Schwingen

Ewiges Gesetz besagt: Wer den Schlussgang verliert, kann nie mehr König werden

Christian Stucki unterliegt im eidgenössischen Schlussgang 2013 seinem Berner Kollegen Matthias Sempach.LUKAS LEHMANN/Keystone

Christian Stucki unterliegt im eidgenössischen Schlussgang 2013 seinem Berner Kollegen Matthias Sempach.LUKAS LEHMANN/Keystone

Der Blick in die Vergangenheit zeigt, warum Christian Stucki am Eidgenössischen Schwingfest in Estavayer nicht König wird.

Nur alle drei Jahre findet dieser Kampf statt. Der finale Showdown um die eidgenössische Krone. Der Schlussgang des eidgenössischen Schwingfestes am späteren Sonntagnachmittag. Dem Sieger winkt ewiger Ruhm. Er wird König und trägt diesen Titel bis ans Ende seines Lebens. Auch wenn er seinen Thron einem Nachfolger überlassen muss. Es gibt keine Ex-Könige. Es gibt nur eine ganze Reihe von Königen.

Wer verliert, zahlt hingegen einen hohen Preis. Er bleibt für alle Zeiten ein eidgenössischer Verlierer. In der Neuzeit ist der Verlierer des eidgenössischen Schlussganges nie mehr König geworden. Nicht einmal Karl Meli oder Ernst Schläpfer. Ein einziger König hat nach seiner Entthronung noch einmal die Krone geholt. Jörg Abderhalden. Aber er hat nie einen Schlussgang verloren. 2001 in Nyon trennte er sich von Arnold Forrer ohne Resultat und Forrer wurde zum König ausgerufen.

Das Gesetz «they never come back» galt einst für die Boxer der Schwergewichtsklasse. Floyd Patterson bricht es am 20. Juni 1961. Die Schwinger warten weiterhin auf ihren Floyd Patterson. Ein unerfindliches Schicksal will es, dass sie nicht mehr würdig sind, König zu werden, wenn sie einmal den eidgenössischen Schlussgang verloren haben.

Ein Blick zurück zeigt: Kaum eine Niederlage hat dramatischere Auswirkungen. Die Geschichte sagt uns daher auch, dass Christian Stucki, der Schlussgang-Verlierer von 2013 in Burgdorf, am Sonntag nicht König werden kann.

