Lieber spät als gar nie. Unter diesem Motto kann man die Bilanz der Nachtests von Dopingproben aus Peking 2008 und London 2012 betrachten. 9,43 Prozent der bisher 492 bekannten Re-Analysen von den Olympischen Sommerspielen 2012 waren positiv. Das ist die mit Abstand höchste Erfolgsquote in der Geschichte der Dopingtests. Auch bei den Spielen in China wurden über 7 Prozent der nachkontrollierten Sportler als Betrüger identifiziert.

Insgesamt 111 Dopingfälle kamen bei diesen beiden Nachanalysen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) bisher ans Tageslicht. Betroffen sind nicht weniger als 62 Medaillengewinner. «Man kann also nicht mehr behaupten, dass wir nur die Dummen erwischen», sagt Mario Thevis vom Antidopinglabor in Köln zur Statistik.

Waren die Olympischen Spiele in London tatsächlich die «schmutzigsten aller Zeiten», wie die «Mail on Sunday» errechnete?

Waren die Olympischen Spiele in London tatsächlich die «schmutzigsten aller Zeiten», wie die «Mail on Sunday» errechnete?

So schlimm wie noch nie?

Die britische Sonntagszeitung «The Mail on Sunday» kam in der Ausgabe vor drei Tagen als Konsequenz ihrer Investigativ-Recherche zum Schluss, dass «London die schmutzigsten Spiele der Olympischen Geschichte waren». Die Zeitung rechnete aus, dass 13 Prozent aller damaligen Finalisten in der Leichtathletik seither des Dopings überführt wurden.

Man kann diese Zahlen auch anders interpretieren. Vielleicht sind die Möglichkeiten der Dopingjäger ganz einfach viel besser geworden. Den allerersten IOC-Nachkontrollen der Sommerspiele 2004 in Athen gingen nur fünf Doper ins Netz. Dank neuer Analysemethoden und Messgeräte können verbotene Substanzen im Urin seit kurzem viel besser nachgewiesen werden.

Insbesondere die vom Labor Köln vor drei Jahren entworfene Messmethode für Langzeit-Metaboliten von anabolen Steroiden, das sind Abbauprodukte der Dopingsubstanzen im menschlichen Stoffwechsel, gilt als Quantensprung in der Dopingbekämpfung. Anstatt nur wenige Tage kann ein Dopingvergehen mit Anabolika nun mehrere Wochen nach der Einnahme noch nachgewiesen werden. So erstaunt es auch nicht, dass 95 Prozent der entlarvten Sünder der Nachkontrollen anabole Steroide benutzten.

Mario Thevis vor den Olympischen Spielen 2016 über Doping.

Exklusive neue Zahlen

Bisher war nur bekannt, dass 94 Nationen aus 19 verschiedenen Sportarten von den Nachkontrollen in Peking betroffen waren. Nun liegen der «Nordwestschweiz» exklusiv erstmals die genauen Kontrollstatistiken vor. Beinahe 30 Prozent der insgesamt 1053 Nachkontrollen erfolgten in der Sportart Leichtathletik. Danach kommen Schwimmen (16 Prozent) und Radfahren (8,5 Prozent). Am häufigsten untersucht wurden die Proben von russischen Sportlern (11,4 Prozent) vor den US-Athleten (8,7 Prozent) und den Chinesen (6 Prozent).

Viele russische Athleten waren unter den aufgedeckten Dopingfällen. Hier erklärt sich der Präsident des Olympischen Komittees Russlands, Alexander Zhukov.

Viele russische Athleten waren unter den aufgedeckten Dopingfällen. Hier erklärt sich der Präsident des Olympischen Komittees Russlands, Alexander Zhukov.

Aus den nackten Zahlen lassen sich interessante Fakten zusammenstellen. Etwa, dass kein einziger US-Olympionike in den Nachanalysen hängenblieb, hingegen bislang 37 Russen und total 91 Sportler aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. «Die Ergebnisse zeigen auch, dass in diesen Ländern das System der Trainingskontrollen nicht funktioniert hat, denn die gefundenen Substanzen werden in der Vorbereitung auf einen Grossanlass verabreicht und dann rechtzeitig abgesetzt», sagt Hans Geyer vom Labor Köln. Allerdings rechnete 2008 und 2012 offensichtlich niemand damit, dass man einige Jahre später das Rad quasi zurückdrehen und den viel früher erfolgten Zeitpunkt des Dopingvergehens eruieren kann. Quasi back to the future!

