Reportage

Es ist unmöglich, Young-Boys-Meistertrainer Adi Hütter nicht zu mögen

Geschafft! Adi Hütter hat YB nach 32-jähriger Durststrecke zum Schweizer Meister gemacht.

Geschafft! Adi Hütter hat YB nach 32-jähriger Durststrecke zum Schweizer Meister gemacht.

Wer sich in Altach, der Heimat des YB-Meistermachers Adi Hütter, umhört, spürt, wie stolz die Leute auf ihn sind. Eine Reportage von «nordwestschweiz»-Sportredaktor Markus Brütsch.

rAuf dem Weg vom Altacher Dorfkern zur Sportanlage Schnabelholz kommen wir vorbei an blühenden Wiesen und sehen in der Ferne den Schweizer Ausflugsberg Hoher Kasten mit seinen Schneefeldern. Als uns ein Spaziergänger mit einem Belgischen Schäferhund entgegenkommt, versuchen wir gleich mal unser Glück. «Guten Tag, einen schönen Hund haben Sie.

Kennen Sie vielleicht jemanden, der Adi Hütter heisst und aus der Gegend kommt?» «Den Adi?» Natürlich ist Edmund Bitschnau etwas überrascht von dieser Frage. Als wir ihm erklären, dass wir extra nach Vorarlberg gekommen sind, um mit Menschen aus der Heimat des YB-Meistertrainers zu sprechen, sprudelt es nur so heraus aus dem 58-Jährigen.

Adi war der Beste

«Hier kennt jeder den Adi, und Adi kennt jeden. Er ist sehr mit dieser Region verbunden.» Bitschnau erzählt, wie er mit dem Adi erstmals Bekanntschaft gemacht habe, als dieser noch ein junger Bursche war. «Er hat in der Jugend von Altach gespielt, ich habe den Nachwuchs der Nachbargemeinde Mäder betreut. Adi war der Beste.» Es ist zu spüren, wie stolz der pensionierte Beamte auf Hütter ist. «Er hat einen sensationellen Werdegang hinter sich. Wissen Sie, was seine grösste Stärke ist? Er macht jeden Spieler besser!» Bevor Bitschnau sich verabschiedet, sagt er: «Adis Weg führt in die Bundesliga.»

«Adi ist hier in Vorarlberg ein absoluter Sympathieträger. Hier kennt jeder den Adi, und Adi kennt jeden.»

«Adi ist hier in Vorarlberg ein absoluter Sympathieträger. Hier kennt jeder den Adi, und Adi kennt jeden.»

Zehn Minuten später erreichen wir die Sportanlage Schnabelholz mit der Cashpoint Arena. Auf dem Nebenplatz trainiert die erste Mannschaft mit ihrem Trainer Klaus Schmidt und dem Captain Philipp Netzer. Mit beiden werden wir nach dem Training sprechen können. Zuerst schauen wir aber auf der Geschäftsstelle vorbei. Wir treffen Christoph Längle, den Geschäftsführer des Cashpoint Sportclubs Rheindorf Altach, der in der österreichischen Bundesliga auf Rang 8 liegt. Der Klub aus dem beschaulichen Dorf mit 6500 Einwohnern ist ein Paradebeispiel, wie man mit bescheidenen Mitteln eine Erfolgsstory schreiben kann.

Längle ist zum Thema Hütter der ideale Ansprechpartner. «Wir sind miteinander aufgewachsen, haben gemeinsam die Schulbank gedrückt und zusammen Fussball gespielt», berichtet Längle. Ihre Elternhäuser lagen 1500 Meter auseinander und beide sind gut behütet aufgewachsen.

Den Freund entlassen

Auch nachdem der junge Hütter mit 17 Jahren zum Grazer AK gegangen war, blieben die beiden in Kontakt. Zwei Mal ist Hütter zu Altach zurückgekommen. Einmal als Spieler und einmal als Trainer mit dem Ziel, seinen Stammklub in die Bundesliga zu führen. In der dritten Saison wurde ihre Freundschaft auf eine harte Probe gestellt. Die Altacher lagen drei Punkte hinter dem Leader – und entliessen den Trainer. «Wir haben die Nerven verloren. Das war ein grosser Fehler. Es war sehr belastend», sagt Längle, «aber die Freundschaft ist nicht daran zerbrochen.» Der 47-Jährige sagt, Hütter sei inzwischen zu einem kompletten Trainer gereift.

«Adi sieht sich nicht als One-Man-Show. Er betont immer die Wichtigkeit des Trainerteams. Er ist ein Teamplayer.»

«Adi sieht sich nicht als One-Man-Show. Er betont immer die Wichtigkeit des Trainerteams. Er ist ein Teamplayer.»

«Als junger Trainer war er noch etwas ungeduldig.» Wenn Längle die herausragenden Trainereigenschaften Hütters aufzählt, sagt er: «Zielstrebig, ehrgeizig, empathisch. Er hat das zwischenmenschliche Feeling, ein Team zu formen. Er ist ein extremer Teamplayer. Ich habe gleich gespürt, wie sauwohl er sich in Bern fühlt.»

