Renato Steffen, Sie standen nur drei Mal in der Startelf und sassen gar zwei Mal auf der Tribüne. Sie haben sich Ihre ersten drei Monate beim VfL Wolfsburg anders vorgestellt, oder?

Renato Steffen: Ich bin schon mit einer anderen Erwartung hierher gekommen. Im Nachhinein betrachtet waren diese ersten drei Monate auch etwas turbulent. Mir war natürlich klar, wo der Verein in der Tabelle steht.

Aber ich habe nicht erwartet, dass ich hierher komme und so schnell der Trainer wechselt. Das war sicher nicht einfach und hat auch meine Situation verändert. Es war ein Auf und Ab. Aber, und das will ich klarstellen: Ich bereue es nicht, dass ich gewechselt bin.

Sie sprechen den Trainerwechsel an. Fühlen Sie sich etwas im Stich gelassen von Martin Schmidt?

Nein, das nicht. Wenn er meint, dass er die Mannschaft nicht mehr erreicht habe, ist das eine Begründung, die man verstehen muss. Es ist schade, vor allem auch für mich, weil er mich und meine Stärken gut kannte und wusste, was er an mir hat. Welche Bedeutung sein Abgang für mich persönlich hat, habe ich erst später gemerkt.

Bruno Labbadia kennt mich noch nicht so gut wie die anderen Spieler. Dann kommt dazu, dass der Wechsel in einer Phase war, in der ich noch dabei war, aufzuholen. Ich hatte ja kaum eine Vorbereitung.

Das ist schwer und es ist klar, dass du zu diesem Zeitpunkt noch nicht 100 Prozent abrufen kannst. Vor allem weil diese Liga – gerade im Vergleich mit der Super League - sehr physisch und laufintensiv ist. Daher sind meine Einsatzzeiten auch noch kürzer als unter Schmidt.

Wie weit weg sind Sie von einem Stammplatz?

Ich glaube nicht sehr weit. Ich habe vor zwei Wochen mit dem Trainer länger geredet, wir haben zusammen eine Analyse gemacht. Dort hat er mir seine Sicht geschildert und mir auch zu verstehen gegeben, dass ich wichtig bin in dieser Mannschaft. Das wiederum war wichtig für mich. Ich bin zwar nicht mehr 20 und brauche es nicht, dass mir jemand die Hand hält. Wertschätzung ist mir generell aber schon wichtig.

Bekommen Sie diese denn genug?

Es ist so: Man weiss, dass ich nicht von irgendeinem Verein komme. Es ist immerhin der FC Basel, ein Aushängeschild der Schweiz und europäisch anerkannt. Aber ich habe auch merken müssen, dass die Wahrnehmung der Schweizer hier nun einmal anders ist als bei solchen Spielern, die bereits in Deutschland oder England gespielt haben.

Ich sage es mal etwas salopp: Du bist immer der kleine Schweizer auf den niemand gewartet hat. Daher musst du halt etwas mehr machen, um ein anderes Standing zu bekommen. Aber ich bin ein Kämpfer und beisse mich durch, auch wenn es mal etwas härter ist wie jetzt gerade.

Es ist das erste Mal, dass Sie bei einem Verein nicht gesetzt sind.

Das ist so. Ich vergleiche die momentane Situation mit meinen Anfangszeiten in Thun. Damals kannte mich keiner und ich musste mich durchbeissen und mir einen Namen machen.

Sie sind jemand, der lange braucht, um sich an Neues zu gewöhnen. Hat der Wegzug aus der Heimat auch einen Einfluss darauf, dass es sportlich noch nicht so läuft?

Sicher hat das auch damit zu tun. Ich bin hierher gekommen, hatte niemanden, wohnte zuerst zweieinhalb Monate im Hotel. Das war nicht einfach. Mittlerweile habe ich eine Wohnung, bis die aber eingerichtet ist, ist die Saison vorbei (lacht). Weil mir all das aber bewusst war, habe ich mir auch gesagt, dass ich mir eine halbe Saison Zeit gebe, um anzukommen, alles kennenzulernen um dann im Sommer voll angreifen zu können.