Bemerkenswert ist auch, dass total 46 Leichtathleten, aber nur ein Schwimmer unter den Betrügern ist. Was nicht automatisch heissen will, dass Schwimmen das ungleich kleinere Dopingproblem hat. «Man kann nur spekulieren, aber offensichtlich waren zu diesem Zeitpunkt anabole Steroide im Schwimmen kein verbreitetes Dopingmittel», sagt IOC-Chefmediziner Richard Budgett. Ob es sich mit EPO oder Wachstumshormonen gleich verhält, wird vielleicht die Zukunft zeigen, wenn auch bei diesen Dopingpraktiken entscheidend verfeinerte Analysemethoden vorliegen.

Vancouver unter der Lupe

Die wissenschaftliche Entwicklung in der Dopingbekämpfung ist auch Grund dafür, dass man beim IOC die Frist von acht respektive neu zehn Jahren, in der man aufbewahrte Dopingproben nochmals testen darf, ausreizt. So ist das Dopinglabor Lausanne derzeit mit Hochdruck daran, gut 1000 Proben der Winterspiele 2010 in Vancouver nochmals zu untersuchen. Rund die Hälfte davon ist analysiert und auch wenn sich IOC-Mediziner Budgett nicht in die Karten schauen lässt, bestätigen dem IOC nahe stehende Kreise, dass es auch darunter positive Fälle hat – mutmasslich auch hier mit Anabolika-Substanzen.

Auch die Olympischen Spiele in Vancouver werden nun unter die Lupe genommen.

Einig sind sich alle Beteiligten im Antidoping-Kampf, dass der beste Zeitpunkt zum Aufdecken eines Betrugs noch immer die Gegenwart bleibt. Deshalb kommt vor den Winterspielen 2018 in Pyeongchang wie bereits vor Rio die gemeinsame «Pre-Games Antidoping Task Force» von IOC und Welt-Antidoping-Agentur (Wada) zum Einsatz. «Vor Rio hatten wir nur rund fünf Monate Zeit, diesmal können wir mit dieser Task Force die bestmögliche Wirkung erzielen», sagt Richard Budgett.

Verschiedene Wissenschafter, Wada- und IOC-Spezialisten sowie Vertreter von fünf nationalen Anti-Doping-Agenturen entwickeln einen Plan, um potenziell erfolgreiche Athleten aus Doping-affinen Sportarten in unangekündigten Trainingskontrollen dann zu testen, wenn die Wahrscheinlichkeit für den Gebrauch von unerlaubten Mitteln am höchsten ist. Auch das ist letztlich eine Folge der Nachkontrollen, die das Versagen von wirksamen Trainingstests zumindest in einem Teil der Sportwelt schonungslos aufgedeckt haben.

Blut von der Fingerbeere: Dopinglabors wollen neue Methode bei Olympia

Die sogenannte Dried-Blood-Spot-Analyse (DBS) wird in der Medizin schon seit beinahe 50 Jahren angewandt.

Dabei wird Blut von der Fingerbeere genommen und auf Filterpapier als Trockenblut gespeichert. Daraus können verschiedenste Krankheitserreger festgestellt werden. Dank neusten Messgeräten und Analysetechniken werden im Trockenblut seit kurzem auch Dopingsubstanzen exakt nachgewiesen, etwa anabole Steroide oder Stimulanzien. Noch nicht möglich ist der Nachweis von Epo oder Wachstumshormonen.

Weil die DBS-Tests sehr effizient sind, die Kosten viel tiefer liegen als bei venösen Blutkontrollen und die Lagerung der Proben ungleich einfacher und zuverlässiger wird, drängen das Dopinglabor Köln und Antidoping Schweiz, welche das Verfahren in einer gemeinsamen Kooperation entwickelt haben, auf die Einführung auch bei Grossanlässen. In der Schweiz wurden in diesem Jahr bereits 200 solcher Tests durchgeführt, 500 weitere sollen bis Ende des laufenden Jahres folgen. Ausgewertet wurden die Proben bisher in Köln. Noch im August erfolgt der Technologietransfer ans Dopinglabor Lausanne.

Gemeinsam mit dem Dopinglabor von Tokio treffen sich die Laborleiter von Köln und Lausanne im November mit den Verantwortlichen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Ziel der Wissenschafter ist es, dass die Trockenblut-Analyse spätestens bei den Olympischen Sommerspielen 2020 in Japan im Einsatz steht.
IOC-Chefmediziner Richard Budgett zeigt sich zumindest sehr interessiert: «Wir sind offen für alles, was uns im Kampf gegen Doping hilft. Es gibt mit der DBS-Analyse und auch der papierlosen DopingkontrollDokumentierung zwei sehr spannende Projekte. Wichtig sind zuerst aber einmal die Erkenntnisse aus der Testphase.» (rs)