Rassismus-Skandal
Ex-Schiri Urs Meier ausser Kontrolle: Aber er ist nicht der einzige Fussball-Experte bei blue Sport, der verbal entgleist

Im Champions-League-Spiel zwischen Paris Saint-Germain und Basaksehir Istanbul soll der vierte Schiedsrichter einen Betreuer der Türken rassistisch beleidigt haben. Die blue-Sport-Expertenrunde mit Urs Meier, Rolf Fringer und Mladen Petric goutiert nicht, dass Basaksehir den Spielabbruch provozierte.

François Schmid-Bechtel
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Pierre Webo, Co-Trainer von Basakshehir, im Gespräch mit dem Schiedsrichter.

Pierre Webo, Co-Trainer von Basakshehir, im Gespräch mit dem Schiedsrichter.

Ian Langsdon / EPA

Bei blue Sport, früher Teleclub, läuft im Champions-League-Studio einiges aus dem Ruder. Das hat weniger mit Moderator Roman Kilchsperger, als mit den Experten zu tun. Vor zwei Wochen sagte Mladen Petric: «Barcelona ist für mich zu vergleichen mit einem Krebspatienten. Mit Lionel Messi als Tumor.»

Am Dienstag nun die nächsten verbalen Entgleisungen. Sowohl Ex-Schiedsrichter Urs Meier wie auch Ex-Trainer Rolf Fringer und Ex-Fussballer Petric verurteilen das Verhalten der Basaksehir-Spieler. Diese zogen sich in die Kabine zurück, nachdem ihr kamerunischer Assistenztrainer Pierre Webo vom vierten Schiedsrichter rassistisch beleidigt worden sein soll.

Knapp eine halbe Stunde nach dem Vorfall in Paris diskutiert am Dienstagabend die blue-Sport-Männerrunde in der Pause das Geschehen auf den Champions-League-Plätzen. Dabei wird zwangsläufig der Spielunterbruch im Parc de Princes thematisiert. Meier weiss in Volketswil detailliert, was Minuten zuvor im 600 Kilometer entfernten Paris gesprochen wurde - bemerkenswert.

Meier, stechender Blick und strenge Mine, meldet sich zu Wort. «Negru!», soll der Rumäne gesagt haben, weiss der frühere Spitzenschiedsrichter. Auf Deutsch übersetzt heisse das Schwarz. «Es gibt schon einen kleinen Unterschied, ob man negro oder wie die Rumänen negru sagt. Das eine ist eine klare Beleidigung, das andere heisst einfach Schwarz», sagt Meier. Über die Aussenmikrofone in Paris hört man aber nur den Basaksehir-Assistenten Webo, wie er aufgebracht ständig wiederholt: "Warum nennst du mich negro?"

Männerrunde im blue-Studio: Rolf Fringer, Roman Kilchsperger, Urs Meier und Mladen Petric (von links nach rechts).

Männerrunde im blue-Studio: Rolf Fringer, Roman Kilchsperger, Urs Meier und Mladen Petric (von links nach rechts).

Screenshot blue.tv

Fringer spricht von «Missverständnis»

Dünnes Eis im blue-Studio in Volketswil. Man wünschte dem souveränen Kilchsperger, dass die Regie die Diskussion mit einem Werbeblock unterbrechen würde. Die Experten in die Kabine schickt. Aber nichts da. Die Horror-Show muss weitergehen. Und jetzt wirds absurd.

Meier: «Es geht nicht, dass der Klub vom Platz geht.» Fringer: «Vielleicht war es nur ein Missverständnis und der vierte Offizielle hat es gar nicht so gemeint. Dann ist der Rückzug eine harte Massnahme. Wo kommen wir da hin, wenn irgendjemand etwas ruft, dass man gleich wieder nach Hause geht?» Petric: «Wenn das böse N-Wort gebraucht worden ist, dann ist es ein super Zeichen. Wenn es sich aber um die Hautfarbe handelt, finde ich die Aktion ebenfalls übertrieben.»

Fussball ist mehr als Doppelpass, Gegenpressing und Penalty. Fussball ist Politik, ist Wirtschaft und vor allem Gesellschaft. Wird nicht der Fussball als integrative Kraft gerühmt? Auch von sogenannten Doppelpass-Experten, die offenbar nicht viel von Integration verstehen. Und reklamiert nicht der Fussball selbst eine Vormachtstellung in Sachen Gleichberechtigung, Respekt und Toleranz? Und wir erwarten von den Fussballern, dass sie sich gesellschaftlich relevanten Themen nicht verschliessen und Missstände anprangern? Wir kriegen sie ja immer wieder vorgesetzt, die Stars, die vielen unterschiedlichen Gesichter unterschiedlichster Herkunft, wie sie in ihrer Muttersprache fordern: «Sag nein zu Rassismus.» Wir erwarten, dass die Spieler handeln und nicht nur reden. Nun haben sie gehandelt und es wird kritisiert, das ist schizophren.

Ex-Schiedsrichter Urs Meier sorgt mit seinen Äusserungen im TV-Studio von Blue für Kopfschütteln.

Ex-Schiedsrichter Urs Meier sorgt mit seinen Äusserungen im TV-Studio von Blue für Kopfschütteln.

Screenshot blue.tv

Also, meine Herren Meier, Fringer, Petric: Egal ob negru oder negro, es geht beides nicht. Entscheidend ist nicht, wie es der Absender meint, sondern wie es der Empfänger auffasst. Aber es geht sehr wohl, wenn Spieler, von denen wir erwarten, dass sie sich öffentlich gegen Rassismus aussprechen, dann auch konsequent handeln.

Man wünschte, dass blue Sport zu den verbalen Entgleisungen ihrer Experten Stellung nimmt. Man wünschte zu erfahren, ob die verbalen Entgleisungen intern thematisiert würden und wie man solche künftig verhindern wolle. Aber bis Mittwoch 16 Uhr waren bei blue Sport weder die Pressesprecherin noch die Leiterin Claudia Lässer erreichbar. Und man wünschte, dass in einer Fussballsendung mehr als nur der Doppelpass und das Gegenpressing thematisiert wird. Und wenn es so ist, man sich als Zuschauer nicht fremdschämen muss. Nur bräuchte es dafür vielleicht einen Impuls von der Trainerbank.

PS: Um 16.10 Uhr kommt dann doch noch eine Reaktion von der blue-Zentrale. In einem schriftlichen Statement lässt der Sender verlauten: «Rassismus und Diskriminierung haben keinen Platz in unserer Gesellschaft. Wir teilen die Empörung in Bezug auf die Geschehnisse im Stadion in Paris. Es war nie die Absicht, diese in irgendeiner Form zu verharmlosen. Wir sind dazu auch im Austausch mit unseren Studioexperten. Als Sender distanzieren wir uns zusammen mit allen unseren Moderatoren und Experten von jeglicher Form von Rassismus.»