf der Weltgeschichte diktiert, weil die Partien vor Tausenden Zuschauern und mit Spielern aus ganz Europa gespielt werden, empfindet Djokovic als Angriff auf seine Integrität. Mehr noch: auf seine Existenz. Der 33-Jährige bewegt sich derzeit in seiner Blase, in der sich die Welt um ihn dreht, während sie sich ausserhalb der Blase längst gegen ihn verschworen hat.

Djokovic hatte wiederholt gesagt, er werde nicht an den US Open in New York (ab 31. August) teilnehmen, sofern er nur eine Person auf die Anlage mitnehmen dürfe. Mitte letzter Woche präsentierte der amerikanische Verband seine Pläne. Djokovic, Präsident des Spielerrats, fehlte bei der Videokonferenz. Stattdessen habe er Fussball gespielt. Dass das bei den Kollegen nicht nur gut ankam, nahm er durchaus wahr, schwadronierte aber von einer «Kritik aus dem Westen», was den Amerikaner Noah Rubin zum Urteil hinreissen liess, Djokovic sei ein Egoist, dem es egal sei, wie es anderen Spielern gehe, «und das als Präsident des Spielerrats».

Djokovics Eltern Srdjan (l.) und Dijana mit Enkel Stefan sorgen mit ihren Äusserungen immer wieder für Kopfschütteln.

Djokovics Eltern Srdjan (l.) und Dijana mit Enkel Stefan sorgen mit ihren Äusserungen immer wieder für Kopfschütteln.

Das alles provozierte Kritik an Djokovic. Sicher nicht hilfreich ist auch, wie sich seine Eltern Srdjan und Dijana zuweilen äussern. Jüngst griff der Vater wiederholt Roger Federer an, als er sagte, der Schweizer spiele nur noch, weil er nicht akzeptieren könne, dass Rafael Nadal und sein Sohn seine Rekorde brechen würden, und sagte: «Komm schon, erziehe doch deine Kinder, mach etwas anderes, geh Skifahren, tu etwas! Tennis ist nicht alles im Leben.» Mutter Dijana erklärte, Federer sei «ein bisschen arrogant», und ihr ältester Sohn fühle sich «von Gott auserwählt». Aussagen, die alle das alte Narrativ füttern: Wir gegen den Rest der Welt.

Nun bestätigte Djokovic, inzwischen in der kroatischen Stadt Zadar, die Teilnahme bei den US Open. Als hätte es das verbale Säbelrasseln mit der Drohung eines Verzichts nie gegeben. Schliesslich wurde seine Forderung erfüllt. Auf die Anlage dürfen nun drei Begleiter. Und wer nicht im Hotel wohnen will, kann sich ein Haus für 40'000 Dollar mieten, und dort so viele Personen unterbringen, wie er will. Im vergangenen Jahr hatte Djokovic neben der Anlage in Flushing Meadows einen Lastwagen parkiert, auf dem eine Sauerstoffkammer installiert war, durch die er sich bessere Erholung erhoffte. Die Kapsel ist seine Welt, zu der die Gegner keinen Zutritt haben.

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