  • 1966: Karl Meli verliert in Frauenfeld den Schlussgang völlig überraschend gegen den Berner Rekruten Ruedi Hunsperger. Meli bleibt zwar ein Titan und wird 1973 sogar noch Kilchberg-Sieger. Aber die Krone des Königs holt er nie mehr. Hunsperger wird auch 1969 und 1974 König und tritt dann zurück. Auf das Fest von 1972 hatte er wegen des Todesfalles seines Vaters verzichtet und die Krone holte David Roschi. Sonst wäre er viermal hintereinander König geworden.
  • 1986: Ernst Schläpfer visiert einen historischen Rekord an: Dreimal hintereinander König werden. 1980 in St. Gallen gegen Kurt Schneiter und 1983 in Langenthal gegen Niklaus Gasser) hat er im eidgenössischen Schlussgang triumphiert. Nun ist er in Sion im finalen Kampf gegen den Innerschweizer Harry Knüsel himmelhoher Favorit. Noch nie ist ein Innerschweizer König geworden. Aber Knüsel bodigt den Titanen. Schläpfers Dominanz auf eidgenössischer Ebene ist für immer beendet. Nur politisch wird er zurückkehren: Als erster König, der es als eidgenössischer Obmann ins höchste politische Amt des Schwingens bringt.
  • 1989: Bereits bei der Qualifikation für den eidgenössischen Schlussgang kann es zu einem Drama kommen. So wie 1989 in Stans. Zwei Berner sind nach sieben Gängen punktgleich. Fritz Flühmann und Adrian Käser. Gegensätzlicher könnten die beiden nicht sein. Flühmann ist ein ungemein zäher, wilder Kerl, fast nicht zu besiegen und alles andere als ein Schönschwinger. Er gilt als «Hemli-Marder». Kein anderer Böser seiner Generation hat im Kampf so viele Hemden seiner Gegner zerrissen. Mit 34 steht er im Spätherbst seiner Karriere. Adrian Käser ist ein blonder, technisch brillanter Schwinger und 16 Jahre jünger. Es gibt kein Reglement, das sagt, wer bei Punktgleichheit zweier Vertreter aus dem gleichen Teilverband den Vortritt hat. Es ist alleine die Entscheidung des Einteilungskampfgerichtes. Es entscheidet sich für Käser, für den Mann der Zukunft und so wird Fritz Flühmann um die Krönung seiner Karriere gebracht. Bis heute wird im Bernbiet diese Entscheidung heftig diskutiert. Es ist eine Entscheidung, die gleich das nächste Drama heraufbeschwört.
  • 1989: Adrian Käser wird also in Stans zum Schlussgang gegen Geni Hasler aufgerufen. Wohl nie in der Geschichte war ein Schwinger im eidgenössischen Schlussgang so klar favorisiert wie Geni Hasler gegen Käser, der Vater des aktuellen Mitfavoriten Remo Käser. Aber Hasler verliert und Adrian Käser wird mit 18 Jahren der jüngste König aller Zeiten. 1995 in Chur schafft der populäre Angriffsschwinger Hasler noch einmal die Schlussgang-Qualifikation – und verliert erneut und diesmal gegen den Ostschweizer Thomas Sutter. Hasler gilt zusammen mit Fritz Uhlmann (verlor 1974 den Schlussgang gegen Ruedi Hunsperger) als bester Schwinger, der nie König geworden ist. Und jene, die sagen, mit Fritz Flühmann wäre Geni Hasler damals fertig geworden, haben wohl recht.
  • 1992: Um den Schlussgang-Verlierer von Olten gibt es gar eine Tragik, die weit über das Schwingen hinausgeht. Jörg Schneider wird 1977 in Basel mit noch nicht einmal ganz 16 Jahren der jüngste eidgenössische Kranzgewinner aller Zeiten. Er beendet sein Leben am 29. März 1998 durch eigene Hand. Der legendäre Schwinger-Chronist Hans Trachsel schrieb unter dem Titel «Warum nur, Jörg?» zu dieser Tragödie: «Jörg Schneiders Leben gemahnt etwas an einen Künstler, der in seinem viel zu kurzen Leben ein eindrückliches Werk schuf. Es zeigt aber auch, dass sportliche Erfolge keine Gewähr bieten für wahrhaftes Glück und innere Zufriedenheit. Wie konnte es nur so weit kommen, dass Jörg keinen anderen als den endgültigen Ausweg mehr wusste? Schwinger, das zeigte sich hier ein weiteres Mal, sind nicht einfach gross und stark und unbekümmert, sondern ihr Gemüt kann ebenso verletzlich oder noch anfälliger und weicher sein als das von scheinbar weniger robusten Naturen. Der unbeugsame Siegeswille, der ihn im Zweikampf so oft angetrieben hatte, er liess Jörg auf einmal im Stich.»
  • 1998: Der Innerschweizer Werner Vitali ist der ungewöhnlichste Schlussrang-Verlierer. 1996 beendet er seine Karriere. 1998 kehrt er für ein Jahr zurück und kämpft in Bern gegen Jörg Abderhalden um die Krone. Er verlor und sagte: «Es war wohl die grosse Chance im falschen Moment.» Er sei mitten in den Verhandlungen zum Einstieg in ein Geschäft gewesen. «Da ich ohnehin aufhören wollte, wäre das eine Premiere gewesen. Königstitel zum Abschied», erzählte Vitali und ergänzte: «Das hätte man mir übel genommen, denn man will doch den König später noch einige Male in Nöten sehen …»

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