Renato Steffen, hier im Dress von Wolfsburg während dem Spiel gegen Bayern München

Renato Steffen, hier im Dress von Wolfsburg während dem Spiel gegen Bayern München

Als es Ihnen beim FCB in der Hinrunde sportlich nicht lief, sagten Sie, Sie hätten die Lust am Fussball verloren.

Das lag nicht am FCB. Überhaupt nicht. Ich vermisse diese Zeiten auch.

Wieso sind Sie denn weg gegangen?

Ich habe nach einer neuen Aufgabe gesucht und hatte das Gefühl, dass meine Karriere einen neuen Impuls braucht. Ich wollte einen weiteren Schritt machen. Einen, bei dem ich mir sicher bin, das er mich in meiner persönlichen Spielweise und in meiner Karriere weiter bringen wird, egal, wie die Zeit hier sich am Ende entwickelt.

Fühlen Sie sich hier schon Zuhause?

Je länger ich hier bin, desto mehr kommt dieses Zuhause-Gefühl. Jetzt ist auch meine Verlobte endlich hier, also habe ich alles, was ich brauche. Die Familie war zwar noch nicht da, aber die besuchen mich auch bald. Und wenn es geht, komme ich auch oft in die Schweiz.

In Ihrer Basler Zeit haben Sie betont, wie wichtig es Ihnen ist, wieder näher bei Ihren Eltern zu wohnen als in Ihren YB-Zeiten. Jetzt sind Sie wiederum noch weiter weg.

Da stimmt, meine Eltern sind ein wichtiger Teil meines Lebens und gerade in meiner Zeit in Basel ist unser Draht wieder enger geworden. Mittlerweile habe ich in meinem Leben ganz klar definiert, wen ich brauche und wen nicht. Auf das ganze Umfeld bezogen. Das hat sich schon in meiner letzten halben Saison beim, FCB abgezeichnet.

Im Zusammenhang mit den Anfeindungen gegen Sie?

Genau. Meistens merkt man es ja nur in Situationen, in denen es nicht gut läuft, wer für dich da ist. Gerade in meinem letzten Halbjahr habe ich gemerkt, dass viele Leute, die in der Saison vorher da waren, das plötzlich nicht mehr waren. Ab diesem Zeitpunkt habe ich angefangen, Abstand zu halten. Ich will nur noch Leute um mich, die mir gut tun. Auch, weil viele lebensverändernde Dinge anstehen im privaten Leben.

Sie sprechen die Hochzeit an?

Auch. Sie wird im Sommer 2019 stattfinden. Da sind wir auf Hochtouren, was die Planung betrifft. Aber vor allem, dass meine Verlobte schwanger ist und wir im August Eltern werden.

Herzliche Gratulation. Da setzen Sie Taulant Xhaka aber unter Druck. Schliesslich haben Sie Beide sich schon gleichzeitig verlobt.

Das ist eine lustige Geschichte, ja. Ich habe ihm damals von meinen Plänen erzählt, den Antrag in der Winterpause auf den Malediven zu machen. Und er sagte nur: ‹Ach echt? Ich habe ebenfalls vor, es es in der Winterpause zu tun›. Aber es ist nicht so, dass wir intern ein Rennen hatten (lacht).

Wenn wir schon von ihm sprechen. Wie ist Ihr Kontakt seit Ihrem Abgang?

Der ist immer noch sehr eng. Er und andere Spieler, mit denen ich viel zu tun hatte, werden auch zur Hochzeit eingeladen. Diesen Kontakt – vor allem mit Tauli, Michi Lang, Raoul Petretta, Albi Ajeti oder ab und an mit Davide Callà – den will ich auch nicht verlieren. Ich schaue mir alle Spiele an, das ist alles noch sehr präsent.

Und ich habe die Mannschaft auch kürzlich im Training besucht und man hat gemerkt, wie sehr sie sich gefreut haben, dass man sich gesehen hat. Und ich wiederum, wieder zurück zu sein. Hätte ich den Drang nach etwas Neuem nicht gehabt, wäre ich auch sehr gerne beim FCB geblieben.

Renato Steffen im Einsatz in der Champions League gegen Benfica

Renato Steffen im Einsatz in der Champions League gegen Benfica

War dieser Drang denn so gross, dass es unbedingt im Winter hat sein müssen?

