Im Fadil-Vokrri-Stadion in Pristina ist der Teufel los. Gefeiert wird der 2:0-Sieg von Kosovo über die Färöer-Inseln und die Übernahme der Tabellenführung in der Gruppe 3 der League D. Die 13'500 Zuschauer sind aus dem Häuschen, und mit ihnen freut sich der Schweizer Trainer Bernard Challandes für seine Spieler.

Einer von diesen ist Hekuran Kryeziu vom FC Zürich. Der Mittelfeldakteur geniesst den Moment; denn es ist ein grosser Tag für die junge Fussballnation. Weil das Stadion in der Hauptstadt den Ansprüchen nicht genügt hat, musste Kosovo die Heimspiele bisher immer im Nachbarland Albanien austragen.

«Die mehrstündige Anfahrt und die schlechten Trainingsbedingungen waren mühsam», sagt Kryeziu. Jetzt, nach der Renovation des Nationalstadions, ist alles anders und der Heimvorteil kommt so richtig zum Tragen.

Es macht mehr Spass

Aber nicht allein deshalb sind die Siegchancen des kosovarischen Teams markant gestiegen. Es ist die neu geschaffene Nations League, die das kleine Land auf dem Balkan euphorisiert. Ihr Modus erlaubt es auch den kleinsten Ländern Europas, von einem Coup zu träumen.

Hinter den Mannschaften der Ligen A bis C ermitteln 16 Equipen der D-Liga in Gruppenspielen und Playoffs den Sieger und Glückspilz, der 2020 bei der Europameisterschaft an den Start gehen darf.

Kosovo besiegt Färöer in der Nations League

«Gegen Länder wie Spanien oder Frankreich sind wir Kleinen chancenlos», sagt Kryeziu, «jetzt aber gibt es Spiele auf Augenhöhe. Und das Feld als Sieger zu verlassen, macht halt auch viel mehr Spass.» Nach dem 0:0 in Aserbaidschan und dem 2:0 über die Fähringer – der dritte Gegner ist Malta – sind die Hoffnungen auf den ganz grossen Wurf intakt. «Ja, die EM ist unser Traum», sagt Kryeziu. «Absolut!»

1500 Kilometer entfernt sind ganz ähnliche Töne zu vernehmen. Im Vaduzer Rheinpark-Stadion hat die Mannschaft von Liechtenstein in ihrem 180. Länderspiel zum 13. Mal gewonnen und sich nach der 1:2-Niederlage in Armenien die Chance gewahrt, in der Gruppe 4 der League D (Mazedonien gehört auch noch dazu) ein Wörtchen mitzureden um den Gruppensieg.

Gute Siegeschancen geben den besonderen Schub

2:0 haben die Liechtensteiner durch Tore von Dennis Salanovic (Thun) und Sandro Wieser (Vaduz) gegen Gibraltar gewonnen. «Das gibt Auftrieb und Selbstvertrauen», sagt Trainer Rene Pauritsch.

Der Österreicher bescheinigt seinem Team zwar gegen jeden Gegner eine hohe Motivation, nun aber auch mal mit guten Siegchancen auf den Platz zu gehen, gebe einen besonderen Schub. «Sehr gefreut hat mich, wie die Burschen mit dem Druck umgegangen sind», sagt der 54-Jährige.

Liechtenstein besiegt Gibraltar in der Nations League

Liechtenstein unter Druck? Tatsächlich: Nach unendlich vielen Pflichtspielen als Underdog, in denen es zumeist um Schadensbegrenzung ging, und es nichts zu verlieren gab, müssen sich gewisse Teams erst einmal damit zurechtfinden, plötzlich als Favorit in eine Partie zu gehen. Wie eben die Liechtensteiner gegen Gibraltar.

Pauritsch macht kein Geheimnis daraus, dass sich auch das «Ländle» Chancen ausrechnet, in der League D einmal ganz vorne zu landen. «Nach einer Umbruchphase mit dem Rücktritt erfahrener Spieler ist es noch zu früh, an Rang 1 zu denken», sagt der Fussballlehrer, «wir leben aber gewiss den Traum, uns einmal für eine EM zu qualifizieren. Man muss Visionen haben.»

Die Kritiker sind verstummt

Wer zurückdenkt ins Jahr 2014, als die Uefa die Einführung der Nations League beschloss, erinnert sich an böse Kommentare. «Keiner braucht die Nations League», giftelte Bayern Münchens Spitzenfunktionär Karl-Heinz Rummenigge. «Wir haben schon genug Wettbewerbe», grantelte Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke.

Jetzt, vier Jahre später und nach der ersten Doppelrunde, ist die Kritik an der Nations League weitgehend verstummt. Auch wenn die Uefa den Wettbewerb vor allem wegen ihrer Gier nach mehr Geld durch TV-Übertragungsrechte eingeführt hat und der damalige Präsident Michel Platini den Kleinen aus politischen Gründen (Stimmenfang vor Wahlen) ein Geschenk machte, sind die ersten Eindrücke positiv.

So erklärt die Uefa die Nations League (englisch).

Die Reduktion der unsäglichen Testpartien zugunsten von Pflichtspielen ist ein Segen. Die meisten Nations-League Partien wie England gegen Spanien oder Deutschland gegen Frankreich waren voller Intensität, und fast alle Teams traten mit der bestmöglichen Formation an.

War das Spiel der Schweiz gegen Island mitreissend und voller Tempo, so wurde der Freundschaftskick gegen England B drei Tage später mit langweiligem Ballgeschiebe und Wechselorgien zum Ärgernis – und zum Plädoyer für die Nations League.