Analyse

Fussball-Euro: Eine Endlosparty im Club Med

Eine falsche Schiri-Entscheidung, entlassene Trainer und viel Einheitsbrei gab es an der EM zu sehen. Eine Analyse zu Fussball-Euro in Polen und in der Ukraine.

Spätestens nach der ersten Wiederholung war jedem Zuschauer klar, dass der Ball nach dem Schuss des Ukrainers Marco Devic hinter der Linie war, als John Terry spektakulär befreite. Der Ungar Istvan Vad, dessen Job es wäre, die Torlinie zu beobachten, ist geistesabwesend. Und dem Schiedsrichter Viktor Kassai blieb nichts anderes übrig, als sich hinterher für seinen Fehler zu entschuldigen.

Da war sie wieder, die 46 Jahre alte Diskussion, ob Tor oder nicht. 46 Jahre – und nichts ist passiert. Zumindest, was die Antwort auf die Frage Tor oder nicht Tor betrifft. 46 Jahre: Damals war das Telefon noch an einer Schnur befestigt, die Fernsehbilder schwarz-weiss und die Rolling Stones blutjung. 46 Jahre Stillstand – ein Wahnsinn. Okay, beim legendären Wembley-Tor 1966 waren es noch drei Schiedsrichter, heute sind es sechs. Was offenbar nicht vor Fehlentscheidungen schützt.

Gegen Technologie

Wobei schützen in diesem Zusammenhang ein falscher Begriff ist. Nein, man lässt die Schiedsrichter seit 46 Jahren im Regen stehen. Seit 1966 besetzen sie die Rolle des Bösewichts. Und keinen kümmert es. Am wenigsten Uefa-Boss Michel Platini, der sich so vehement gegen die Tortechnologie wehrt, als würde der Fussball dadurch seine Seele verlieren. Fifa-Präsident Sepp Blatter, seines Zeichens mächtigster Funktionär auf dem Planet Fussball, schwingt sich punkto Tortechnologie zum Gegenspieler Platinis auf – immerhin. Noch vor zwei Jahren hat er sich strikt gegen jede technologische Hilfe für die Schiedsrichter ausgesprochen. Man darf deshalb seine plötzliche Affinität für die Technik im Ball oder auf der Torlinie unter der Rubrik Populismus verbuchen.

Egal, Hauptsache es tut sich was in dieser Sache. Denn so kann es nicht weitergehen. Während heute der Fussball bis in die Einzelteile seziert wird, die Trainer mit 500 Seiten umfassenden Dossiers über alle Details des Gegners informiert werden, können die Referees nur auf ihre Sinne zurückgreifen und stehen deshalb schon mal da wie die drei berühmten Affen, die nichts sehen, nichts hören und nichts sagen.

Jogi Löw hat sich verzockt

So lange wie wir auf die Tortechnologie, warten die Engländer auf einen Titel. Dieses Mal war nicht der Torhüter das Problem, sondern die Qualität im Team. Natürlich hatten die Engländer Verletzungspech zu beklagen. Aber das allein reicht nicht als Erklärung. Der englische Fussball krankt wegen der Premier League. Weil diese im globalen Wettstreit um TV-, Marketing- und Merchandising-Rechte steht, wird in England weniger über Inhalte als viel mehr über die Verpackung diskutiert. Als Folge kaufen die von Ausländern kontrollierten Top-Klubs jene Spieler ein, die sich möglichst gut vermarkten lassen. Einheimische Kräfte bleiben dabei mehrheitlich auf der Strecke und die Nationalspieler sind meist früher zu Hause als ihre Ansichtskarten.

Wie man gleichzeitig Liga und Nationalmannschaft fördern kann, beweist Deutschland. Nach der Wende und dem Weltmeistertitel von 1990 brauchte es Jahre des Rumpelfussballs, ehe man sich der konzeptionellen Arbeit widmete. Das Zauberwort für die Bundesliga heisst Masshalten. Dank eines kompromisslosen Lizenzierungsverfahrens, einer funktionierenden Solidarität unter den Klubs und zeitgemässer Stadien ist die Bundesliga finanziell die gesündeste in Europa. Und die Zukunfts-Prognosen sind gar fabelhaft. Ebenso jene für die Nationalelf. Auch wenn sie im Halbfinale an Italien gescheitert ist, was hauptsächlich daran lag, dass sich Trainer Jogi Löw für einmal verzockt hatte.

Es scheint nur noch eine Zeitfrage, ehe die Deutschen in die Phalanx des Club Med eindringen. 2004 die Griechen, 2006 die Italiener, 2008 und 2010 die Spanier. Und 2012 die Italiener oder die Spanier – alles Länder, denen Deutschland finanziell unter die Arme greift.

Trainer sind Job los

Nur zwei Platzverweise, viele Kopftore, die Renaissance von Panenkas Penalty (Pirlo und Ramos), nur ein direkt verwandelter Freistoss (Pirlos Treffer zum 1:1 gegen Kroatien war gar der erste direkt verwandelte Freistoss an einer EM seit 2004) – das sind die technischen Eckpunkte dieser EM. Ansonsten haben wir viel Einheitsbrei gesehen. Langpass-Verbot, Steilpass-Verbot, Tackling-Verbot – Hauptsache Ballkontrolle. Es sind enge Korsetts, in die sich die Spieler zwängen müssen. Einzig die Italiener haben für seinen Kontrast gesorgt. Mit zwei Stürmern, Mario Balotelli und Antonio Cassano, die sowohl in jeder Abwehr als auch in jedem Mädcheninternat Chaos stiften können.

Die italienische Kulturrevolution ist das Verdienst von Trainer Cesare Prandelli. Manipulationsskandal und schwache Resultate in der Vorbereitung führten dazu, dass sich die Mannschaft hinter einer Wagenburg verschanzte. Diese Trotzreaktion nutzte Prandelli, um den Spirit im Team zu stärken. Paulo Bento hat es fertiggebracht, dass sich in der portugiesischen Mannschaft nicht alles nur um den Exzentriker Cristiano Ronaldo dreht. Einfach hat es dagegen Vicente del Bosque, der nicht mehr erklären muss, dass der Ball der schnellste Spieler ist.

Anderen Trainern ist es nicht gelungen, ein Team zu formen, weshalb sie nun ihren Job los sind. Hollands Bert van Marwjik scheiterte, weil in der hoch dotierten Offensivabteilung jeder nur für sich glänzen wollte. Frankreichs Laurent Blanc musste feststellen, dass die Geister von Knysna (Spielerstreik in Südafrika) immer noch durch das blaue Haus spuken.

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