Europameisterschaft
Hummels' unglückliche Rückkehr mit dem Eigentor – Deutschland steht nach der Niederlage gegen Frankreich schon unter Druck

Beim 0:1 gegen Frankreich ist der Unglücksrabe im deutschen Lager ausgerechnet Rückkehrer Mats Hummels.

Raphael Gutzwiller
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Mats Hummels ist enttäuscht.

Mats Hummels ist enttäuscht.

Matthias Hangst / AP

Mats Hummels Gesichtsausdruck sprach Bände. Eigentlich hätte er den Ball wegschiessen wollen. Raus aus der Gefahrenzone vor dem anstürmenden Kylian Mbappé. Stattdessen traf Hummels den Ball mit seinem Schienbein so, dass der Ball direkt in den Torwinkel versenkte und Torhüter Manuel Neuer geschlagen war. Das Eigentor sorgte im Duell der beiden grossen Nationen Deutschland und Frankreich für den einzigen Treffer der Partie.

Mats Hummels hatte sich das anders vorgestellt. Als sich das deutsche Nationalteam am Vortag der Partie in München angekommen war, hatte er ein Bild bei Instagram hochgeladen. «Gott, habe ich Bock auf dieses Spiel», schrieb er darunter. Schliesslich unterlief ausgerechnet ihm ein Bock zur Niederlage gegen Frankreich. Kurz nach Spielschluss meldete sich Hummels wieder auf Instagram. Er begann mit den Worten: «Die Niederlage schmerzt uns sehr und mich besonders, weil mein Eigentor das Spiel am Ende entschieden hat.»

Von links: ein jubelnder Mbappé, Eigentorschütze Hummels und Torhüter Neuer.

Von links: ein jubelnder Mbappé, Eigentorschütze Hummels und Torhüter Neuer.

Lukas Barth-Tuttas / EPA

Das Eigentor von Hummels schreibt ein nächstes Kapitel einer unvergleichlich lange anhaltenden Personaldiskussion rund um die DFB-Elf. Als Jogi Löw die enttäuschende WM 2018 und die darauffolgende peinliche Nations League analysierte, entschied der Bundestrainer, dass er einen Generationenwechsel erzwingen müsse. Die WM-Helden von 2014 und zum damaligen Zeitpunkt grosse Stützen des FC Bayern Münchens hatten ausgedient: Thomas Müller, Jérôme Boateng und Mats Hummels.

Daran änderte der Bundestrainer auch zunächst nicht, als die Defensive bei den darauffolgenden Länderspielen eklatante Problemen offenbarte und die Offensive nach einem geeigneten Torjäger suchte. Gleichzeitig überzeugten Müller und nach seiner Rückkehr zu Dortmund Hummels. Vor der Europameisterschaft sah sich Löw schliesslich gezwungen, die beiden Routiniers doch wieder in das Kader für die Europameisterschaft zu nominieren.

Die Personalentscheidung wird die letzte Phase unter Jogi prägen

Deutschland-Trainer Jogi Löw.

Deutschland-Trainer Jogi Löw.

Matthias Hangst / EPA

Egal, wie das Kapitel Löw im deutschen Nationalteam zu Ende gehen wird: Die letzte Periode wird unter dem Stern dieser Nominationen stehen. Geht es doch noch auf, dann hatte Löw schliesslich doch noch das richtige Näschen, geht es schief, hat Löw selber Unruhe in seine Mannschaft gebracht. Dass Hummels bei diesem ersten EM-Auftritt letztlich für das spielentscheidende Eigentor sorgte, macht die Thematik nicht unkomplizierter.

Doch Löw wollte seinem Routinier nach dem 0:1 gegen Frankreich keinen Vorwurf machen. Es sei «irgendwie Pech gewesen», liess sich der Bundestrainer zitieren. «Der Ball kommt von aussen scharf nach innen, für Mats war es schwierig, den zu klären.» Derweil bemängelte Löw, die Entstehung des Treffers. «Wir hätten es beim Einwurf verteidigen können. Danach war es schwierig.»

Kylian Mbappé freut sich mit Trainer Didier Deschamps.

Kylian Mbappé freut sich mit Trainer Didier Deschamps.

Kai Pfaffenbach / EPA

Nicht zuletzt in dieser Szene, als die Organisation beim Einwurf nicht ganz stimmte und Paul Pogba mit einer wunderbaren Seitenverlagerung das Tor einleitete, war augenscheinlich, dass vieles Stückwerk ist im Spiel der Deutschen. Die Organisation funktioniert in den allermeisten Fällen ebenso überzeugend wie das Offensivspiel, aber die entscheidenden letzten zehn Prozentpunkte fehlen. Das liegt auch daran, dass dieses Deutschland erst einmal in dieser Konstellation zusammengespielt hat: Im abschliessenden Testspiel vor der EM gegen Lettland, als Deutschland mit 7:1 gewann. Ein Gradmesser für den Weltmeister war dies aber nicht.

Frankreich: Wenig Spektakel, hohe Effizienz

Die Équipe Tricolore knüpften mit ihrem Auftritt in diesem Kracherduell zum Start nahtlos an die erfolgreiche Weltmeisterschaft 2018: wenig Spektakel, hohe Effizienz. Frankreich überliess Deutschland weitestgehend das Spielgerät, kam schliesslich nur gerade auf 38 Prozent Ballbesitz. Die Taktik nach Balleroberung war jedoch augenscheinlich: dank dem pfeilschnellen Kylian Mbappé die Defensive vor Probleme stellen. Und so unglücklich die Aktion zum entscheidenden Tor an diesem Abend war, wäre das Glück in anderen Szenen den Deutschen nicht hold gewesen, es hätte noch schlimmer ausgehen können für die Löw-Elf.

Doch bei den wenigen Nadelstichen der Franzosen fehlte es ihnen am nötigen Abschlussglück. Zwei weitere Male lag der Ball im Tor der Deutschen, beide Tore wurden aber wegen knappen Abseits aberkannt. Insbesondere der Treffer von Mbappé war jedoch sehenswert gewesen, zumal er zwar in einer Offside-Position an den Ball kam, jedoch mit einem wunderbaren Schuss den Ball noch via Innenpfosten ins Tor schlenzte. Zudem klatschte ein gefährlicher Abschluss von Adrien Rabiot an den Pfosten.

Penalty oder nicht? Knifflige Szene mit Mats Hummels und Kylian Mbappé.

Penalty oder nicht? Knifflige Szene mit Mats Hummels und Kylian Mbappé.

Alexander Hassenstein / Pool / EPA

Bei einer weiteren Szene war Hummels wieder involviert. Diesmal aber im Glück. 79 Minuten waren gespielt, als Mbappé Hummels enteilt war, mit einer Grätsche traf der Dortmunder Innenverteidiger zunächst den Fuss des Franzosen, danach den Ball. Es ist eine Szene, die rasch wieder vergessen wird, weil Frankreich die Partie dennoch gewonnen hat. Aber sie veranschaulicht, dass die Defensivprobleme der Deutschen noch immer nicht ganz behoben sind. Mit oder ohne Mats Hummels.

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