Er kommt direkt aus Baden-Baden, wo ARD und ZDF ihr WM-Studio haben. Kaum aus dem Auto ausgestiegen, legt der frühere Spitzenschiedsrichter und ZDF-Experte Urs Meier los. «Unser Studio ist viel schöner als jenes der ARD. Auch unsere Inhalte sind besser. Wir machen nicht nur Mainstream. Wir bieten auch etwas für den wahren Fussballfan, der sich für die essenziellen Dinge des Spiels wie Taktik interessiert. Schliesslich geht es an der WM nicht um die Frage, ob in Russland die Traktoren rollen, die Frauen schön und alle happy sind.»

Sie sind Schweizer und arbeiten in Deutschland. Wie haben Sie den Tag erlebt, als sich Deutschland von der WM verabschiedet und vier Stunden später die Schweiz den Einzug in den Achtelfinal geschafft hat?

Urs Meier: Es war sehr ruhig im Studio. Man konnte nicht begreifen, was da vorgefallen ist. Nach dem Schweden-Spiel dachten alle: Endlich hat man in die Spur gefunden. Nicht im Ansatz konnte man sich vorstellen, dass die deutsche Elf ohne Feuer in eine Partie gehen wird, die existenziell ist.

Ist der Titelverteidiger über seine Sorglosigkeit gestolpert?

Ja, das ist so. Ständig hörte man: Es kommt schon gut. Wir sind Weltmeister, und wenn es drauf ankommt, können wir einen oder zwei Gänge hochschalten. Aber da war nichts mit hochschalten. Das Getriebe war blockiert. Wahrscheinlich, weil man gewisse Probleme im Vorfeld nicht gelöst hat.

Sprechen Sie die Affäre Erdogan-Özil-Gündogan an?

Für mich war klar: Wenn dieses Thema mit zur WM nach Russland reist, wird es ein böses Erwachen geben. Und siehe da: Sowohl Özil als auch Gündogan waren mental nicht bereit, schleppten einen Rucksack voller Probleme mit sich herum. Dazu kam, dass andere Spieler ausgebrannt waren.

Wie hätte man das Özil-Gündogan-Problem lösen sollen?

Sicher nicht, wie es beispielsweise Oliver Bierhoff versucht hat, als er im Vorfeld sagte: ‹Wir sprechen jetzt nicht mehr über dieses Problem.› In dieser Mannschaft gibt es so viele intelligente Spieler, die darüber reden, die Geschichte abarbeiten wollen. Das hätte aber die Bereitschaft zur Konfrontation gebraucht. Einem Özil hätte man sagen müssen: ‹Hey, das geht so nicht. Steh hin und erklär dich. Wenn du glaubst, dich ins Schneckenhaus verkriechen und auf Knopfdruck in Russland Leistung bringen zu können, irrst du dich.› Ich denke, dass noch mehr zum Vorschein kommt, was man versucht hat unter den Teppich zu kehren.

Viel Ärger um Xhakas und Shaqiris Doppeladler

Viel Ärger um Xhakas und Shaqiris Doppeladler

Die beiden albanisch abstammenden Spieler feierten ihre Tore mit einer umstrittenen Geste. Das sagen die Fans zum provokanten Torjubel.

Das heisst: Wenn die Schweiz im Achtelfinal gegen Schweden scheitert, fliegt der Doppeladler wieder?

Der Doppeladler war eine Dummheit. Aber das ist vorbei und ich glaube auch nicht an ein Comeback des Doppeladlers. Die Frage ist: Scheidet die Schweiz wieder einmal ehrenvoll aus und alle sind zufrieden, weil man es immerhin bis ins Achtelfinal geschafft hat? Oder wird jetzt endlich mal nachgelegt? Ich finde es hervorragend, dass Trainer Vladimir Petkovic mit dem Viertelfinal-Einzug eine klare Ansage gemacht hat. Das finde ich richtig geil. Endlich mal ein Trainer einer Schweizer Nati, der sich getraut, ein hohes Ziel zu setzen. Vorher hatte man diesen Mut nicht. Und deshalb war die Luft im Achtelfinal jeweils draussen, weil man ja das Ziel erreicht hat.

Der Einzug in den Viertelfinal als Pflicht?

Ja, denn wir haben das stärkste Nationalteam aller Zeiten. Wenn es dieses Team mit dieser Qualität nicht schafft, wann dann?

Vier Stunden nach dem Aus der Deutschen feierte die Schweiz das Weiterkommen. Konnte man Sie im ZDF-Studio jubeln hören?

