Rassismus

«Es gibt keinen Millimeter Spielraum»: St.Gallen-Präsident Hüppi geht gegen «Scheiss Mohrechopf»-Rufer vor

Das Rassismusopfer von St.Gallen: der Stürmer Aiyegun Tosin (rechts) vom FC Zürich.

Das Rassismusopfer von St.Gallen: der Stürmer Aiyegun Tosin (rechts) vom FC Zürich.

Zürichs Stürmer Aiyegun Tosin wurde während des Spiels am Donnerstag im St.Galler Kybunpark von einem Zuschauer beleidigt. FCSG-Präsident Hüppi ist schockiert und erstattet Strafanzeige.

«Scheiss Mohrechopf!» Der am vergangenen Donnerstag im Kybunpark aufgenommene und danach viral verbreitete Videoclip mit dem Gebrüll eines Rassisten sorgt für Empörung.

Dessen Zielscheibe war Aiyegun Tosin gewesen, der nigerianische Torschütze zum 2:0 für den FC Zürich gegen St.Gallen.

Die Wortwahl des «Fans» hat natürlich viel mit der Debatte zu tun, die nach der Ermordung eines Schwarzen durch einen Polizisten in den USA auch in der Schweiz geführt wird bis hin zur Frage, ob der Begriff «Mohrenkopf» für ein Schokoladengebäck noch erlaubt sei. Ans Tageslicht kam der Vorfall aber wohl nur, weil das Stadion wegen der Massnahmen gegen das Coronavirus nur dünn besetzt war und einzelne Rufe gut zu verstehen waren. Pascal Wicki, Leiter Sicherheit beim FC St.Gallen, sagt:

Wie weit man mit den Ermittlungen sei, konnte Wicki nicht sagen. «Weil es ein laufendes Verfahren ist, können wir keine Auskunft geben.»

Hüppi erklärt den Vorfall zur Chefsache

Matthias Hüppi liess keinen Zweifel offen, dass der Fehlbare zur Rechenschaft gezogen und mit einem Stadionverbot belegt werde. «Es gibt keinen Millimeter Spielraum. Ich habe diesen Vorfall zur Chefsache erklärt. Wir werden auch in Zukunft noch mehr gesellschaftliche und soziale Verantwortung übernehmen», sagt Hüppi.

Der St.Galler Präsident spricht Urs Frieden, dem Gründer und Ehrenpräsidenten des Vereins «Gemeinsam gegen Rassismus», aus dem Herzen. Dieser lobt Hüppi für dessen starke Reaktion: «Er ist in der Region eine grosse Figur und solche Worte zeigen Wirkung.» Bereits vor einem Jahr hatte es in der Ostschweiz einen Fall von Rassismus gegeben, als in einem Testspiel der St.Galler Spieler Slimen Kchouk den Bochumer Jordi Osei-Tutu wegen dessen Hautfarbe beleidigt und zum vorübergehenden Verlassen des Feldes bewogen hatte.

Matthias Hüppi will, dass sein Club mehr Verantwortung übernimmt.

Matthias Hüppi will, dass sein Club mehr Verantwortung übernimmt.

Und weil Hüppi in der «SonntagsZeitung» eine weitere Geschichte aus der laufenden Saison erzählte, in der ein Fan wegen rassistischer Gesten von anderen Zuschauern aus dem Stadion geworfen wurde, stellt sich die Frage: Wie verbreitet ist Rassismus eigentlich in Schweizer Stadien? «Es ist ein Auf und Ab», sagt Frieden. Gesellschaftliche Entwicklungen lassen ihn immer wieder ins Stadion schwappen.» Wie schon in den 1980er-Jahren, als die fremdenfeindliche Hardturmfront mit rassistischen Grundsatzprogrammen hausierte. Später wurde der Südafrikaner August Makalakalane mit Bananen beworfen und Kubilay Türkyilmaz als «Drecktürk» beschimpft.

Selbstkontrolle funktioniert im Fansektor

Der FCZler Renato wurde in Lugano mit Affengebrüll empfangen und Blaise Nkufo sagte, er komme in der Schweizer Nati nicht zum Zug, weil er schwarz sei. Der Sittener Trainer Sebastien Fournier wurde von dunkelhäutigen Spielern beschuldigt, sich rassistisch geäussert zu haben, und Michel Morganella sorgte bei Olympia 2012 per Twitter für einen Skandal. 2018 wurde Basels Aldo Kalulu von einem FCZ-Fan eine Banane vor die Füsse geworfen.

Ein Vergleich mit Ländern wie Italien und Deutschland zeigt indes, dass Rassismus in Schweizer Stadien seltener ist. Das letztgenannte St.Galler Beispiel beweist, dass in den Fansektoren Selbstkontrolle funktionieren kann. Das weiss keiner besser als Urs Frieden. Bei YB-Heimspielen auf der Tribüne sitzend, hat er in den letzten zehn Jahren einen einzigen Rassismus-Vorfall erlebt. Bei einem Spiel gegen Basel habe einer in Richtung Mohamed Salah gerufen: «Hau ab, du Kameltreiber!» Daraufhin hätten sich viele Fans erhoben und dem Sünder so lange die Leviten gelesen, bis sich dieser entschuldigt habe.

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Autor

Markus Brütsch

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