Heute Donnerstag feiert in Glasgow ein spannendes neues Sportkonzept seine Premiere. Die ersten «European Championships» wollen Kräfte bündeln, ein starkes Gegengewicht zum Fussball bilden und den Medien eine attraktive Plattform bieten. Die Idee zur gemeinsamen Austragung der Europameisterschaften von sieben verschiedenen Sportarten stammt von einem Schweizer – dem Solothurner Marc Jörg.

Neue Sportevents schiessen wie Pilze aus dem Boden. Es geht um Aufmerksamkeit, die Gunst des Publikums, den Segen der Sponsoren und das Interesse der TV-Stationen. Vielfach bleiben solche Events Eintagsfliegen, zumeist versauern sie im Schatten von König Fussball.

Viele sind gescheitert

Selbst die vom europäischen Ableger des Internationalen Olympischen Komitees 2015 ins Leben gerufenen Europaspiele nach dem Muster bestehender Kontinentalwettkämpfe haben nicht gerade wie ein Komet eingeschlagen.

Der Austragungsort Baku war politisch umstritten, der Termin lag für viele Sportarten schlecht, und die Stars glänzten durch Abwesenheit. Ausgerechnet in den olympischen Kernsportarten Leichtathletik und Schwimmen war die Besetzung höchstens drittklassig. Der Schweizer Leichtathletik-Verband Swiss Athletics beispielsweise schickte gar keine Sportler nach Baku. Die Tendenz für die Fortsetzung im nächsten Jahr bleibt düster.

Mit der weissrussischen Metropole ist der Veranstaltungsort ähnlich umstritten und die Idee, bei dieser Gelegenheit zur Aufwertung des Anlasses auch gleich die offiziellen Europameisterschaften durchzuführen, scheiterte kläglich.

Ein Gegengewicht zum Fussball

Den gleichen Ansatz verfolgten die European Championships erfolgreicher. Als Marc Jörg zusammen mit seinem britischen Geschäftspartner Paul Bristow vor knapp zehn Jahren die Vision eines gemeinsamen Dachs für verschiedene Titelkämpfe entwarf, suchten sie vor allem nach Lösungen, wie sich der «Restsport» von der Monokultur des Fussballs emanzipieren kann.

Ironischerweise kannten sich die beiden Marketing-Spezialisten von einer gemeinsamen Tätigkeit im Fussball. Jörg kümmerte sich bei der Uefa, Bristow beim Schweizer Vermarkter «Team» um die Champions League. Das Duo sah mit einem gemeinsamen Auftritt die Chance, diesen Sportarten im Free-TV zu mehr Gewicht und mehr Sendezeit zu verhelfen. «Entscheidend war, dass der zu gewinnende Titel etwas wert sein muss», sagt Jörg.

Kampf um 188 Medaillensätze

Selbst wenn der Solothurner sagt, für eine erste Bilanz sei es zu früh, weil man ja immer noch mit dem Prototyp beschäftigt sei und sie in vielen Details längstens nicht dort seien, wo sie hinwollten, wird der neue Ansatz sehr positiv aufgenommen. In den beiden Austragungsorten Glasgow und Berlin (nur Leichtathletik) werden vom 2. bis 12. August 4500 Sportlerinnen und Sportler aus 52 Nationen in insgesamt 13 Disziplinen von 7 verschiedenen Sportarten (Leichtathletik, Schwimmen, Rad, Rudern, Kunstturnen, Triathlon und Golf) um total 188 Medaillensätze kämpfen.

Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender haben sich richtiggehend auf die Austragungsrechte gestürzt. Mehr als 3000 Stunden zumeist Live-Übertragungen in 43 Ländern bescheren den Sportarten ein potenzielles Publikum von 1,3 Milliarden Menschen. Das Schweizer Fernsehen wird 90 Stunden übertragen. Insgesamt liegt die Steigerung der Fernsehabdeckung bei gut einem Drittel.

Viel Lob von Swiss Cycling

Auch bei den Athleten und den Verbänden stösst der neue Anlass auf viel Goodwill. Thomas Peter, Leistungssportchef von Swiss Cycling, sagt: «Für uns ist dieser Event nur positiv. Bisher fristete die EM im Radfahren ein Schattendasein. Nun ist die mediale Abdeckung um Welten grösser.» Dazu musste sich auch der Internationale Radverband UCI bewegen, indem er die olympischen Sparten Strasse, Mountainbike, Bahn und BMX örtlich und zeitlich zusammenzog.

Das Konzept sei sehr einfach, die Umsetzung etwas schwieriger, sagt Marc Jörg. «Wir mussten immer wieder den Konsens zwischen den sieben involvierten Verbänden suchen.» Da die Wettkampfzeiten für das TV aufeinander abgestimmt wurden, hatte der kleinste Änderungswunsch grosse Auswirkungen.

Optimismus hat sich ausgebreitet

Am Anfang seien sie auf sehr viel Skepsis gestossen. «Schon nur ein gemeinsames Datum zu finden, war eine grosse Herausforderung.» Inzwischen hat sich Optimismus ausgebreitet. Auch wenn erst nach der Premiere definitiv entschieden wird, soll einer zweiten Austragung 2022 nichts mehr im Weg stehen.

Ob alles an einem Ort oder in verschiedenen Gegenden stattfindet, ob neue Interessenten aufgenommen werden, all das will man pragmatisch angehen. «Der Event soll für eine Stadt durchführbar sein, ohne dass sie ein olympisches Dorf für die Athleten oder neue Sportstätten bauen muss», sagt Jörg. Es sei bewusst ein Gegengewicht zum kritisch betrachteten olympischen Gigantismus. «Wir versuchen einen Anlass zu bieten, den normale Städte verantworten können.»