Ich weiss, dass es so ausgesehen hat. Aber das Angebot war zu diesem Zeitpunkt da, dann hat es geheissen entweder ich mache es jetzt oder die Möglichkeit ist weg. Und ich wollte es sehr gerne machen. Aber auch für mich ist alles sehr schnell gegangen.

Ich hatte genau so wenig Zeit mich darauf vorzubereiten wie die Mannschaft oder die Fans. Ich habe mich aber keinesfalls quergestellt oder so ein Theater gemacht, wie es sonst mittlerweile oft im Fussball gemacht wird, wenn ein Spieler einen Wechselwunsch hat.

War es das einzige Angebot, das Sie vorliegen hatten?

So konkret schon, ja. Wolfsburg ist nicht irgendein Verein, sondern einer mit einer sehr guten Vergangenheit und Perspektive. Als ich hörte, dass sie mich wollen, habe ich gleich gesagt, dass ich das machen muss, wenn ich es jetzt schon tun kann. Vor allem auch, nachdem es im Sommer nicht geklappt hatte.

Würde Ihr Vertrag auch in der zweiten Liga laufen?

Das weiss ich gar nicht (lacht). Klar bin ich nach Wolfsburg gekommen, um Bundesliga zu spielen. Das ist und bleibt mein Ziel. Aber egal was passiert: Ich bin nicht einer, der sagt, ich packe meine Sachen und geht.

Gegangen sind Sie vom FCB, einen Abschied gab es nicht. Ist noch etwas geplant?

Ich habe jedenfalls nichts gehört. Das ist aber auch nicht so schlimm, weil es für mich kein Abschied für immer gewesen ist. Für mich ist klar, dass ich irgendwann in die Schweiz zurückkehren werde. Wenn das beim FCB ist, wäre das schön.

Schliesslich hatte ich dort eine der schönsten Zeiten in meiner Karriere, auch mit dem ganzen Umfeld. Sollte das irgendwann tatsächlich so sein, dass ich zum FCB zurückkehre, ist Tauli ja sicher immer noch da, und vielleicht sogar Michi Lang (lacht).

Sie haben vorher gesagt, Sie vermissen die Zeit in Basel auch ab und an.

Sicher vermisse ich diese verrückten Typen (lacht)! Das habe ich gerade gemerkt, als ich sie besucht habe. Ich war zweieinhalb Jahre in Basel, kenne alles und jede Ecke. Hier ist das anders.

Wenn ich dann, insbesondere in meiner Anfangsphase hier, zu Hause oder auch sonst alleine war, habe ich diese Leute schon vermisst. Das wird auch immer so sein, denke ich. Gerade mit Tauli habe ich wirklich einen Mitspieler und Kollegen gefunden, mit dem ich mich sehr gut ergänzt habe auf dem Platz.

Und nebenan noch besser.

Ja (lacht)! Wir haben uns immer zu Höchstleistungen motivieren können. Das fehlt einem natürlich in schwierigen Situationen. Aber für solche Fälle gibt es ein Telefon, und wenn man dann über Facetime miteinander redet und herumblödelt, bringt einen das wieder auf andere Gedanken und alles ist wieder gut.

Nicht nur der FCB fehlt Ihnen, sondern Sie auch der Mannschaft. Das wurde nach dem Rückrundenstart deutlich. Glauben Sie, man hat Ihre Rolle vielleicht etwas unterschätzt?

Ich hatte nicht so viele Scorerpunkte, das sehe ich auch. Aber ich war an vielen Szenen beteiligt, in denen Tore gefallen sind. Daher sieht man, dass ich doch eine Rolle gespielt habe. Und diese Rolle habe ich auch angenommen.

Auch wenn ich immer sehr locker war im Training, immer mal wieder Sprüche gemacht habe und das gerade auch beim Staff vielleicht nicht immer gut angekommen ist, habe ich gerade die jungen Spieler mitziehen und die Stimmung im Team aufrechterhalten können. Vielleicht hätte ich aber ab und an etwas ernster sein sollen.

Renato Steffen freut sich über eines der Tore die er im Basler Trikot erzielen konnte.

Renato Steffen freut sich über eines der Tore die er im Basler Trikot erzielen konnte.

Wieso?

