EURO 2020
Die letzte Chance für die WM-Helden: Was ist bloss mit Vizeweltmeister Kroatien los?

WM-Finalist Kroatien muss gegen Schottland siegen, um nicht auszuscheiden. Die bisherigen Auftritte sind enttäuschend, aber wenig überraschend.

Raphael Gutzwiller
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Ist gefordert: der kroatische Mittelfeldchef Luka Modric.

Ist gefordert: der kroatische Mittelfeldchef Luka Modric.

Bild: Laurence Griffiths / EPA

Vor drei Jahren noch WM-Finalist, nach zwei Partien an der EM schon am Boden: Kroatien bringt bisher kein Bein vors andere. Gegen England und Tschechien holten die Kroaten nur einen Punkt und erzielten dabei nur ein Tor. Gewinnen sie heute gegen Schottland nicht, ist das Turnier für das hochdekorierte Team bereits vorbei.

Nichts erinnert an die euphorischen Bilder von 2018, als Kroatien einen beeindruckenden Siegeszug hinlegte, der erst im Final durch Frankreich gestoppt wurde. Damals, als sich Luka Modric zum Weltfussballer zauberte. Und als die Offensive mit Perisic, Mandzukic und Rebic verzückte. Die Euphorie im Land mit nur vier Millionen Einwohnern war riesig, die Ernüchterung nach den ersten Partien an der EM ist es ebenso. «Alle haben uns abgeschrieben und ad acta gelegt, doch gerade das muss uns motivieren», sagt Trainer Zlatko Dalic.

Spannungsabfall nach der WM

Mario Mandzukic (vorne) ist nach der erfolgreichen WM 2018 zurückgetreten.

Mario Mandzukic (vorne) ist nach der erfolgreichen WM 2018 zurückgetreten.

Frank Augstein / AP

Schon direkt nach der WM war die Ernüchterung gross. Weniger als zwei Monate nach dem WM-Final verloren die Kroaten in der Nations League gegen Spanien mit 0:6. Ein deutlicher Spannungsabfall im Team war spürbar. Da half es nicht, dass mit Mario Mandzukic der Zielspieler in der Offensive zurückgetreten ist. Und mit dem Schweiz-Kroaten Ivan Rakitic ist ein routinierter Mittelfeldspieler nicht mehr dabei.

Von einem echten Generationenwechsel zu sprechen, wäre dennoch verfrüht. Stattdessen scheint diese EM das letzte grosse Turnier einer goldenen Generation zu sein. Luka Modric ist inzwischen 35. Abwehrchef Domagoj Vida, der in Russland das Turnier seines Lebens gespielt hat, ist 32, sein Innenverteidiger-Kumpan Dejan Lovren 31. Auch Flügelstürmer Ivan Perisic ist 32 und trotz seines Treffers gegen Tschechien nicht mehr in der Bestform, die er während der WM 2018 hatte.

Ivan Perisic ist auch schon 32.

Ivan Perisic ist auch schon 32.

Justin Tallis / AP

Zwei Siege in elf Partien

Dalic, der WM-Trainer und Held von 2018, hat zwar das Team wieder zurück in die Spur gebracht, die EM-Qualifikation war kein grösseres Problem. Doch taktische und spielerische Defizite sind seit dem Vize-Weltmeistertitel augenscheinlich. Das zeigen auch die Resultate. Kroatien hat von den letzten elf Partien nur zweimal gewonnen: gegen Malta und Zypern.

Dabei gibt es wie 2018 jene genialen Momente, in denen Fussballästheten nicht aus dem Staunen herauskommen. Die Kroaten bringen die talentiertesten Füsse an das Turnier mit. Technisch können sie alles. Das trifft natürlich auch auf Luka Modric zu. Ist der Stratege am Ball, bringt dies immer etwas Magisches. Er ist der Dreh- und Angelpunkt, fordert permanent das Leder und verteilt es wieder. Zudem organisiert er seine Mitspieler, läuft auch im hohen Fussballeralter noch unermüdlich die Wege zu. Und da sind immer wieder seine genialen Zuspiele.

Suche nach dem Mittelstürmer

Aber auch Modric fehlt es dann und wann an der Kreativität von einst. Im kroatischen Team fehlt es aber insbesondere an der Idee, wie man überhaupt in der Offensive agieren möchte. Die Spielweise von damals funktioniert seit dem Rücktritt von Mandzukic nicht mehr. Ein gleichwertiger Ersatz als Mittelstürmer fehlt. Andrej Kramaric hat zwar eine herausragende Saison bei Hoffenheim hinter sich, fühlt sich aber als hängende Spitze bedeutend wohler.

Ante Rebic glänzte 2018 auf dem Flügel, 2021 vergibt er Chancen als Mittelstürmer.

Ante Rebic glänzte 2018 auf dem Flügel, 2021 vergibt er Chancen als Mittelstürmer.

Robert Perry / EPA

Auch Ante Rebic, der in beiden EM-Partien in der Spitze auflief, ist mehr Flügel denn Mittelstürmer. Und Trainer Dalic scheint ideenlos. Nach dem England-Spiel veränderte er das System, kehrte zurück auf seine WM-Formation. Das Offensivspiel funktionierte aber nur minim besser.

Und so stehen die Kroaten vor dem letzten Gruppenspiel mächtig unter Druck. Gegen das gut organisierte Schottland müssen sie gewinnen, wollen sie im Turnier verbleiben. Trainer Dalic sagt: «Dieses Spiel ist unsere letzte Chance. Die wollen wir ergreifen.»