Um Gottes willen! Natürlich habe ich gejubelt. Aber vielleicht etwas dezenter als auch schon. Ausserdem versuchte ich, meine Kollegen zu motivieren, ab jetzt auf die Schweiz umzuschwenken.

Nun herrscht definitiv Katzenjammer in Deutschland. Ist Trainer Jogi Löw der richtige Mann, um den Umbruch zu vollziehen?

Sicher ist, dass er – und nur er – diese Frage beantwortet. Der Verband hat unmissverständlich gesagt, mit Löw weitermachen zu wollen. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass Löw andere Angebote hat und diese auch prüft. Denn im Klubfussball herrscht europaweit an der Spitze ein grosser Trainermangel.

Nochmals: Ist Löw der Richtige?

Es geht nicht allein um Löw. Am Aufschwung des deutschen Fussballs waren in den letzten 14 Jahren auch andere Leute wie Manager Oliver Bierhoff massgeblich beteiligt. Fakt ist: Der Deutsche Fussballbund hat vieles, aber sicher kein Führungsproblem. Nur muss sich Löw dahingehend hinterfragen, wie lange er verdienten Spielern sein Vertrauen schenkt. Im Hinblick auf diese WM hat er vielleicht den einen oder anderen älteren Spieler zu viel mitgenommen.

Sie sagten, die Schweiz hat die beste Nationalmannschaft aller Zeiten. Wie erklären Sie das?

Diese Mannschaft ist stilsicher, qualitativ sehr gut besetzt und ausserdem homogen. Früher fehlte mindestens bei einem dieser drei Aspekte ein gutes Stück bis zur Weltspitze. An der WM 2010 besiegte die Schweiz zwar Spanien. Aber das war einfach nur Riesen-Dusel. Heute indes bewegt sich die Schweiz auf Augenhöhe mit den weltbesten Teams. Das 1:1 gegen Brasilien war nicht glücklich.

Wo sehen Sie die Grenzen der Schweizer Mannschaft?

Ich sehe keine.

Trotzdem feiert am Schluss stets eine grosse Fussballnation.

Ja, weil die grossen Fussballnationen auch daran glauben. Die Zielsetzung hat im heutigen Fussball eine enorme Bedeutung. Wie ich als Schiedsrichter begonnen habe, setzte ich mir zum Ziel, an der WM 1998 zu pfeifen. Ich habe es geschafft. Der FC Bayern setzte sich in der Champions-League-Saison 11/12 das ‹Final dahoam› zum Ziel. Das haben die Münchner erreicht. Aber sie haben nie davon gesprochen, dieses Finalspiel auch gewinnen zu wollen. Prompt haben sie verloren. Wenn die Schweiz im Viertelfinal steht, geht’s noch weiter.

Warum?

Weil wir mit Petkovic einen Trainer haben, der sagt: Ich will gegen Brasilien gewinnen. Das ist ein Novum im Schweizer Fussball. Geil! Endlich steht einer hin, macht eine klare Ansage und hofft nicht darauf, ein dreckiges Unentschieden zu erreichen. Die Zeit ist reif für den grossen Coup, der weltweit beachtet wird.

Der Grat zwischen Selbstbewusstsein und Selbstüberschätzung ist schmal. Das hat das Spiel gegen Costa Rica (2:2) gezeigt.

Dieses Spiel sollte man nicht überbewerten.

Warum?

Weil Costa Rica an dieser WM unter Wert geschlagen wurde. Die Schweiz hätte dieses Spiel garantiert gewonnen, wenn sie denn einen Sieg gebraucht hätte.

Sie sehen keine Gefahr der Selbstüberschätzung?

Nein. Ich sehe einen selbstbewussten Trainer mit hoher Glaubwürdigkeit und Sozialkompetenz. Und ich sehe ein Team, das wunderbar funktioniert.

Kann sich die Schweiz gegen Schweden nur selber schlagen?

Schweden hat seine Stärke bewiesen: Sie haben in der Barrage Italien eliminiert. Auch das zweite Gruppenspiel gegen Deutschland hätten sie gewonnen, wenn die Schiedsrichter-Leistung gestimmt hätte. Und Mexiko schlägt man nicht mir nichts dir nichts mit 3:0. Schweden ist stark, das wird ein hartes Stück Arbeit für die Schweiz.