Trainer Klaus Schmidt ist Steirer, wie ursprünglich auch die Familie Hütter. «Wir haben uns vor 18 Jahren beim Grazer AK kennen gelernt. Im Laufe der Zeit hat sich eine tiefe Freundschaft entwickelt», sagt Schmidt. Mindestens zweimal in der Woche telefonieren die beiden miteinander. Manchmal stundenlang. Die Familien fahren im Sommer gemeinsam in den Urlaub. «Wenn Sie etwas Kritisches über Adi wissen wollen, dann bin ich der Falsche», sagt Schmidt. «Als Trainer hat er sich extrem weiterentwickelt. Er hat eine grosse Sozialkompetenz.

In der Stadionbeiz hängen Bilder mit Adi Hütter im Altach-Trikot.

In der Stadionbeiz hängen Bilder mit Adi Hütter im Altach-Trikot.

Was wir alle an ihm schätzen: Adi ist der geblieben, der er immer war. Und noch etwas: Er hat die grosse Qualität, die richtigen Leute, wie zum Beispiel seinen Assistenten Christian Peintinger, mit ins Boot zu holen. Hätten wir am Samstag nicht ein Spiel gehabt, wäre ich nach Bern gefahren. Es wäre grossartig gewesen, mit Adi und Christian den Titel zu feiern.»

Hütter umgemäht

Philipp Netzer hat nach dem Training extra auf uns gewartet. Er ist der Captain von Altach und wie Hütter Vorarlberger. Er erzählt eine Episode: «Ich war zwanzig und Adi 36, als wir gegeneinander spielten. Er mit den Red Bull Juniors, ich mit Austria Wien. Kurz nach dem Anpfiff bekam er im Mittelfeld den Ball. Ich komme von hinten und mähe ihn um. Weil wir auf Kunstrasen spielten, waren seine Knie beide offen.» Als Hütter dann Trainer in Altach wurde und mich hierherholte, hat er mich sofort gefragt: «Junge, was war denn damals los mit dir?»

Adi Hütter (vorne der Dritte v. l.) und Werner Riedmann (hinten, der Fünfte v. l.).

Adi Hütter (vorne der Dritte v. l.) und Werner Riedmann (hinten, der Fünfte v. l.).

Netzer sagt: «Hütter sucht die Fehler nie bei anderen. Er strahlt eine grosse Ruhe aus. Er ist authentisch, hat für die Spieler ein offenes Ohr und kann gut zuhören. Ich verfolge seinen Weg bei YB genau. Offenbar hat es geholfen, dass ich ihm kürzlich viel Glück gewünscht habe.»

Ferdinand Jussen ist dabei, den Rasen des Trainingsplatzes zu mähen. Er sieht unser Handzeichen und steigt vom Gefährt. Seit 37 Jahren ist Jussen Platzwart. «Ich verfolge Adis Weg seit ewig. Jeden Montag schaue ich in der Zeitung nach, wie YB gespielt hat. Ich bin stolz auf den Adi. Er ist so normal und menschlich geblieben. Wenn Sie erlauben, möchte ich ihm auf diesem Weg herzlich zum Titel gratulieren.»

Platzwart Ferdinand Jussen: «Adi ist so normal geblieben.»

Platzwart Ferdinand Jussen: «Adi ist so normal geblieben.»

Von Christoph Längle haben wir den Tipp erhalten, mit Werner Riedmann zu sprechen. Zusammen mit seinem Bruder führt er im Dorfzentrum einen vorzüglichen Supermarkt. Das Fräulein an der Fleischtheke hat noch nie etwas von einem Adi Hütter gehört. Riedmann dagegen weiss einiges zu erzählen. Er und Hütter hatten einst zusammen bei den Kleinsten von Altach Fussball gespielt. Kontakt haben sie zwar nicht mehr so oft, «aber wenn er da ist, sehen wir uns. Er ist ein absolut loyaler Mensch», sagt Riedmann.

«Vor drei Wochen habe ich YB in St. Gallen gesehen. «Leider konnte ich nicht mit Adi sprechen. Aber ich habe ihn beobachtet. Wissen Sie, was mir aufgefallen ist? Er hat immer wieder gepfiffen wie ein Murmeltier und damit seiner Mannschaft Anweisungen gegeben.» Wirklich? «Ja, mit kurzen, prägnanten Pfiffen. Nach meiner Wahrnehmung hat diese Kommunikation funktioniert.»

Wunderbar selbstlos

Unser Trip nach Altach neigt sich dem Ende entgegen. Wir hätten gerne noch Hütters früheren Lehrer getroffen. Aber Toni Heinzle ist nicht erreichbar. Am Tag danach aber geht er ans Telefon. «Ja, ich kann mich gut an ihn erinnern. Er war ein guter Schüler, wenn auch nicht ein besonders guter», erzählt Heinzle. Dann bringt der 71-Jährige wunderbar auf den Punkt, wie Adi Hütter tickt.

«Obwohl er im Fussball immer der Beste war, hat er sich im Team stets für die schwächeren Spieler eingesetzt.»

«Obwohl er im Fussball immer der Beste war, hat er sich im Team stets für die schwächeren Spieler eingesetzt.»

«Wenn wir in den Turnstunden Fussball spielten, war Adi klar der Beste. Er hat drei oder vier Gegner ausgedribbelt, dann das Tor aber nicht gemacht, sondern den Ball einem schwächeren Mitspieler aufgelegt, um diesem zu einem Erfolgserlebnis zu verhelfen. Und wenn dieser dann das Tor nicht gemacht hat, ist nie ein Vorwurf von Adi gekommen.» Heinzle sagt: «Ich gönne Adi den Titel mit YB von Herzen. Glückwunsch!»

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