Ich war zwar ein Führungsspieler und habe immer das Vertrauen bekommen und gespielt. Aber das Gefühl, sehr wichtig für die Mannschaft zu sein, das hat schon ein bisschen gefehlt. In gewissen Situationen in der Meisterschaft hatte ich das eigentlich gar nicht.

Wer hat Ihnen dieses Gefühl nicht gegeben?

Das war ein allgemeines Gefühl und ich möchte auch nicht, dass das jetzt negativ rüber kommt. Ich habe immer versucht, Verantwortung zu übernehmen, gerade auch nach dem Rücktritt von Mati waren wir die Älteren und mussten seine Rolle zusammen übernehmen.

Das ist uns auch gelungen in dieser halben Saisonund das ist auch das, was ich jetzt im Nachhinein höre. Darum finde ich es dann auch schade, wenn ich mitbekomme, dass Raphael Wicky gesagt hat, ich hätte nicht mehr so gespielt wie er sich das gewünscht habe, weil ich wahrscheinlich einen Wechsel im Kopf hatte. Ich kann mir nicht vorwerfen, dass ich nicht alles gegeben habe. Dass nicht alles geklappt hat, ist Tatsache.

Tatsächlich ist es auch so, dass ihr Wechsel und jener von Manuel Akanji, gepaart mit den Winterzuzügen, die die Mannschaft aus dem Gleichgewicht gebracht haben.

Das an Manu und mir festzumachen finde ich zu hoch gegriffen. Natürlich hat Manu der Mannschaft Stabilität gegeben und für eine gute Spielauslösung gesorgt und ich habe den Willen und das Feuer in die Mannschaft bringen können. Zu sehen, dass es zuletzt nicht so gut geklappt hat, tut mir auch weh. Gerade das Spiel in Bern, in dem sie gut gespielt haben, aber das Tor einfach nicht fallen wollte. Da fühle ich mit.

Sie waren aber auch mal bei YB. Könnten Sie sich für die Berner freuen, wenn sie Meister werden?

Sicher. Man muss auch sagen, dass sie es absolut verdient haben. Auch wenn das nicht viele hören wollen. Ich habe bereits zu Beginn der Saison gemerkt, dass sie gut drauf sind und es auch schaffen könnten, wenn sie es durchziehen können. Mit dem FCB wiederum haben wir zu Hause zu viele Punkte liegen lassen, dann hast du es nicht verdient.

Sie spielen sehr schönen Fussball, sehr schnellen Fussball und sehr guten Fussball. Vielleicht ist auch gut für den Schweizer Fussball, wenn beim FCB der Hunger wieder angeregt wird. Der wird es nicht auf sich sitzen lassen wollen.

Wann haben Sie gedacht, dass YB es wirklich durchziehen kann?

Im Winter sah es zwar für den FCB noch sehr gut aus, aber ich hatte bei uns in der Mannschaft vor Saisonstart ein Gefühl, dass etwas anders ist. Dieses Gefühl, dass dir sagt, dass es schwierig werden wird. Je länger die Saison lief, desto mehr hatte ich dieses Gefühl.

Es sind so viele Dinge passiert – neue Führung, neues Konzept, Spieler die aus dem Nichts gehen – das geht auch an einem FCB nicht spurlos vorbei. Jahrelang konnte das kompensiert werden, weil immer Spieler da waren, die alles abfangen konnten. Ältere Spieler. Aber als Mati auch noch weg war, war keiner mehr da. Dann geht es irgendwann nicht mehr.

Wenn Sie von Ihrem Gefühl sprechen: Was sagt Ihnen das bezüglich Nationalmannschaft?

Ich war sehr enttäuscht, dass ich für die letzten Testspiele nicht berücksichtigt wurde. Ich habe schon gedacht, dass ich jetzt, wo ich in einer anderen Liga bin und in dieser Phase auch gespielt habe, sicher dabei sein würde.

Haben Sie auch deshalb gewechselt?

Das war sicher auch ein Grund.

Hat Vladimir Petkovic Ihnen erklärt, wieso Sie nicht dabei waren?

Nein. Aber ich bin auch nicht der Typ, der immer nachfragt. Das werde ich auch nie sein. Ich will die Antwort auf dem Platz geben, werde jetzt Vollgas geben und versuchen, in den verbleibenden zwei Monaten genügend Argumente zu liefern.