Über mangelndes Glück können sich die Schweizer an der WM nicht beschweren. Zubers Tor gegen Brasilien ging ein Foul voraus und im zweiten Spiel hätte es Penalty für Serbien geben können. Ihre Meinung zu den zwei Situationen?

Ganz klar: Das waren zwei Fehlentscheide.

Premiere: Der Videobeweis greift erstmals an einer Fussball-WM – der Video-Schiedsrichter entscheidet auf Penalty

Premiere: Der Videobeweis greift erstmals an einer Fussball-WM – der Video-Schiedsrichter entscheidet auf Penalty

Wie kann das passieren im Zeitalter des Videobeweises, der den Fussball gerechter machen soll?

Genau – gerechter. Dieses Märchen wird nach der WM ganz sicher wieder erzählt. Dass ich nicht lache. Im Ernst: Wir reden hier von Pseudo-Gerechtigkeit. Das ist eine Weltmeisterschaft, das ist doch kein Grümpelturnier. Der Videobeweis ist in Situationen zum Einsatz gekommen, da muss ich sagen: Hanebüchen! Auf diesem Niveau muss der Schiedsrichter von sich aus richtig entscheiden. Aber nein: Er geht zum Bildschirm, entscheidet richtig und dann heisst es: Bravo! Bravo! Danke Videobeweis! Hallo? Bitte? Das ist ein Witz. Wir reden von Basics – und dafür braucht es einen Videoschiedsrichter?

Gemach, gemach…

Nein, von wegen gemach! Der Videobeweis sollte wie der Airbag im Auto nur im absoluten Notfall zum Einsatz kommen. Aber an der WM passiert es inflationär. Ich will ja auch keinen Airbag, der aufgeht, wenn ich beim Einparken mit dem Reifen das Trottoir streife.

Es gab Momente, da war man dankbar für den Videobeweis! Etwa der zurückgenommene Penalty für Brasilien gegen Costa Rica, als Neymar als Schwalbenkönig entlarvt wurde.

Da hat der Videoschiedsrichter Sinn gemacht. Die Aktion ist in Echtzeit extrem schwer einzuschätzen, die Hand geht auf Neymars Bauch und der fällt. Auch ich hätte spontan so entschieden wie Björn Kuipers – Penalty! Erst im Video sieht man, dass die Berührung bei weitem nicht stark genug war, um Neymar aus dem Gleichgewicht zu bringen. Zum Glück hatte Kuipers die Grösse, auf seinen Entscheid zurückzukommen. Die Szene beinhaltete noch etwas …

Ja?

Ein guter Schiedsrichter wie Kuipers kann sich in die Gedanken und in die Bewegungen eines Fussballers hineinversetzen. Darum war für ihn nach dem Videostudium sofort klar: Das war ein Streicheln, kein Schlag.

Fussball-WM: So funktioniert der Videobeweis

Fussball-WM: So funktioniert der Videobeweis

In Russland wird der Video-Assistent erstmals bei einer WM eingesetzt. Die animierte Grafik zeigt, wie er funktioniert.

Es gab in den Gruppenspielen je einen Handspenalty für Dänemark und den Iran nach dem Videobeweis, obwohl beide Male die Meinungen auseinandergingen.

Ich weiss, was Sie meinen. Und ich sage Ihnen: Beide Schiedsrichter haben live richtig entschieden und nach dem Videostudium falsch. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen soll.

Die Diskussion «Handspiel oder nicht» ist wohl die meistgeführte im Fussball.

Einverstanden. An der WM entscheiden die Schiedsrichter nach dem Motto: Sobald die Hand über der Hüfte ist und den Ball berührt, wird gepfiffen. Meine Herren, das entspricht nicht der Regel.

Wir sehen eigentlich nur die schwarz-weisse Lösung: Hand ist Handspiel.

Das funktioniert nicht, muss es aber auch nicht. Die Regel ist schon jetzt einfach: Geht die Hand zum Ball oder der Ball zur Hand? Ist es Absicht oder nicht? Aus welcher Distanz geht der Ball an die Hand? Ist die Armbewegung natürlich oder nicht? Ich weiss, das sind viele Fragen, aber sie in Sekundenbruchteilen richtig zu beantworten, wäre einfach. Und zwar dann, wenn die Schiedsrichter ein Fussballverständnis haben und wissen, wie der Bewegungsapparat des Menschen funktioniert. Wenn ich hochspringe, ist es völlig normal, dass die Arme hochschnellen.

