Uefa

Platini steht kurz vor der Europameisterschaft im kalten Gegenwind

Ungemütliche Fragestunde: Michel Platini.keystone

Ungemütliche Fragestunde: Michel Platini.keystone

Nach knapp vierzig Minuten leuchten seine müden Augen für einen Moment auf. «Ah, eine Frage über Fussball!», ruft Michel Platini mit Ironie in der Stimme und tut damit kund, dass ihm der Verlauf der Pressekonferenz arg missfällt.

Viele Fragen sind dem Präsidenten der Uefa zwei Tage vor dem Start der Fussball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine gestellt worden, aber leider nicht jene, die er gerne gehört hätte. «Spanien oder Deutschland», beantwortet der 57-Jährige die spannende Fussballfrage, wer denn Europameister werde. «Vielleicht gibt es aber wie 1992 durch die Dänen eine grosse Überraschung», sagt Platini.

Doch bereits die nächste Wortmeldung holt den Franzosen zurück in die Realität. Was die Uefa denn gegen den Rassismus in Polen und in der Ukraine zu unternehmen gedenke, lautet die Frage. Platini, nervös und gereizt wirkend, die Finger immer in Bewegung haltend, sagt: «Ecoutez! Man kann doch nicht den Präsidenten für alles verantwortlich machen. Rassismus gibt es auch in Deutschland, Frankreich und England. Den gibt es überall», sagt Platini. «Dafür ist aber nicht der Fussball, sondern die Gesellschaft verantwortlich.»

Korruptionsvorwürfe nerven Platini

Vielleicht hat sich Platini ja wirklich mal auf diese EM gefreut. Vor längerer Zeit. Er ist schliesslich 2007 massgeblich daran beteiligt gewesen, dass Polen und die Ukraine – und nicht Italien – den Zuschlag als EM-Ausrichter erhalten haben. Manche vermuten, es sei ein Dankeschön an jene osteuropäischen Länder gewesen, die zuvor mitgeholfen hatten, dass er Präsident des europäischen Fussballverbandes geworden ist. Die Korruptionsvorwürfe nerven den früheren Weltklassespieler Platini.

Umso mehr macht ihm nun zu schaffen, dass im Vorfeld der EM 2012 vor allem über die Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine, die Korruption im polnischen Fussball, den Rassismus in den beiden Ländern und die viel zu hohen Hotelpreise gesprochen wird.

Platini würde viel lieber ausführen, welch grosse Anstrengungen die beiden EM-Organisatoren unternommen haben und wie nachhaltig die Bevölkerung von den neuen Flughäfen, Strassen und Bahnhöfen profitieren wird. «In Holland, Belgien, Portugal, der Schweiz und Österreich gab es schon vor der Europameisterschaft eine gute Infrastruktur», sagt Platini, «vor allem in der Ukraine musste sie aber aus dem Nichts erstellt werden. Und jetzt sind wir bereit, das Turnier kann beginnen.»

«Herr Platini, wie wird die Uefa reagieren, wenn es während der EM zu Demonstrationen gegen die Inhaftierung der Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko kommt?» Das Unangenehme ist zurück, das Feld, auf dem sich Platini so unwohl fühlt und nicht bewegt. «Ecoutez!», sagt Platini, «ich kann hier nicht die Ukraine repräsentieren. Sie ist ein souveräner Staat und wir können uns nicht einmischen.» Am Anfang seien alle zufrieden gewesen mit der Wahl von Polen und der Ukraine, sagt Platini. «Aber was machen wir, wenn eine Regierung wechselt? Nehmen wir dem Land dann das Turnier aus politischen Gründen wieder weg? Schwierig, schwierig.»

Platini vermeidet Klartext

Platini weist darauf hin, dass sich die Uefa während der EM nicht an politischen Debatten beteilige. Einzig zum Rassismus im Stadion äussert er sich konkret: «Der Schiedsrichter kann in einem solchen Fall ein Spiel abbrechen.» Dass Platini darüber hinaus klare Stellungnahmen verweigert und sich stets hinter der Neutralität der Uefa verschanzt, hat ihm nicht nur vom deutschen Captain Philipp Lahm Kritik eingetragen. Von vielen Seiten weht ihm ein kalter Wind ins Gesicht. Dass der frühere englische Nationalspieler Sol Campbell die englischen Fans wegen des Rassismus in der Ukraine aufgefordert hat, zu Hause zu bleiben und die Eltern der Nationalspieler Walcott und Oxlade-Chamberlain aufgrund eines BBC-Berichtes nicht ans Turnier reisen wollen, quittiert Platini mit einem Schulterzucken. «Wer will, kann die EM ja auch am Fernsehen verfolgen», sagt er nur.

Und wiederholt den Standpunkt der Uefa. «Unser Verband hat keine politischen Ambitionen, wir werden zu politischen oder religiösen Themen keine Stellung beziehen. Wir äussern uns zum Fussball.

Schade bloss, dass dafür im Moment kaum Fragen vorhanden sind.

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