EM 2012

Der Deutsche, der mit Italien heute gegen Deutschland antritt

Für Riccardo Montolivo ist die Partie gegen Deutschland eine ganz besondere Begegnung. Der 27-jährige Mittelfeldspieler besitzt auch einen deutschen Pass und spricht so gut deutsch wie italiensich. Es schlagen zwei Herzen in seiner Brust.

Die Freude der italienischen Spieler nach dem gewonnenen EM-Viertelfinale vom vergangenen Sonntagabend gegen England war riesig gewesen. Lange liessen sich die Helden um Torhüter und Captain Gianluigi Buffon von den (wenigen) mitgereisten italienischen Tifosi und der Mehrheit der ukrainischen Fans im weiten Rund des «Olympiysky»-Stadions von Kiew feiern. Nur Riccardo Montolivo hielt mit Jubelposen vornehm zurück. Verständlich, denn sein Fehlschuss im Penaltyschiessen hätte die Squadra Azzurra beinahe um den Klassiker gegen Deutschland gebracht. «In diesem Moment ist in mir eine Welt zusammengebrochen», erzählte der 27-jährige Mittelfeldspieler – um danach aber gleich anzufügen, dass er sich, falls nötig, wieder als Schütze zur Verfügung stellen würde.

Bei Montolivo stellen nach aussen hin getragene Emotionen eher die Ausnahme dar. «Il tedesco», den Deutschen, nennen sie ihn. Dieser Begriff verweist in Italien nicht nur auf die Nationalität, sondern bezeichnet ganz allgemein auch einen emotional eher unterkühlten Menschen. Ähnlich wie bei Thomas Manns berühmten Romanhelden «Tonio Kröger» schlagen auch beim 35-fachen italienischen Nationalspieler zwei Herzen in einer Brust. Geboren in Caravaggio, (Heimatort des berühmten Malers Michelangelo) in der Nähe von Bergamo, besitzt der 1,81 grosse, aber schmächtig wirkende Rechtsfuss mit den stahlblauen Augen sowohl den italienischen als auch den deutschen Pass.

Auch in Hamburg zuhause

Mama Antje stammt aus dem norddeutschen Bundesland Schleswig-Holstein. Ihr zu Ehren trägt Montolivo auf seinem rechten Fussballschuh eine Deutschland-Flagge. Bis zu seinem 15. Lebensjahr verbrachte Montolivo, der perfekt beide Sprachen parliert, die Sommerferien jeweils bei den Grosseltern in der Nähe von Hamburg. «Meine nordische Herkunft ist vielleicht ein Grund, warum ich eine gewisse Reserviertheit ausstrahle», gibt er zu.

Zurückhaltung auf dem Fussballplatz kann der Italo-Deutsche, der nächste Saison bei der AC Milan spielen wird, allerdings nicht gemeint haben. Bereits im Juniorenalter gehörte Montolivo zu den vielversprechendsten Nachwuchshoffnungen des Landes. Francesco Totti, Zinedine Zidane und Frank Lampard waren dabei seine Idole. Rasch fand er Aufnahme bei dem als Talentschmiede bekannten Serie-A-Verein Atalanta Bergamo. Hier debütierte er 2004 als 19-Jähriger in der Serie-A. Ein Jahr später wechselte der passsichere und schussstarke zentrale Mittelfeldspieler zur Fiorentina. Trainer bei den Toskanern war ein gewisser Cesare Prandelli. Ihn bezeichnet Montolivo wenig überraschend als seinen grösster Förderer. «Prandelli lehrt und vermittelt Fussball. Er kann seine Ideen rasch einer Mannschaft vermitteln und schenkt einem sein Vertrauen.»

Prandelli fand für Montolivo im zentralen offensiven Mittelfeld die ideale Position. In Florenz reifte Montolivo zum Nationalspieler und wurde vom damaligen Nationaltrainer Marcello Lippi ins Kader für die WM 2010 in Südafrika berufen. Dort musste er durch den verletzungsbedingten Ausfall von Andrea Pirlo den Part als Spielmacher übernehmen – mit allerdings desaströsen Konsequenzen. Italien schied als Titelverteidiger bereits in der Vorrunde aus und Montolivo musste sich anhören, seine Spielweise sei zu nüchtern und ohne Kreativität.

Ausstrahlung eines Buchhalters

Mit der Berufung Prandellis zum «Commissario tecnico» erhielt Montolivo die Chance, sich zu rehabilitieren. Im Viertelfinale gegen England agierte er als Bindeglied zwischen Playmaker Pirlo und den beiden Stürmern Balotelli und Cassano zwar emotionslos, aber so effizient, dass er wohl auch im Spiel gegen seine zweite Heimat in der Startelf stehen wird. Montolivo sagt, wenn er nicht Fussballprofi geworden wäre, würde er heute wohl als Buchhalter arbeiten. Trüge er die Haare kürzer, man würde es ihm glatt abkaufen.

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