Rudersport

«Es war ein Balanceakt» – Dokfilm zeigt Einblicke in die grösste Lebenskrise von Jeannine Gmelin

Jeannine Gmelin liess sich über ein Jahr lang von einer Kamera begleiten.

Jeannine Gmelin liess sich über ein Jahr lang von einer Kamera begleiten.

Der Film über Ruderin und Vizeuropameisterin Jeannine Gmelin lebt von den unerwarteten, extremen Wendungen.

Kein Drehbuch hat dies vorgesehen. Als Ruder-Weltmeisterin Jeannine Gmelin im Spätherbst 2018 das Okay für einen Dokumentarfilm über ihren Weg an die Olympischen Spiele in Tokio gibt, verlangt sie von Regisseur Christian Labhart zwar explizit einen ungeschminkten, ungeschönten, vielleicht sogar kritischen Einblick in den Alltag als Spitzenathletin. Dass die Kamera des erfahrenen und mehrfach ausgezeichneten Filmemachers aber schon sehr bald erbarmungslos nahe die grösste Krise ihres Sportlerlebens einfangen würde, kann die Zürcher Seriensiegerin zu diesem Zeitpunkt nicht wissen.

Eine Kamera begleitete Jeannine Gmelin während eineinhalb Jahren.

Eine Kamera begleitete Jeannine Gmelin während eineinhalb Jahren.

«Meine Geschichte ist nicht so speziell: kein Glamour, keine Skandale, nur hartes Training – dreimal am Tag.» Jeannine Gmelin willigt nicht ins Filmprojekt ein, weil sie den Drang zur Selbstdarstellung hat. Sie erhofft sich Werbung für einen Sport jenseits des grossen Publikumsinteresses, in den sich die 30-Jährige als Jugendliche verliebt hat. Sie möchte auf diesem Weg auch Danke sagen an das persönliche Umfeld, das ihr den Traum vom Olympiasieg erst ermöglicht. Der 53-minütige Dokumentarfilm «Kämpfen für Olympia», der diesen Donnerstag zur besten Sendezeit (20.05 Uhr auf SRF1) ausgestrahlt wird, will Gmelin während 18 Monaten bis zum angestrebten Sieg in Tokio begleiten.

Der Trailer zur SRF DOK: Kämpfen für Olympia– Jeannine Gmelin

Der Sport war Neuland für den Regisseur

Auch für den preisgekrönten Dokumentarfilmer Christian Labhart («Giovanni Segantini – Magie des Lichts», «Yasin darf nicht sterben», «Dimitri Clown» usw.) bedeutet das Projekt Neuland. Zum einen hat er noch nie einen Film im Sportumfeld gedreht, zum anderen steht erstmals seine Frau Heidi Schmid hinter der Kamera. Der 67-Jährige sagt:

Gmelin stellt sich die Sinnfrage

Das Filmprojekt entwickelt sich praktisch vom ersten Moment an anders, als Regisseur und Hauptdarstellerin sich das auch nur im Entferntesten vorgestellt hätten. Im Winter wird Jeannine Gmelins britischer Erfolgstrainer Robin Dowell vom Verband entlassen. Für die Athletin stellt sich nach diesem Eklat die Sinnfrage, und der öffentliche Konflikt mit Swiss Rowing endet mit einem Alleingang in Form eines Privatteams. Gmelin durchlebt eine existenzielle Krise, wird von Emotionen durchgerüttelt und von einer grossen Ungewissheit geplagt. Nicht gerade eine Lebensphase, in der eine mitlaufende Kamera das Wunschszenario ist.

Sie sei in dieser Zeit tatsächlich ab und zu in Konflikt mit sich selber gekommen, sagt Gmelin. Aber nicht, weil sie ihre eigenen Schmerzen hätte verbergen wollen. «Es war ein Balanceakt. Es ging mir um meinen Schutz und vor allem um den Schutz von anderen am Konflikt Beteiligten. Auch sie haben Anrecht auf Privatsphäre», sagt die Zürcherin. Es gibt einige wenige Tage und Momente, wo die Kamera ausgeschlossen wird. Aber bald schon empfindet auch die Athletin das Filmteam als Teil ihres Alltags.

Zuerst Flucht vor dem Virus, dann Olympia-Verschiebung

Die Kamera ist auch auf der Klettertour dabei.

Die Kamera ist auch auf der Klettertour dabei.

Die Dokumentation nimmt eine erste, extreme Wendung. Weitere folgen. Im Dezember 2019 muss Jeannine Gmelin einen Australienaufenthalt Hals über Kopf abbrechen. Gigantische Buschfeuer verunmöglichen ein Training. Im März 2020 verlässt das Privatteam in einer Nacht- und Nebelaktion die Lombardei, nur Stunden bevor die Region aufgrund des grassierenden Coronavirus komplett abgeriegelt wird. Und wenige Wochen später erfährt die Olympiahoffnung in ihrem Exil in Slowenien, dass die Sommerspiele in Tokio um ein Jahr verschoben werden. Damit entfällt auch das angedachte Happy End des Films. Dem Spannungsbogen der Dokumentation schadet das nicht. Doch weil die Hauptdarstellerin nicht Lara Croft sondern Jeannine Gmelin heisst, ist das Werk kein Heldenepos. Es dürfen Tränen fliessen, auch persönliche Niederlagen werden ins Licht gerückt. Eindrücklich sind die starken Familienbande von Gmelin und die vertrauensvolle Beziehung zu ihrem britischen Coach. Bleibend auch die Diskrepanz zwischen teilweise atemberaubender Naturidylle und den Schmerzen des Trainings und Wettkampfs in einer der härtesten Ausdauersportarten. Etwa, wenn Jeannine Gmelin zu den Bildern des EM-Finals erzählt, wie sie während dieses Rennens leidet. Sie sagt:

«Es gibt happige Momente im Film»

Eine gewisse Anspannung spürt die EM-Zweite von 2019 vor der Ausstrahlung. Es sei weniger Vorfreude, sondern vielmehr Respekt. «Es gibt happige Momente im Film, ich exponiere mich damit als Mensch und mache mich auf eine gewisse Art auch angreifbar.» Gmelin ist gespannt auf die Reaktionen und weiss nicht, welches Bild die Öffentlichkeit von ihr erhält. Selbst wenn sie persönlich auf jeden Fall «voll dahinterstehen» kann.

Und der Regisseur? Auch wenn er die Sportwelt für einen Dokumentarfilm als «sehr begrenzt» empfindet und auf keinen Fall einen «Sportfilm» machen wollte, hat Labhart für das Projekt seine Erfolgsprämien aus früheren Filmen investiert und viel Herzblut vergossen. Sein Ziel war, zu berühren, einem künstlerischen Anspruch zu genügen und immer wieder «die Perle des Augenblicks» zu finden. Die Bescheidenheit und Solidarität, aber auch die Tiefgründigkeit seiner Protagonistin haben es dem Zürcher Oberländer spürbar angetan. Und die Herausforderung, einen Menschen filmisch in den Mittelpunkt zu stellen, der nicht gerne im Mittelpunkt steht.

Hinweis

Donnerstag, 20.05 Uhr, SRF1:
SRF DOK: Kämpfen für Olympia– Jeannine Gmelin

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