FC Lugano

Ezgjan Alioski: Vom Challenge-League-Verteidiger zum Super-League-Goalgetter

Für Ezgjan Alioski läuft es gut in Lugano.

Für Ezgjan Alioski läuft es gut in Lugano.

Ezgjan Alioskis Geschichte ist eine, die man nicht so recht glauben kann. 2014 spielt er als Verteidiger bei Schaffhausen, niemand bescheinigt ihm das Talent für die Super League. Dann kommt der Wechsel nach Lugano, er wird

Ein Küsschen hier, ein Küsschen da. Bevor Gianni das Stadionbistro in Richtung Trainingsplatz verlassen kann, will die Frauenwelt noch auf ihre Rechnung kommen. «Liebesbriefe erhalte ich zwar nur selten, aber ganz viele Fans möchten mit mir ins Gespräch kommen», schmunzelt der Shootingstar des FC Lugano. Unangenehm sei ihm dies jedoch nicht, betont der Single mit den blond gefärbten Haaren. «Der Fussball ist meine Bühne mit dem ganzen Drumherum. Deshalb lege ich Wert auf meine Frisuren.»

Ezgjan Alioskis Frisur ist sehr auffällig.

Ezgjan Alioskis Frisur ist sehr auffällig.

Dass ihm in Lugano die Herzen in dieser Fülle zufliegen könnten, hätte Ezgjan Alioski, von allen nur Gianni genannt, vor 16 Monaten nie im Leben gedacht. Als er vom FC Schaffhausen ins Tessin kam, fragten die Leute: «Alioski wer?» Auf einen linken Verteidiger aus der Challenge League hatten die Tifosi nicht gewartet. «Am Anfang musste ich mich erst einleben. Ich sass oft auf der Ersatzbank, wurde aber jeweils früh in der Schlussphase eingewechselt, um weiter vorne Impulse zu geben», erzählt Alioski.

Beim FC Schaffhausen konnte sich  Ezgjan Alioski nicht von seiner besten Seite zeigen.

Beim FC Schaffhausen konnte sich Ezgjan Alioski nicht von seiner besten Seite zeigen.

Dann aber gab es eine Viertelstunde, die alles veränderte und seine Karriere explodieren lassen sollte. Im Cuphalbfinal in Luzern schickte ihn Trainer Zdenek Zeman in der 76. Minute als Stürmer auf den Platz. «Ich glaubte, nicht richtig zu hören. Ich ein Stürmer?», erinnert sich Alioski. «Aber ich wirbelte und holte einen Penalty heraus.»

An jenem Abend im März 2016 wurde ein neuer Fussballspieler geboren, begann eine der wundersamsten Geschichten. Wann schon wurde im Profifussball einmal ein Verteidiger erfolgreich zum Stürmer umfunktioniert? Real Madrids Star Gareth Bale, bei Tottenham vom Aussenverteidiger zum Flügel gemacht, ist die grosse Ausnahme.

Selber nie auf die Idee gekommen

Alioski sagt, er sei zeit seines Lebens Verteidiger gewesen. Im YB-Nachwuchs wie auch bei Schaffhausen. «Klar habe ich immer gerne nach vorne etwas unternommen, und wenn ich mit meinen Kumpels zu Hause in Flamatt auf der Strasse gespielt habe, bin ich oft Stürmer gewesen», sagt Alioski. Aber selber wäre er nie auf die Idee gekommen, er müsste zwingend als Angreifer auflaufen, um sein Potenzial auszuschöpfen.

Ezgjan Alioski ist als Stürmer sehr spektakulär. Alle seine Tore im Dress des FC Lugano

Ezgjan Alioski ist als Stürmer sehr spektakulär. Alle seine Tore im Dress des FC Lugano.

Bei YB stand er während einer Saison unter Christian Gross im Super-League-Kader, durfte ein paar Testspiele bestreiten und einmal 90 Minuten lang auf der Ersatzbank sitzen. «Mir wurde beschieden, mein Niveau reiche höchstens für die 1. Liga», sagt Alioski. Der damalige Technische Direktor Hansruedi Hasler differenziert: «Mit Spycher und Lecjaks waren wir auf Alioskis Position gut besetzt und hätten auch nicht gedacht, er könnte auf einer anderen Position so einschlagen wie in Lugano.» Auch der spätere Sportchef Fredy Bickel wollte Alioski nicht.

Joël Magnin war sein Trainer in der ersten Liga bei der U21 von YB. «Gianni ist ein extrem offener und fröhlicher Junge. Leider bekam er bei uns damals keine Chance, in die erste Mannschaft zu kommen, weil YB nicht auf Junge ausgerichtet war. Heute wären seine Möglichkeiten viel grösser», sagt Magnin. «Seine Entwicklung bei Lugano ist sicher überraschend, aber ein Wunder ist sie für mich nicht. Er hatte schon immer gute offensive Qualitäten.» Für Luganos Aufbauer Davide Mariani, bereits in Schaffhausen Teamkollege Alioskis, ist dessen Entwicklung aber eine Sensation. «Er besass zwar einen harten Schuss, aber einen Stürmer sah ich in ihm nicht. Niemals!»

Kein Mensch hatte sich Alioski als überragenden Goalgetter vorstellen können − ausser Zeman, der eine Eingebung gehabt haben muss. Aus dem 25-Jährigen ist nämlich nicht einfach nur ein ganz gewöhnlicher Stürmer geworden, der ab und zu mal ein Tor schiesst. Nein, Alioski hat als Torjäger und Passeur eingeschlagen wie eine Bombe. Die drei Treffer, die er in der vergangenen Saison nach seiner Umpolung schoss, waren kein Strohfeuer. Strotzend vor Selbstvertrauen legte er in der neuen Saison nach, schoss bis jetzt 15 Tore, gab 11 Assists und kann sogar Torschützenkönig werden. 

Zdenek Zeman sah als einziger den Stürmer in Ezgjan Alioski.

Zdenek Zeman sah als einziger den Stürmer in Ezgjan Alioski.

Seit er mit Armando Sadiku die Doppelspitze bildet, ist er gar noch stärker geworden. «Der Mister (Trainer Paolo Tramezzani; die Red.) hat erklärt, da sei ich näher beim Tor und unberechenbarer als auf dem Flügel», sagt Alioski. Sechs Runden vor Schluss fehlen ihm noch drei Treffer, um den verletzten Guillaume Hoarau einzuholen. «Es hat Bumm gemacht», umschreibt Alioski seine Leistungseruption.

«Es ist nun unser grosses Ziel, Gianni zum Torschützenkönig zu machen», sagt Mariani. Weil der elffache mazedonische Internationale trotz des ganzen Wirbels um ihn bodenständig und bescheiden geblieben ist und auf dem Platz auch defensiv seine Arbeit erledigt, ist er im Team äusserst beliebt.

Was aber passiert nach der Saison? «Das wüsste ich auch gerne», sagt Alioski lachend. Ruft der FC Basel? Oder YB? Die Bundesliga, Premier League oder die Serie A? Für Trainer Maurizio Jacobacci, der in Schaffhausen Alioskis Sprungbrett nach Lugano gebaut hatte, steht fest: «Gianni hat im Ausland eine grosse Karriere vor sich. Er kann als Stürmer bei jedem Klub spielen. Bei den Topvereinen aber wären seine Chancen als Aussenverteidiger grösser. Warum nicht bei Bayern München als Nachfolger von Philipp Lahm?»

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