Interview

Ex-FCZ-Torhüter Johnny Leoni über sein neues Leben: «Hier in Japan ist es wie im Wallis»

Mit dem FC Zürich wird Leoni dreimal Schweizer Meister. Keystone

Mit dem FC Zürich wird Leoni dreimal Schweizer Meister. Keystone

Johnny Leoni wechselte im März nach Asien – und könnte sich vorstellen, noch länger zu bleiben.

Johnny Leonis Karriere verläuft lange konventionell. Und sehr erfolgreich: 2005 wird der Walliser mit dem FC Zürich Cupsieger, zwischen 2006 und 2009 drei Mal Schweizer Meister. Er spielt in der Champions League, ist dritter Goalie der Schweizer Nationalmannschaft und steht in einem Länderspiel auf dem Platz. 2012 erfolgt der Bruch. Leoni wechselt nach neun Jahren in Zürich ins Ausland.

Doch trotz dem schönen Palmarès wird keine Top-Liga seine Heimat, sondern Omonia Nikosia. Nach einem glücklosen Abstecher zu Neftschi Baku wechselt Leoni danach zu Maritimo Funchal auf die portugiesische Atlantik-Insel Madeira. Als der Vater im Sterben liegt, kehrt der Torhüter 2014 in die Schweiz zurück.

Er hütet in der Challenge League das Tor von Le Mont und wird im Sommer 2015 vereinslos. Doch Johnny Leoni will weiter Profi sein und im Frühling 2016 öffnet sich eine Türe: Nagano Parceiro klopft an, dritthöchste japanische Liga. Leoni ist sofort Feuer und Flamme. Er ist es nach wie vor und freut sich am Telefon über das Interesse aus der Heimat.

Sie sind nun ein halbes Jahr in Nagano. Wie gefällt Ihnen das Leben in Japan?

Johnny Leoni: Ich bin wirklich überglücklich hier. Alles läuft gut. Ich spiele und die Mannschaft ist erfolgreich. Die Leute hier sind sympathisch, auch wenn die Sprache schwierig ist. Ich besuche eine Japanisch-Lektion in der Woche. Leider ist meine Familie nicht dabei, aber sie haben mich schon drei Mal besucht und in zehn Tagen kommen sie erneut.

Weit weg von zu Hause: Johnny Leoni (hintere Reihe, 3. von links) ist beim AC Nagano Parceiro ein Exot.

Weit weg von zu Hause: Johnny Leoni (hintere Reihe, 3. von links) ist beim AC Nagano Parceiro ein Exot.

Das Leben ist bestimmt anders als das in Zürich oder im Wallis. Was sind die grössten Unterschiede?

Die Mentalität und die Kultur sind ganz anders. Es ist wie Tag und Nacht. In Japan wird sehr viel Wert auf Traditionen gelegt. Wenn man irgendwo ist, dann muss man die Schuhe ausziehen. Oder bestimmte Sachen sind verboten. Das war anfangs für mich ein bisschen schwierig, aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt.

Wie hat es Sie überhaupt ausgerechnet nach Japan verschlagen?

Ich habe nach dem Ende in Le Mont immer gesagt, dass ich auch weiterhin in einer Profi-Mannschaft spielen will. Aus der 1. Liga erhielt ich viele Angebote, zum Teil auch kombiniert mit einem Arbeitsplatz. Aber ich bin noch fit und erst 32 Jahre alt. Ich möchte noch so lange wie möglich Profi sein. In der Liga hier hat es 38- oder 40-jährige Goalies, die immer noch fit sind. Das ist mein Ziel.

In einem früheren Interview sagten Sie, dass Japan als Land Sie schon länger fasziniert habe. Ist es nun so, wie Sie es sich erhofft haben?

Ja. Ich wusste, dass Japan in etwa wie Europa ist: Alles ist sauber, die Menschen sind sympathisch und gehen respektvoll miteinander um. Ich wollte immer mal Japan besuchen. Als ich dann das Angebot erhielt, musste ich nicht lang überlegen.

Wie sieht Ihr Alltag aus in Nagano?

Während der ersten fünf Wochen wohnte ich in einem Hotel, seither habe ich eine kleine Wohnung. Nichts Luxuriöses, sie ist typisch japanisch. Die Menschen hier arbeiten den ganzen Tag und gehen bloss zum Schlafen nach Hause. Aber es passt so für mich. Auch ein Auto habe ich vom Klub erhalten.

Und wie ist das Autofahren da?

Ich habe trotz des Linksverkehrs keine Probleme, ich kenne das von meinem Jahr auf Zypern. Nagano ist für japanische Verhältnisse eine Kleinstadt. Sie ist zwar mit rund 400 000 Einwohnern etwa so gross wie Zürich, aber hier ist das wirklich klein.

Nagano haben wir in der Schweiz vor allem als Stadt der Olympischen Winterspiele 1998 in Erinnerung. Also muss es da Berge haben.

