Bundesliga-Spitzenspiel
Fabio Coltorti vor dem Knüller gegen Bayern: «Der Gegner darf nie eine ruhige Sekunde haben»

Der 36-jährige Schweizer Goalie Fabio Coltorti hat den Leipziger Weg von der Regionalliga in die Bundesliga mitgemacht und die Spielphilosophie der Sachsen entsprechend tief verinnerlicht.

Markus Brütsch
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Sie wechselten 2012 von Lausanne-Sport zu RB Leipzig in die 4. Liga.

Fabio Coltorti: Ich war zu jenem Zeitpunkt 31 Jahre alt und rechnete durch, dass ich es noch in die Bundesliga schaffen kann, falls Leipzig mehr oder weniger durchmarschiert. Das war für mich realistisch, weil ich sah, wie professionell hier von Anfang an alles angegangen wurde.

Viereinhalb Jahre nach Ihrer Ankunft spielt Leipzig tatsächlich in der Bundesliga − und erst noch an der Spitze mit. Müssen Sie sich ab und zu kneifen, um sicher zu sein, dass Sie nicht träumen?

Es ist zwar wirklich alles sehr schnell gegangen. Aber kneifen muss ich mich trotzdem nie, weil der Fokus immer auf diesem Ziel lag. Es ist im Prinzip das eingetroffen, worauf wir hingearbeitet haben. Deshalb fühlt es sich nicht unwirklich an.

Ein Weg, der am Reissbrett entworfen und danach perfekt umgesetzt wurde.

Natürlich hatten wir einen Plan. Aber der Begriff Reissbrett gefällt mir nicht. Es sind schliesslich immer noch Menschen, die den Plan umgesetzt haben. Die überdies sehr hart trainiert haben.

Das Fussballimperium von Red Bull: Der Schachzug in Ostdeutschland

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Red Bull, bis dahin vor allem im Extrem- und Automobilsport (Sauber!) aktiv, den Fussball für sich entdeckt. 2005 ist es so weit: Der hinter Coca-Cola und Pepsi drittwertvollste Getränkehersteller der Welt entert die globale Sportart Nummer 1. Entgegen den amerikanischen Riesen, die sich auf Sponsoring beschränken, nimmt Red Bull die Zügel selbst in die Hand:

Am 6. April 2005 kauft das Unternehmen aus Fuschl am See (20 Minuten von Salzburg entfernt) den SV Austria Salzburg und benennt ihn um in FC Red Bull Salzburg. Ab sofort hat Red Bull das alleinige Bestellungs- und Abberufungsrecht über den Vorstand, solange er Vereinsmitglied ist – auch ohne Zustimmung der Mitglieder. Seither hat Red Bull in Österreich sieben von möglichen elf Meistertiteln gewonnen – doch der ersehnte Sprung in die Champions League bleibt verwehrt. Der Leistungsunterschied zwischen der österreichischen Bundesliga und der Königsklasse ist zu gross.

Was tun? Red-Bull-Eigner Dietrich Mateschitz, immer nach dem Maximum strebend, richtet den Blick über die nördliche Grenze nach Deutschland. Der clevere Unternehmer entdeckt das brachliegende Begeisterungs-Potenzial in Ostdeutschland, das seit dem Mauerfall im deutschen Profifussball einen schweren Stand hat. Matthias Günther vom «Bündnis aktiver Fussballfans» damals: «Red Bull trifft auf die am Boden zerstörte Fussballstadt Leipzig. Derzeit könnte der Teufel persönlich kommen, wenn er ein paar Millionen dabei hat.» Das Potenzial einer Idee richtig einzuschätzen, war schon immer die grösste Stärke von Mateschitz.

Er kauft 2009 dem SSV Markranstädt das Startrecht in der fünften Liga ab, um nicht ganz unten beginnen zu müssen. Nur 14 Vereinsmitglieder sind zugelassen – alles Personen aus der Teppichetage von Red Bull. Dass Mateschitz den Klub wegen der Statuten nicht in Red Bull Leipzig umtaufen darf, sondern die offizielle Bezeichnung «Rasen-Ball-Leipzig» lautet, ist vernachlässigbar: Im Volksmund steht «RB» für Red Bull. Sieben Jahre später gelingt der Aufstieg in die Bundesliga. Der Meistertitel und der Einzug in die Champions League sind erklärtes Ziel. «Irgendwann wird es so weit sein», so Mateschitz über den Selbstläufer seines Projekts.

Übrigens: Neben Österreich und Deutschland gibt es weitere Fussball-Standorte von Red Bull. Seit 2006 gehören Mateschitz auch Klubs in den USA (New York Red Bulls) und Afrika (Red Bull Ghana), seit 2007 in Brasilien (Red Bull Brasil). Diese sind jedoch nicht als Mittel für sportlichen Ruhm zu verstehen – sie dienen Marketingzwecken und als Ausbildungsstätten für die Vorzeigeklubs in Salzburg und Leipzig. (wen)

Das tun viele, ohne gleich so erfolgreich wie Leipzig zu sein.

