Euro 2020
Auf diese sechs schaut die Welt: Die Schlüsselfiguren des EM-Finals

Am Sonntag duellieren sich Italien und England um den EM-Titel. Sie werden beide vom Team getragen. Und dieses von je drei Säulen.

Céline Feller
Merken
Drucken
Teilen

Italien gegen England – dieses Duell gab es noch nie in einem Endspiel. Es ist das Duell zweier Teams, die sich über ihr Kollektiv definieren. Sowohl die Italiener als auch die Engländer haben Stars, natürlich. Aber die ganz grossen Namen von früher sind auf beiden Seiten nicht mehr da.

Last und Bringschuld liegen bei je 26 Spielern und dem Staff. Liefert einer nicht, springt der andere in die Bresche. Und doch haben sich in diesem Turnier auf beiden Seiten drei Persönlichkeiten herauskristallisiert, deren Schultern vielleicht noch etwas belastbarer sind. Sie sind die Schlüsselfiguren in diesem Final. Und wir nehmen sie unter die Lupe.

Giorgio Chiellini

Giorgio Chiellini, starker zentraler Verteidiger und Italiens Captain.

Giorgio Chiellini, starker zentraler Verteidiger und Italiens Captain.

Laurence Griffiths / AP

Das Penaltyschiessen hatte noch nicht einmal begonnen, da hatte es Italien bereits gewonnen. Oder besser: Giorgio Chiellini hatte es gewonnen. Beim Münzwurf foppt Italiens Captain sein spanisches Pendant Jordi Alba, dieser nimmt es nur noch entnervt zur Kenntnis. «Mindgames» würden die Engländer so etwas nennen. Chiellini, dieser 36-jährige Recke, dieser Verteidiger alter Schule, beherrscht aber weit mehr als das.

Sein überragendes Stellungsspiel macht seine Tempo-Mängel mehr als wett. José Mourinho sagte einst gar: «Mr. Chiellini und Mr. Bonucci könnten an der Harvard Universität einige Lektionen unterrichten, wie ein zentraler Verteidiger spielen muss.»

Leonardo Bonucci, das ist Chiellinis kongenialer Partner sowohl im Klub als auch im Nationalteam. Für beide, vor allem aber für Chiellini ist dieser Final die Vollendung einer grossen Karriere. Aufgrund einer Verletzung war er beinahe schon zurückgetreten. Wer weiss, wie weit Italien ohne ihn gekommen wäre.

Jorginho

Italiens neuer Maestro: Jorge Luiz Frello Filho – kurz Jorginho.

Italiens neuer Maestro: Jorge Luiz Frello Filho – kurz Jorginho.

Matt Dunham / AP

In Italien mag vieles heilig sein. Pizza, Pasta, der Petersdom. Über allem aber steht der Fussball. Und vielleicht noch ein bisschen darüber jene, die die Kunst des Fussballs so beherrschen, dass das Streicheln des Balles an Leichtigkeit zu grenzen scheint. Einer, der das verkörperte, war Andrea Pirlo. Der Mann, dessen Biografie den Titel «Ich denke, also spiele ich» trägt. Der diese Leichtigkeit paarte mit italienischer Eleganza.

Wenn es dann einer schafft, mit eben diesem Pirlo verglichen zu werden, kommt dies einem Ritterschlag gleich. Jorge Luiz Frello Filho hat das geschafft. Oder kurz: Jorginho. Der Mann, der im brasilianischen Imbituba geboren und aufgewachsen ist und dessen – Achtung – Urururgrossvater Italiener war. Als sein Talent entdeckt wurde, war er plötzlich schneller eingebürgert, als er seine Pässe spielt.

Er mag auf dem Feld nicht vielen auffallen, dieser stille Pass- und Taktgeber, den die «Süddeutsche Zeitung» kürzlich als «Architekt des Minimalismus» bezeichnete. Sein Wert aber ist maximal. Das zeigt alleine der Fakt, dass er einzig im Spiel gegen Wales, in welchem es für Italien um nicht mehr viel ging, nicht über die volle Dauer spielte.

Federico Chiesa

Der Mann der entscheidenden Tore im Wembley: Federico Chiesa.

Der Mann der entscheidenden Tore im Wembley: Federico Chiesa.

Frank Augstein / AP

Es hatte ja fast er sein müssen. Er, dieser Federico Chiesa, der Italien gegen Spanien aus dem Nichts mit seinem 1:0 in Führung schoss. Es war das vielleicht wichtigste Tor seiner Karriere, erzielt im Wembley. Eineinhalb Wochen, nachdem er bereits einen Treffer mit diesem Prädikat geschossen hatte. Wo? Im Wembley natürlich, das 1:0 im Achtelfinal gegen Österreich.

Chiesa, der hauptberuflich nicht Tore im Wembley, sondern in den Stadien Italiens im Dress von Juventus Turin erzielt, liegt die Endspiel-Stätte jedoch. Aber wie könnte es auch anders sein? Denn Chiesas Geschichte seiner Tore in diesem so ehrwürdigen Stadion beginnt schon an der EM 1996. An dieser nahm ein gewisser Enrico Chiesa teil – Federicos Vater.