Das stimmt, es ist hier wie im Wallis. Es hat wirklich viele Berge hier. Sie sind auch so schön wie die zu Hause. Als ich im März ankam, lag noch ein bisschen Schnee. Jetzt spürt man, dass der Winter vor der Türe steht.

Ihre Familie hat Sie zwar bereits drei Mal besucht, dennoch leben Sie alleine. Wie schwierig ist es, Ihre Frau und die beiden Kinder nicht bei sich zu haben?

Es ist schon schwierig für mich. Wir haben über das vor dem Wechsel nach Japan auch diskutiert. Aber meine Frau wusste, dass ich weiterhin als Profi spielen will. Da ich einen Vertrag über neun Monate erhielt, war die Dauer der Trennung absehbar.

Im Kader von Nagano Parceiro sind fast nur Japaner und Südkoreaner. Sie sind zusammen mit einem Brasilianer die einzigen Spieler aus dem fernen Ausland. Wie ist der Umgang mit den Teamkollegen, wenn man kaum mit ihnen reden kann?

Mein Glück ist, dass der Goalietrainer von Nagano Parceiro Englisch spricht. Der brasilianische Stürmer Conrado kam vor zwei Monaten zum Klub und weil meine Frau Portugiesin ist, kann ich mit ihm portugiesisch sprechen. Das ist natürlich gut für mich. Die Japaner können auch ein wenig Englisch und ich kann ein bisschen Japanisch. Zumindest kann ich die Kommandos auf dem Platz rufen.

Und ihre Autogrammkarten unterschreiben Sie mit unseren Buchstaben oder auf Japanisch?

Ich kann beides. Aber die Menschen haben grosse Freude, wenn ich ihnen die Autogrammkarten mit dem lateinischen Buchstaben unterschreibe. Ich bin einer der Publikumslieblinge, das freut mich natürlich.

Dann werden Sie erkannt, wenn Sie in der Stadt unterwegs sind?

Ja, die Fans erkennen mich schon auf der Strasse. Ich habe jetzt auch blonde Haare. Aber die Japaner sind ein sehr schüchternes Volk. Wenn sie mich um ein Foto fragen, dann immer extrem höflich.

Sie spielen in der dritten Liga. Zumindest das Stadion sieht im Internet toll aus. Wie ist die Stimmung bei den Spielen?

Die ist super, unsere Fans sind auch wirklich toll. Das Stadion hat Platz für 15 000 Zuschauer. Unser Rekord in dieser Saison waren 10 000 oder 11 000 Fans. In der Regel kommen zwischen 3000 und 6000 Zuschauer. Schön ist, dass es hier keine Hooligans gibt. So sind die Leute hier erzogen. Es gibt weder Schlägereien noch Randale. Die Leute kommen einfach mit der Familie ins Stadion und wollen einfach nur Spass haben.

Und wie ist das sportliche Niveau?

Es ist eine professionelle Liga. Ich denke, das fussballerische Niveau ist irgendwo zwischen Super League und Challenge League. Aber ich verfolge den Schweizer Fussball nur noch am Rande. Auffallend ist, dass sehr viele Tore nach Standards fallen. Wieso das so ist, weiss ich nicht.

Ihr Team kann das offenbar nicht schlecht. Sie spielen mit Nagano vorne mit.

Ja, und das nächste Spiel wird entscheiden, ob wir noch um den Aufstieg spielen können. Wir spielen gegen den Tabellenzweiten und können mit einem Sieg den Rückstand auf vier Punkte reduzieren, danach sind nur noch fünf Runden zu spielen. Der Zweite bestreitet eine Barrage um den Aufstieg in die zweite Liga. Mit einem Sieg ist alles möglich – bei einer Niederlage ist es wohl vorbei.

In China können Fussballer neuerdings extrem viel Geld verdienen. Wie sieht das in Japan aus?

In der dritten Liga steckt nicht viel Geld. In den ersten beiden Ligen verdient man besser. Aber das Leben in Japan ist nicht so teuer, darum kann man ein bisschen Geld machen. Mein primäres Ziel war es aber sowieso, spielen zu können, mir in Japan einen Namen zu machen. Und dann gehts hoffentlich nochmals los.

Ende Saison läuft Ihr Vertrag mit Nagano Parceiro aus. Wissen Sie schon, wie es danach weitergeht?

Nein. Die Situation ist speziell. In Japan gelten Verträge bis Ende November, aber Klubs und Spieler dürfen erst ab Anfang November miteinander über einen neuen Kontrakt verhandeln. Ich finde das komisch, aber so ist es nun halt. Okay, ich kann warten. Aber es ist auch mit einem Risiko verbunden. Wenn du dich jetzt noch verletzt, dann gibt dir kein Klub einen Vertrag.

Wenn man Ihnen zuhört, dann würden Sie gerne in Japan bleiben.

Absolut. Mein Ziel ist es, einen Klub in einer grossen Stadt zu finden. Dann kann meine Familie auch kommen und die Kinder können eine internationale Schule besuchen. Für mich ist es das Wichtigste, dass wir alle zusammen sind.

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