Verwaltungsräte treten ab oder werden aus dem Amt gedrängt. Mitarbeiter reagieren mit einem Exodus. Die Sponsoren sind irritiert. Der Hauptaktionär, ernsthaft krank, wird in den Dreck gezogen. Die verletzten Egos in der Ostschweiz therapieren sich, indem sie Intrigen spinnen und via Medien Giftpfeile abfeuern. Und mittendrin der Präsident Stefan Hernandez. Erst vier Monate im Amt, als Brandlöscher überfordert – wer will es ihm verdenken.

Normalerweise werden Krisen im Fussball durch negative Resultate ausgelöst. Aber der FC St. Gallen ist finanziell gesund. Sportlich entpuppt sich die junge Saison zwar nicht als berauschend, aber mit neun Punkten aus sieben Spielen ist sie doch zu gut, um Zeter und Mordio zu schreien. Die Gründe für die Krise: Unglückliche Personalentscheidungen, Profilierungssucht und verletzte Egos. Die Protagonisten:

Dölf Früh (65)

2010 droht der FC St. Gallen wegen des neuen Stadions zu kollabieren. Dölf Früh, ein erfolgreicher Unternehmer (Gate24 und Scout24) aus Teufen AR und passionierter Kampfsportler, tritt im Sturm auf die Kommandobrücke. Er entschuldet den Verein. Danach formt er aus dem FC St. Gallen den wirtschaftlich erfolgreichsten Fussballklub der Schweiz – hinter Basel. Im Frühling dieses Jahres tritt Früh aus gesundheitlichen Gründen als Präsident ab.

Tritt im Frühling dieses Jahres aus gesundheitlichen Gründen als Präsident zurück: Dölf Früh.

Tritt im Frühling dieses Jahres aus gesundheitlichen Gründen als Präsident zurück: Dölf Früh.

Michael Hüppi (61)

Rechtsanwalt und Bruder von Fernsehmann Matthias. Von 2008 bis 2010 ist Michael Hüppi Präsident beim FC St. Gallen. Und damit nicht ganz unschuldig, dass der Verein 2010 unmittelbar vor dem Kollaps steht. Man könnte meinen, Hüppi sollte Früh auf Lebzeiten dankbar sein, dass dieser ihn und den Klub aus dem Schlamassel manövriert hat. Doch nun erfährt er, dass er von Früh an der diesjährigen Generalversammlung nicht mehr zur Wiederwahl als VR-Mitglied vorgeschlagen wird. Hüppi, gekränkt und enttäuscht, reagiert umgehend, tritt zurück und via Medien nach. Er wirft Früh vor, auch nach dessen Rücktritt aus dem Hinterhalt weiterhin Entscheidungen zu fällen. Er bezeichnet den neuen Präsidenten Hernandez als schwache, von Früh gesteuerte Figur.

Rechtsanwalt und Bruder von Fernsehmann Matthias: Michael Hüppi.

Rechtsanwalt und Bruder von Fernsehmann Matthias: Michael Hüppi.

Dölf Früh

Zusammen mit Sportdirektor Heinz Peischl und Trainer Jeff Saibene bildet Dölf Früh ab 2011 ein homogenes Führungstrio. Kein Kompetenzgerangel, kein Knatsch, keine Meinungsverschiedenheit – zumindest in der Öffentlichkeit. Der FC St. Gallen wird zum Musterknaben. Aber nicht für ewig. Als es darum geht, einen neuen technischen Leiter für den Nachwuchs zu installieren, setzt Früh erstmals zum Solo an. Im März 2015 wird Marco Otero als neuer Mann vorgestellt. Saibene und Peischl fühlen sich übergangen, weil sie andere Namen präferierten. Zwei Monate später ist Peischl entlassen. Anfang September tritt Saibene zurück.

Christian Stübi (47)

Erstaunlich, dass im Zusammenhang mit Christian Stübi immer wieder von Degradierung die Rede ist. Dabei wurde er doch vor mehr als zwei Jahren vom Teammanager zum Sportchef befördert. Zwar mit weniger Kompetenzen ausgestattet als sein Vorgänger Peischl, aber immerhin Sportchef. Zumindest bis zum Abgang in diesem Juni.

2015 braucht St. Gallen einen neuen Trainer. Etliche Kandidaten werden kontaktiert. Doch einige haben wenig Lust, sich mit der «Trainerfindungskommission» zu treffen. Dort haben, verständlicherweise, Früh und Stübi Einsitz. Was aber Medienchef Daniel Last, der CEO der Event AG Pascal Kesseli und Sportpsychologe Christian Uhl im Gremium zu suchen haben, erschliesst sich ihnen nicht.

St. Gallen verpflichtet Joe Zinnbauer. Früh soll als Einziger Vorbehalte angemeldet haben. Später, als Zinnbauer wegen ungenügender Resultate unter Druck gerät, ist Früh der Einzige aus der «Trainerfindungskommission», der Zinnbauer den Rücken stärkt. «Typisch Früh», sagen Weggefährten. «Loyal bis zur Schmerzgrenze. Ein Ehrenmann.» Am 6. November 2016 reist St. Gallen (punktgleich mit dem Tabellenletzten Vaduz) nach Lugano. Ein Schicksalsspiel für Zinnbauer. Die Ostschweizer gewinnen 3:2. Die Freude ist enorm. Nur Stübi und Assistenztrainer Martin Stocklasa ist sie nicht anzusehen. «Ich hatte schon vorher den Eindruck, Stocklasa und Stübi würden gegen Zinnbauer arbeiten», sagt ein Spieler. Stocklasa wird kurz nach dem Spiel in Lugano entlassen.

