Euro 2020
Mitten in der Vertrauenskrise: Spaniens Nationalmannschaft steht vor einem Entscheidungsspiel

Spanien steht am Mittwochabend gegen die Slowakei vor einem Endspiel. In der Heimat wird mit der Personalpolitik gehadert.

Céline Feller
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Luis Enrique (rechts) setzt konsequent auf seinen Stürmer Alvaro Morata - und hat deshalb an Vertrauen bei der spanischen Bevölkerung eingebüsst.

Luis Enrique (rechts) setzt konsequent auf seinen Stürmer Alvaro Morata - und hat deshalb an Vertrauen bei der spanischen Bevölkerung eingebüsst.

Keystone

Nur ein Wort steht da. Für den Trainer, das Team, die bisherigen Auftritte: Suspenso. Auf Deutsch: Durchgefallen. Als das erachtet das spanische Volk lau einer Umfrage der Zeitung «Marca» das, was ihre Landesauswahl in den ersten zwei Partien an dieser EM abgeliefert hat. Nur zwei Punkte haben die Spanier gesammelt, obschon sie in der Gruppe mit Schweden, Polen und der Slowakei als klarer Favorit gelten. Oder galten? Denn vor dem entscheidenden Gruppenspiel gegen die Slowaken (heute, 18 Uhr, SRF 2) steht Spanien nur auf Rang 3.

In der Heimat reden sie von Vertrauensverlust – vor allem jenem Mann gegenüber, der Spanien wieder hätte gross machen sollen: Luis Enrique. 2018 und nach dem zweiten blamablen Out im Achtelfinale in Serie als Trainer installiert, galt er als jener Mann, der den Umbruch herbei führen sollte. Weg vom dechiffrierten, von Altmeistern geprägten Tiki-Taka, welches den Spaniern die erfolgreichste Ära bescherte. Hin zu einem jungen, agilen, zielgerichteteren Spiel.

Ein Mangel an Führungsspieler und offensiven Feuerwerk

Auf diesem Weg traf Enrique bereits vor dem EM einen kontroversen Entscheid: Er verzichtete auf Sergio Ramos. Insofern noch unverständlicher, weil der Trainer nur 24 statt der erlaubten 26 Akteure nominiert hatte. So fehlt Spanien ein Leithammel, ein Vorkämpfer. Deutlich wird dies insbesondere in diesen ersten zwei Spielen, in denen ausgerechnet auch noch Sergio Busquets aufgrund einer Coronaerkrankung fehlte. Seit Samstag ist er wieder beim Team, gegen die Slowaken dürfte er zu seinem ersten Einsatz kommen an dieser EM. Und vielleicht gar zum letzten?

Alvaro Morata ist in einer Schaffenskirse.

Alvaro Morata ist in einer Schaffenskirse.

EPA Reuters Pool / Keystone

Zwar reicht den Spaniern ein Remis, sollte Polen zeitgleich nicht gewinnen. Mit einem Sieg sind sie sicher durch. Auf dem Weg dorthin muss der als Sturkopf bekannte Enrique jedoch Justierungen vornehmen. So fehlt es Spanien nicht einzig an Führungsqualität, sondern vor allem an offensiver Durchschlagskraft. Sinnbild dafür ist Alvaro Morata. Der Stürmer, der unbestritten zu den besten seines Fachs gehört, ist in einer Schaffenskrise. Er vergibt Grosschancen en masse und erinnert dabei an Zeiten, in denen Fernando Torres das leere Tor nicht traf. Es waren Zeiten, in denen Spanien jeweils früh ausschied. In der Heimat wird eine Rochade gefordert, Enrique jedoch scheint an Morata festzuhalten. Die wohl kontroverseste Personalentscheidung.

Ins Gewicht fällt dies vor allem in Spielen gegen Teams wie Schweden, die die Räume konsequent verdichten. Dann kommen die Grundideen des Spanischen Spiels an ihre Grenzen, die Gefahr vor dem Tor schwindet. Vor allem dann, wenn die Genauigkeit wie bislang ebenfalls fehlt. Da nützen auch historische 85,1 Prozent Ballbesitz nichts. Gelingt das Weiterkommen gegen die Slowakei, warten dort spielstärkere, flexiblere Teams, welche den Spaniern besser behagen. Dann könnte das Turnier für sie neu anfangen. Und das Vertrauen zurückkehren.