Eishockey-Playoffs
Der EV Zug hat sein SCB-Trauma überwunden und darum ist die Frage nun: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Nach dem Sieg in der Viertelfinalserie über den SC Bern hat der EV Zug auch gegen Aussenseiter Rapperswil einen guten Start hingelegt. Die Zentralschweizer scheinen bereit für den grossen Wurf.

Klaus Zaugg
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Gregory Hofmann (mit gelbem Helm) erzielte im ersten Spiel der Serie einen Treffer für den EV Zug.

Gregory Hofmann (mit gelbem Helm) erzielte im ersten Spiel der Serie einen Treffer für den EV Zug.

Bild: Keystone

Filmreif. Ja, der Ausdruck passt zu Zugs «Operation Titelgewinn». Der bisherige Verlauf der Playoffs war wie das Drehbuch eines Hollywoodfilms über eine Hockey-Organisation, die nach mehr als 20 Jahren endlich wieder meisterlich werden will. Titel des Films: «Making of a Champion».

Der Ausgangspunkt ist das Scheitern in den Finals von 2017 und 2019 gegen den SC Bern. Der Blick zurück hilft uns bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage, ob es nun zur ersten Meisterschaft seit 1998 reichen wird.

Ein Mentaltraining zum Auftakt der Playoffs

Talent für den Titel haben die Zuger bei weitem genug. Aber Meister werden ist eben auch Kopfsache. Der Anfang zu meisterlichem Denken ist in Zug die Überwindung des «SCB-Traumas». Der Finalniederlagen von 2017 und 2019. Unentwegt erklären zwar alle, das spiele überhaupt keine Rolle. Doch das Gegenteil ist wahr. Auf dem Weg zum Gipfel ist die Auseinandersetzung mit dem SC Bern von zentraler Bedeutung. In der Aussenwahrnehmung war dieser SCB nach wie vor ein Titan. Aber tatsächlich nur noch ein sportlich heruntergewirtschafteter Champion, der in den letzten Sonnenstrahlen des Ruhmes der Mittelmässigkeit entgegenreitet, und künftig froh sein muss, gegen Teams wie Langnau oder Ambrì bestehen zu können.

Der SC Bern (hier mit Conacher, Untersander und Gerber) konnte den EV Zug im Viertelfinal zweimal besiegen – trotz schlechter Saison.

Der SC Bern (hier mit Conacher, Untersander und Gerber) konnte den EV Zug im Viertelfinal zweimal besiegen – trotz schlechter Saison.

Bild: Keystone

Wie stark das SCB-Trauma die Zuger Seele aber immer noch belastet hat, zeigen die zwei Niederlagen in Bern, die einem viel zu grossen Respekt geschuldet waren. Nun ist dieses Trauma im Viertelfinal überwunden worden. Ein besseres Mentaltraining konnte es zum Auftakt der Playoffs gar nicht geben.

In fünf Bereichen ist Zug gegenüber 2017 und 2019 klar besser geworden:

  1. Die Torhüterposition: Leonardo Genoni ist zwar statistisch (Fangquote) nicht der beste letzte Mann dieser Playoffs. Aber mit seiner bisher besten Leistung im EVZ-Dress hat er in der bisher wichtigsten Partie der Saison zu null gespielt. Hätte Zug auch mit Tobias Stephan in Bern 1:0 gewonnen und den Einzug in den Halbfinal gesichert? Nein. Es brauchte Genoni.
  2. Die Centerposition: Mit Jan Kovar haben die Zuger den besten Mittelstürmer der Liga. Er führt den ersten Sturm mit Grégory Hofmann und Dario Simion und kümmert sich zusätzlich um defensive Hausaufgaben. Wenn wir ihn wegen seiner technischen Brillanz als Schillerfalter bezeichnen, dann aber als Schillerfalter mit Zähnen und Klauen. Er lässt sich von keinem Gegenspieler dieser Liga einschüchtern. Und er hat in Russland und in Tschechien Meisterschaften gewonnen. Mit ihm haben die Zuger einen Leitwolf, der Meister kann. Captain Raphael Diaz war es bisher ja nicht.
  3. Der Trainer: Die Zuger haben im dritten Jahr unter Trainer Dan Tangnes eine ähnliche Stilsicherheit erreicht, wie zuvor der SC Bern mit Kari Jalonen. Diese Stilsicherheit ist die Voraussetzung für die Kombination von Tempo und Präzision. Um einen sehr gut organisierten Gegner wie die ZSC Lions oder Servette im Final zu besiegen ist diese Kombination die Grundvoraussetzung.
  4. Die Offensive als Ganzes: Die offensive Feuerkraft ist besser verteilt. Es reicht nicht, die erste Linie um Jan Kovar zu neutralisieren. Zu Zugs «secondary scoring» zählen Stürmer wie Lino Martschini, Carl Klingberg oder Yanick Zehnder, die bei vielen anderen Teams einen Platz im ersten Sturm hätten.
  5. Die Defensive: Die defensive Stabilität ist grösser als 2017 und 2019. Auch ohne ausländische Verteidiger. Vergleichsweise «kleine» Namen wie Tobias Geisser, Claudio Cadonau und Livio Stadler tragen sehr viel zu dieser Stabilität bei.
Einer der Gründe, warum Zug vom Meistertitel träumt: Goalie Leonardo Genoni.

Einer der Gründe, warum Zug vom Meistertitel träumt: Goalie Leonardo Genoni.

Bild: Freshfocus

Ein Aufbaugegner für die finale Herausforderung

Ist es vermessen, von den Titelchancen zu reden, wenn erst eine Partie im Halbfinal gewonnen ist? Nein. Zu einem künftigen Champion gehört es, jeden Gegner, auch die Lakers, ernst zu nehmen. Zu einem künftigen Champion gehört aber auch, nicht an einem Sieg über die Lakers zu zweifeln.

Die «Road Map» zum Titel entspricht bisher wahrlich wie aus einem Filmdrehbuch: Platz eins nach der Qualifikation und dann wird gleich die meisterliche Dynastie aus Bern gestürzt. Seither ist das Selbstvertrauen gebürstet und gekämmt. Nun dürfen die Zuger auf der spielerischen Autobahn in den Final brausen.

Die Lakers sind der perfekte Aufbaugegner für die finale Herausforderung gegen die ZSC Lions oder Servette. Gut genug, um ernst genommen zu werden. Aber nicht gut genug, um diesen Halbfinal zu gewinnen. Gegen die Lakers können die Zuger ihr Tempospiel im Ernstkampf viel präziser justieren als im besten Training. Vor einem durch und durch filmreifen Ende aller Meisterträume sollten sich die Zuger allerdings hüten: Das wäre in einem Hollywood-Film ein Scheitern gegen die Lakers.

Titel: «When Pride comes before the Fall»