Und selbstverständlich traf Enrico damals auch, im Vorrundenspiel gegen Tschechien, zum 1:1. Das Spiel der Italiener ging zwar mit 1:2 verloren damals, der Spielort jedoch war ein spezieller: das Londoner Wembley-Stadion – logisch. Die Familie Chiesa und der Endspielort dieser Europameisterschaft, das passt einfach. Vielleicht auch am Sonntag.

Gareth Southgate

1996 Sündenbock, jetzt möglicher Heilsbringer: Gareth Southgate.

1996 Sündenbock, jetzt möglicher Heilsbringer: Gareth Southgate.

Frank Augstein / Pool / EPA

Er wird sogar in diesem einen Lied besungen. Diesem Lied, welches im Duden als Synonym für Sehnsucht, für jahrelanges Leiden zu finden wäre: «Three Lions (Football’s coming home)». «Gareth Southgate, ganz England ist mit dir», lautet die Zeile. Gefolgt von einem «Er wurde gehalten!». Es ist die Originalaufnahme jenes Momentes, in dem Southgate den entscheidenden Penalty im EM-Halbfinal 1996 in Wembley gegen Deutschland verschiesst. Seither war Southgate der Sündenbock.

Entsprechend wenig begeistert wurde seine Ernennung zum Trainer der englischen Nationalmannschaft 2016 zur Kenntnis genommen. Fünf Jahre später aber verneigt sich ein Land, sagt demütig: «Wir schulden dir eine Entschuldigung.» Southgate hat aus den dauer-talentierten Kickern eine Einheit geformt.

Er hat mit einer Prise Pragmatismus die Mischung gefunden, mit der England den Halbfinal an der WM 2018 erreicht hat und den Halbfinal in der Nations League. Und nun den Final der EM. Den ersten überhaupt für England. Southgate ist wohl ohne Übertreibung jenes Puzzleteilchen, welches dem unfertigen Talente-Pool-Puzzle der Engländer gefehlt hat. Er vollendet dieses Team. Und stillt vielleicht bald die Sehnsucht einer ganzen Nation. Mit 25-jähriger Verspätung.

Harry Maguire

Unbestrittener Leader, unüberwindbare Mauer: Harry Maguire.

Unbestrittener Leader, unüberwindbare Mauer: Harry Maguire.

Carl Recine / Pool / EPA

Bei Harry Maguire muss man ein bisschen zurückblicken, um zu verstehen, wieso es so herausragend ist, was er an dieser Endrunde bietet. Zurück zum Sommer 2020. Zurück nach Mykonos. Nach einer tätlichen Auseinandersetzung wurde der Abwehrspieler festgenommen. Es war keine normale Festnahme. Sondern eine, bei der Maguire, so sagte er es selbst, Angst um sein Leben hatte.

Die Polizisten in Zivil schlugen auf seine Beine, sagten ihm, seine Karriere sei vorbei. Ein Ereignis, dass seine vergangene Saison prägte. Maguire kämpfte und haderte mit sich, seinen Leistungen, seinem Team. Lief es Manchester United nicht, war er als Schuldiger gefunden. An dieser EM aber ist Maguire, der die ersten zwei Partien aufgrund einer Sprunggelenkverletzung verpasste, das Fundament einer englischen Defensive, die im Halbfinal gegen Dänemark den ersten Gegentreffer hinnehmen musste.

An Maguire gibt es kaum ein Vorbeikommen. Mit England zeigt er, wieso United 80 Millionen Euro für ihn bezahlt hat. Dass zu seinen Führungsqualitäten und der schieren Unüberwindbarkeit noch eine 80-prozentige Genauigkeit bei Pässen über 30 Meter dazukommt, veredelt sein formidables Turnier, von dem im Sommer 2020 in Mykonos keiner träumen konnte.

Raheem Sterling

Englands Mann des Turniers: Raheem Sterling.

Englands Mann des Turniers: Raheem Sterling.

Carl Recine / Pool / EPA

Born and bred. Dieses Sprichwort fügen englische Fussballer gerne an, um zu untermauern, dass sie an jenem Ort Fussball spielen, wo sie geboren und aufgewachsen sind. Raheem Sterling spielt längst nicht mehr an jenem Ort, an dem er born and bred ist. Seit 2015 spielt er bei Manchester City, zuvor drei Jahre bei Liverpool. Born ist Sterling zwar in Jamaika, bred aber, das ist er an einem für Englands Fussball magischen Ort: in Wembley.

Diesem Stadtteil im Nordwesten Londons, der für dieses wunderschöne Stadion mit dem 133 Meter hohen Bogen bekannt ist, weniger aber dafür, ein guter Ort zu sein für das Aufwachsen von Kindern. Es ist der Ort, an dem Raheem Sterling am Sonntag das grösste Spiel seiner Karriere bestreiten wird. Er, der Junge aus Wembley, der im bisherigen Turnierverlauf der beste Engländer war.

Er, der das Stadion auf sein Bein tätowiert hat, ebenso wie ein M16-Sturmgewehr auf der rechten Seite. Er wolle nie zu Waffen greifen, weil sein Vater dem Schuss einer solchen erlag. Viel mehr ist sein rechter Fuss, so Sterling, «meine Waffe.» Die Waffe, die England zum ersten Titel seit 1966 und dem ersten überhaupt an einer EM schiessen soll. Im Wohnzimmer der Nation. In der Heimat von Raheem Sterling.