Sportchef: Christian Stübi.

Sportchef: Christian Stübi.

Pascal Kesseli (43)

Seit 2011 VR-Mitglied, ab 2013 CEO der Event AG. Sponsoren, Mitarbeiter, VR-Kollegen – Pascal Kessel erlangt eine ordentliche Hausmacht. Für viele ist er der natürliche Nachfolger von Früh. Als diesen sieht er sich auch selbst. Denn Kesseli findet immer mehr Gefallen am sportlichen Bereich. Vielleicht auch, weil dieser prestigeträchtiger und öffentlichkeitswirksamer ist, als das Stadion zu vermarkten.

Als Früh erkrankt, entsteht ein Vakuum. Früh macht Kesseli klar, dass nicht er sein Nachfolger würde. Über die Gründe schweigen die beiden bis heute. Ein Insider sagt: «Kesseli hat sich bis zu diesem Zeitpunkt zu häufig gegen Früh gestellt.» Nachdem Kesseli die Chancenlosigkeit bewusst wird, posaunt er: «Ich will nicht Präsident werden.» Als CEO bleibt er nur bis Anfang September im Amt. Nach Kesselis Abgang am 4. September treten nicht nur die VR-Mitglieder Hüppi und Schönenberger ab, sondern kündigen der Stadionmanager, der Leiter Event, der Leiter Vermarktung und die Leiterin Sponsoring.

Erlangt eine ordentliche Hausmacht: Pascal Kesseli.

Erlangt eine ordentliche Hausmacht: Pascal Kesseli.

Stefan Hernandez (50)

Hernandez wer?, fragt man sich im Mai 2017. Der neue Präsident ist gänzlich unbekannt. 15 Jahre lang leitet er die Hartchromwerk Brunner AG, ein St. Galler KMU. Gewiss hat er Führungserfahrung und versteht wirtschaftliche Zusammenhänge. Aber in diesen 15 Jahren bleibt er anonym, sein Name taucht nur in zwei Artikeln des «St. Galler Tagblatts» auf. Und nun soll dieser Mann ein Unternehmen in einem hoch emotionalen Umfeld führen? Ein Kulturgut, täglich unter dem Brennglas einer breiten Öffentlichkeit.

Hernandez hat keine Medien-Erfahrung und macht dementsprechend viele Fehler. Und Hernandez findet Gefallen am Transfergeschäft. Logisch. Jahrelang auf der Tribüne, jahrelang nur Zuschauer und nun bietet sich die Möglichkeit zu gestalten, mit dem grossen Marco Streller vom FCB über Albian Ajeti zu verhandeln, einen Junioren-Weltmeister zu verpflichten, mit Beratern und Spielern auf Du und Du zu kommunizieren. Hernandez, null Komma plötzlich im Wunderland.

Hernandez spielt lieber Aussen- als Innenminister. Ist auch reizvoller als die Knochenarbeit im Hintergrund. Aber im Hintergrund fliegt ihm gerade die Bude um die Ohren. Der Rivale (Kesseli), der nun Mitspieler sein soll. Misstrauische, gekränkte und im Stolz verletzte VR-
Kollegen. Skeptische, den alteingesessenen Führungskräften loyal ergebene Angestellte. Das ist zu viel. Hernandez verliert die Kontrolle über den Klub.

Der neue Verwaltungsratspraesident: Stefan Hernandez.

Der neue Verwaltungsratspraesident: Stefan Hernandez.

Marco Otero (43)

eder Müll muss irgendwo deponiert werden. Und dies passiert derzeit bei Marco Otero oder dessen Bekanntem, dem Berater Donato Blasucci. Es heisst, sie würden Politik betreiben. Es heisst, sie würden Unruhe stiften. Nur können die Anschuldigungen nicht belegt werden. Marco Otero ist der technische Leiter im Nachwuchs. Fachlich unbestritten. Bei früheren Arbeitgebern heisst es: Kein böser Mensch und sicher kein Intrigant, als der er dargestellt wird. Aber direkt im Umgang und ein Mann, der glaubt, den Fussball revolutionieren zu können.
Blasucci wird vorgeworfen, einen Clan im Klub gebildet zu haben, Einfluss auf die Klubpolitik zu nehmen. Als St. Gallen einen neuen Nachwuchs-Chef suchte und Früh bei Blasucci um Rat fragte, empfahl ihm dieser nicht nur Otero, sondern auch Sandro Chieffo und Carlos Bernegger.
Die Ex-VR-Mitglieder Hüppi, Kesseli und Schönenberger müssen sich fragen: Warum winken sie im Mai die Verpflichtung von Trainer Giorgio Contini durch, wo doch alle Beteiligten wissen, in welchem Verhältnis Contini und Blasucci stehen.

Technische Leiter im Nachwuchs: Marco Otero.

Technische Leiter im Nachwuchs: Marco Otero.