Euro 2020
Wir sind Asterix! Der Spielbericht zum Match der Schweiz gegen Frankreich

Es fehlen die Worte, die Schweiz erreicht ihren Sehnsuchtsort! Was für ein 3:3, was für ein 5:4-Sieg im Penaltyschiessen gegen «Les Bleus».

Christian Brägger, Bukarest
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Ja, die Schweiz schreibt in diesem EM-Achtelfinal Geschichte, helvetische Fussballgeschichte.

Ja, die Schweiz schreibt in diesem EM-Achtelfinal Geschichte, helvetische Fussballgeschichte.

Keystone

Längst läuft die Verlängerung, das Spiel wogt noch immer hin und her. Pavard scheitert an Sommer, auf der anderen Seite verfehlt Mbabus gefährliche Hereingabe das Ziel. Und dann ist es wieder Mbappé, der zweimal zu ungenau schiesst. Jedenfalls sind die Franzosen jetzt besser. Doch wenn der Weltmeister mit seinen Weltstars gegen die Schweizer eine Extraschicht einlegen muss, dann kann das nur bedeuten: Die Schweizer spielen gut, sie gehen über ihre Grenzen (Petkovic wechselt sechs Mal) und gewinnen mit dem Herzen in der Hand viele Sympathien. Aber sie müssen am Ende ihrer Kräfte nun ins Penaltyschiessen, die Erinnerungen an den verlorenen EM-Achtelfinal 2016 gegen Polen sind da, auch die Niederlagen 2014 gegen Argentinien und 2018 gegen Schweden sind präsent.

Dieses Mal kommt aber alles ganz anders. Gavranovic trifft, Pogba auch, Schär, Giroud, Akanji und Thuram schiessen ebenfalls sicher. Vargas hat Glück, Kimpembe ist wieder sicher wie Mehmedi auch. Und dann scheitert Mbappé an Sommer. Ausgerechnet dieses Duell gewinnt der Schweizer Goalie. Es brechen alle Dämme.

Ausgerechnet Mbappé verschiesst den Penalty.

Ausgerechnet Mbappé verschiesst den Penalty.

Keystone

Ja, die Schweiz schreibt in diesem EM-Achtelfinal Geschichte, helvetische Fussballgeschichte, die 67 Jahre nach dem letztmaligen Viertelfinaleinzug an einer Endrunde zum Bestseller wird. Für die Schweiz geht es nun bereits am Freitag in St.Petersburg weiter. Dort warten im Viertelfinal die Spanier, aber Captain Xhaka wird dann gelbgesperrt fehlen. Doch nach dieser Leistung brauchen sich die Schweizer vor diesem Gegner nicht zu fürchten. Ihre Reise kann bis nach London gehen. Sie haben noch grössere Träume. Vielleicht ist ja etwas übrig von ihrem Zaubertrank.

Zuerst kommt Frankreich, dann die Schweiz zurück

Im Prinzip kommt die Schweiz ja daher wie der kleine Asterix gegen dieses scheinbar übermächtige Frankreich, das mehr als eine Halbzeit lang gesättigt wirkt wie Obelix, träge auch. Vor allem macht es den Eindruck, dass «Les Petits Suisses» einen kräftigen Schluck Zaubertrank intus haben. Er verfehlt seine Wirkung nicht. Die Schweizer begeistern dank Seferovics frühem Tor und mit einer ausserordentlichen Teamleistung. Und sie müssen sogar 2:0 vorne liegen nach 55 Minuten, doch Rodriguez versagen im wichtigsten Spiel seit Jahrzehnten vom Elfmeterpunkt die Nerven. Spätestens jetzt verpufft in der Arena Nationala die Wirkung des Zaubertranks, und die Franzosen drehen vermeintlich die Partie dank ihrem Sturmdreizack von Weltklasseformat. Wenn da nur nicht Asterix wäre, der nochmals einen Schluck nimmt.

Haris Seferovic liess die Schweiz früh in Führung gehen.

Haris Seferovic liess die Schweiz früh in Führung gehen.

Keystone

Das Turnier beginne nun von Neuem mit lauter Finalspielen, haben beide Trainer gesagt. Zwar ist vor allem Weltstar Mbappé sofort der Unruheherd. Aber die Schweizer halten dagegen, bewahren Ruhe. Dabei hilft die angepasste Taktik, nicht bedingungslos anzugreifen. Womit das schnelle Umschaltspiel des Weltmeisters nicht zur Entfaltung kommt. Und dann erhält in der 15.Minute Zuber den Ball, flankt butterweich auf Seferovic, der sich im Luftkampf gegen Lenglet durchsetzt und sich mitten ins Schweizer Herz köpft: 1:0. Wahnsinn. Es folgt ein Ausbruch der Emotionen.
Die Franzosen sind nun angestachelt, schnüren die Schweizer ein. Mbappé kommt vor Ablauf der ersten halben Stunde zu einem Schuss, Rabiot zu einem noch gefährlicheren. Auf der anderen Seite muss Embolo mit dem Kopf das 2:0 erzielen. Doch das Resultat spielt den Schweizern in die Karten, weil sie nun noch abwartender agieren können. Und es fällt auf, dass die Franzosen überrascht sind von diesen perfekt eingestellten Schweizern, die eine solidarische Topleistung in der ersten Halbzeit hinlegen.

Eine Zeit lang sah es für die Schweiz nicht rosig aus: Pogba erzielt das 3:1 und zerstör scheinbar alle Hoffnungen.

Eine Zeit lang sah es für die Schweiz nicht rosig aus: Pogba erzielt das 3:1 und zerstör scheinbar alle Hoffnungen.

Keystone

In der zweiten Halbzeit wollen sich die Franzosen von einer besseren Seite zeigen. Doch plötzlich gibt es Unruhe im Stadion, der VAR muss eingreifen, weil Zuber möglicherweise im Sechzehner von Pavard gefoult worden ist. Die Fernsehbilder helfen Schiedsrichter Rapallini beim nachträglichen Entscheid, Penalty zu geben. Aber eben, Rodriguez scheitert, das bereits zum vierten Mal im Nationaldress. Es ist der vermeintliche Wendepunkt in dieser Partie. Weil jetzt passiert, was passieren muss. Der Fehlschuss bringt die Schweiz aus dem Konzept, und Benzema trifft nach dem Pass von Mbappé. Und zwei Minuten später gleich nochmals, weil sich nun auch Griezmann von allererster Güte zeigt. Mit einem Sonntagsschuss 15 Minuten vor Spielende zerstört Pogba scheinbar alle Hoffnungen. Doch die Schweizer geben nicht auf, und weil Seferovic in Topform ist, bringt er sie nach der Mbabu-Flanke in der 81. Minute nochmals heran. Und Gavranovic gelingt drei Minuten später der Ausgleich. Nur zählt der Treffer nicht, weil «Gavra» im Abseits steht. Die Schweizer werfen nochmals alles nach vorne, abermals kommt der Stürmer zum Schuss, dieses Mal zählt sein sehenswertes Tor nach dem schönen Pass von Xhaka. Was für ein Spiel, dazu passt, dass Coman in der letzten Minute noch die Latte trifft.

Was für ein Spiel! Trainer Petkovic wird gefeiert.

Was für ein Spiel! Trainer Petkovic wird gefeiert.

Keystone