Plötzlich steht Meier auf. Er hüpft, kickt, grätscht, geht zu Boden, dreht sich um die eigene Achse – auf jede Bewegung folgt das Urteil: «Natürliche Handbewegung» oder «unnatürliche Handbewegung», «verdammt noch mal, das ist doch sonnenklar, auf diesem Niveau muss der Schiri das sehen!».

Die Schiedsrichter müssten häufiger selber Fussball spielen?

Wer nie eine Grätsche gemacht hat oder nie in ein Kopfballduell gegangen ist, hat keine Ahnung, was mit den Händen passiert.

Wenn wir die WM mit der Formel 1 vergleichen: Wie vielen WM-Schiedsrichtern würden Sie die Lizenz für die Formel 1 geben?

Spiele auf höchstem Niveau pfeifen nur die Europäer und die meisten Südamerikaner. Mit Verlaub: Aber die Spiele, die Afrikaner, Asiaten und Nordamerikaner in der Regel leiten, sind mit Formel 3 oder maximal Formel 2 zu vergleichen. An der WM sind die armen Kerle überfordert. Ich mache ihnen keinen Vorwurf.

Wie sieht Ihr Lösungsansatz aus?

Die besten Schiedsrichter aus Afrika, Asien und Nordamerika leiten in den zwei Jahren vor einer WM Spiele im Europacup. Dort werden sie an das Tempo herangeführt und es zeigt sich, ob sie mit dem Tempo überfordert sind.

Mit dem Videobeweis kann es sich der Schiedsrichter einfach machen und das Spiel einfach mal laufen lassen – die höhere Instanz greift dann schon korrigierend ein.

Das ist die grosse Gefahr. Stellen Sie sich vor: Der Schiedsrichter lässt eine strittige Abseitssituation laufen, in der Folge mäht der Goalie den Stürmer um, es gibt Penalty und Rot für den Goalie. Und dann stellt sich heraus: Vorher war Abseits! Was dann? Den Penalty zurücknehmen, die rote Karte aber nicht, weil das Foul sackgrob war? Das ist vogelwild!

Sie haben sich vor der WM gegen den Videobeweis ausgesprochen.

Nicht per se. Ich war und bin der Meinung: In Extremsituationen kann er hilfreich sein. Noch mal der Vergleich zum Airbag: Es beruhigt, dass es ihn gibt. Aber mein Ziel muss es sein, dass ich ihn nie brauche.

Ist der Videoschiedsrichter der Chef?

Nein, der steht immer noch auf dem Platz, doch hat sich das Kompetenzzentrum in den Videoraum verschoben. Dort sitzen Schiedsrichter, die in ihren Ligen nie auf WM-Niveau gepfiffen haben. Noch etwas…

Ja?

Es ist verdammt schwer, Situationen am Bildschirm zu entscheiden. Wieder ein Beispiel: Nur anhand der TV-Bilder hätte ich Cristiano Ronaldo nach seinem Rencontre gegen einen Iraner auch nur Gelb statt Rot gezeigt. Aber wäre ich auf dem Platz gestanden, hätte ich ihn wohl vom Platz gestellt. Die Aktion hatte vermutlich eine Geschichte in den Spielminuten davor. Aber diese Geschichte erfahre ich am TV nicht, die erfahre ich nur auf dem Platz, wenn ich mittendrin bin. Ronaldo und der Iraner trafen in diesem Spiel ganz bestimmt nicht das erste Mal aufeinander. In diesem Kontext wäre ich wohl zu ihm und hätte gesagt: «Ronaldo. So nicht. Raus!» Ich habe mal Zidane vom Platz gestellt, obwohl die TV-Bilder zeigten, dass er den Gegner nicht berührt hat, weil dieser im letzten Moment ausweichen konnte. Aber auf dem Platz spürte ich seine Absicht, nur den Gegenspieler treffen zu wollen. So einen will ich nicht auf dem Platz.

Was wollen Sie damit sagen?

Wir brauchen Schiedsrichter mit mehr Persönlichkeit und – sorry für den Ausdruck – Eiern in der Hose. Und wir brauchen Schiedsrichter, die wissen, wie die Spieler ticken. Womit wir beim ewigen Thema sind: Es braucht endlich Profischiedsrichter. Der Fussball hat sich in den vergangenen Jahren exponentiell weiterentwickelt, das Schiedsrichterwesen nicht im gleichen Mass, das kann nicht aufgehen. Das ist wie mit der Polizei und dem Verbrechen: Entwickelt sich das Verbrechen schneller als die Polizei, werden Massnahmen ergriffen, um die Differenz auszugleichen.