Wir hatten schon in der 4. Liga eine gute Mannschaft, die mit dem System immer vertrauter wurde und mehr und mehr zusammengewachsen ist. Acht Spieler, die am Samstag gegen Hertha spielten, waren schon in der 2. Liga dabei. Bei Leipzig wird nahtlos gearbeitet.

Ausgerechnet Sie, der den ganzen Weg von der vierten bis in die erste Liga mitgemacht hat, sind derzeit nicht mehr erste Wahl.

Als der Entscheid getroffen wurde, war ich sicher enttäuscht. Aber der Trainer kann jederzeit auf mich zählen. Ich trainiere genauso, als ob ich spielen würde. Und ich weiss: Ich werde noch zum Spielen kommen. Ich spüre aber die Wertschätzung der Mannschaft und bin für viele ein Vorbild.

Was versteht man unter der «Idee Leipzig»?

Vertikales Spiel, schnelles Umschalten, Gegenpressing – bei Balleroberung wird versucht, innerhalb weniger Sekunden in den gegnerischen Strafraum zu kommen und eine Torchance zu erzwingen. Leipzig spielt einen Hochgeschwindigkeitsfussball und die Spieler sprinten sehr viel. Daher auch die Strategie, nur junge Spieler zu verpflichten. Der Gegner darf nie eine ruhige Sekunde haben. Wir sind die laufstärkste Mannschaft. Unser System funktioniert nur, wenn jeder an seine Limiten geht.

Erstaunlich ist, dass der Faktor «Erfahrung» eigentlich keine grosse Rolle spielt. Viele Leipziger spielen erstmals in der Bundesliga.

Sie rufen ihre Leistung mithilfe eines klaren Systems und ihrer Unbekümmertheit ab. Wenn ein junger Spieler zu uns kommt, sich an unseren Stil gewöhnt hat und nichts von seiner Leistungsfähigkeit einbüsst, dann hat er gute Chancen, auch noch mit
28 oder 29 Jahren für uns zu spielen. Wir haben nicht die Philosophie, ältere Spieler auszusortieren, aber sicher, nur junge zu verpflichten.

Ist das der ideale Nährboden für einen guten Teamgeist?

Absolut. Obwohl es in einer europäischen Topliga um viel Geld geht, ist es bei uns familiär. Man schaut füreinander. Solchen, die es zum Beispiel nach einer Verletzung nicht mehr auf den Rasen zurückschaffen, wird beim Einstieg ins Berufsleben geholfen.

Wie sehr prägt die Wissenschaft den Trainingsalltag?

Wir haben jeden Tag Blutentnahme, damit der Staff weiss, wie sehr unsere Muskeln beansprucht sind. Es wird auch der Speichel genommen, um ein Bild von den Stresshormonen zu bekommen. Es wird immer versucht, Verbesserungen zu erzielen. Aber ich habe nicht den Eindruck, dass etwas davon unnötig ist.

Wie personenabhängig – Stichworte Dietrich Mateschitz und Ralf Rangnick – ist das Projekt Leipzig?

Natürlich ist Rangnick so etwas wie der Vater des Ganzen. Aber es ist alles so breit gefächert, es sind so viele Personen involviert, dass man nicht mehr sagen kann, es sei alles von ein, zwei Personen abhängig. Und je länger Leipzig in der Bundesliga bleibt, desto mehr wird es sich mit all diesen Fernsehgeldern, dem vollen Stadion und den ständig neu dazu stossenden Sponsoren selber tragen und bald ein normaler Verein sein wie jeder andere auch. Einer, bei dem auch die Juniorenarbeit von aussergewöhnlich grosser Bedeutung ist.

Ralf Rangnick: Der Mann, der hinter dem Projekt «Leipzig» steht.

Ralf Rangnick: Der Mann, der hinter dem Projekt «Leipzig» steht.

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Ist es nicht störend und hinderlich für die Identifizierung mit RB Leipzig, dass es den Fans nicht möglich ist, Mitglied zu werden?

Nein, ich sehe ja, wie die Leipziger dessen ungeachtet unglaublich viel Freude an uns haben und das Stadion jedes Mal füllen. Die Leute haben richtiggehend danach gelechzt, wieder eine Bundesligastadt zu sein.

Und sie träumen vom Sieg gegen die Bayern. Die Mannschaft auch?

Wir sind nach München gefahren, um uns auf unsere Leistung zu konzentrieren. Wir werden 90 Minuten lang alles reinhauen. Dann wird sich zeigen, wer die drei Punkte holt.

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