Bobsport
Erst zum vierten Mal keine Schweizer Bobmedaille: «Der Spitzensport in der Schweiz ist zu wenig attraktiv»

Nach zweieinhalb Jahren tritt Thomas Lamparter als Leistungssportchef von Swiss-Sliding ab - ohne Olympiamedaille für seine Bobfahrer. Erst zum vierten Mal in der Olympiageschichte gab es keine Schweizer Bobmedaille.

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Daniel Kopatsch

Im Gespräch erklärt der 39-jährige Berner Thomas Lamparter, der zwischen 2006 und 2013 als Anschieber eine Olympia- und zwei WM-Medaillen gewann und einen Masters-Abschluss in Sportmanagement hat, was die Herausforderungen für den Schweizer Bobsport sind. In Pyeongchang gab es erst zum vierten Mal in der Olympiageschichte keine Schweizer Bobmedaille.

Thomas Lamparter, Sie hören als Sportchef von Swiss-Sliding auf. Hat das etwas mit der verpassten Medaille zu tun?

Nein, der Entscheid war schon lange vorher gefallen. Ich werde in diesem Jahr 40 und möchte nach 16 Jahren im Bobsport noch etwas anderes erleben und eine neue Herausforderung suchen.

Stimmt der Eindruck, dass andere Länder über ganz andere finanzielle und wissenschaftliche Mittel verfügen?

Im Materialbereich hatten wir zumindest im Vierer keinen Nachteil. Sonst wären mit diesen Startzeiten keine solchen Fahrten möglich gewesen. Da haben wir den Riesenvorteil, dass diese Bobs von Wolfgang Stampfer (dem Schweizer Bahntrainer) gebaut werden. Da ist vielleicht weniger Wissenschaft dahinter, aber er weiss einfach, wie man einen schnellen Viererbob baut.

Silber für die Streithähne Jenny Perret und Martin Rios gehen auf dem Eis nicht zimperlich miteinander um. Auf den Erfolg des Duos, das einst auch privat ein Paar war, hat der raue Umgangston keinen Einfluss. Der Glarner und die Seeländerin gewannen bei der olympischen Premiere des Mixed-Curlings Silber und bescherten der Schweiz die erste Medaille an diesen Spielen.
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Bronze statt Gold Beat Feuz war in der Abfahrt als Favorit angetreten und hatte sich selber Gold zum Ziel gesetzt. Entsprechend kam die Freude über die Bronzemedaille beim Emmentaler erst mit Verzögerung. Für den Olympiasieg war Feuz 18 Hundertstel zu langsam.
Das unerwartete Silber 24 Stunden nach der Abfahrt war die Gefühlswelt von Beat Feuz eine ganz andere. Die Silbermedaille im Super-G kam auch für ihn überraschend. Dass ihm diesmal nur 13 Hundertstel zu Gold fehlten, war dem Abfahrts-Weltmeister völlig egal.
Shiffrin bezwungen, Silber gewonnen Endlich hatte sie Mikaela Shiffrin in einem Slalom wieder einmal bezwungen. Zu Gold reichte es Wendy Holdener trotzdem nicht. Die nach dem ersten Lauf führende Schwyzerin gewann mit fünf Hundertsteln Rückstand auf die Schwedin Frida Hansdotter Silber. Mikaela Shiffrin verpasste als Vierte sogar die Podestplätze.
Der erste Hattrick Nach dem enttäuschenden 6. Rang im Skiathlon zeigte Dario Cologna über 15 km allen den Meister. Der Münstertaler sicherte sich seine insgesamt vierte olympische Goldmedaille, die dritte in Folge über diese Distanz. Das hatte vor ihm noch keiner geschafft.
Der doppelte Coup Sarah Höfflin und Mathilde Gremaud sorgten im Slopestyle-Wettkampf für einen veritablen Coup. Die Genferin und die Freiburgerin gewannen Gold und Silber. Die teaminterne Entscheidung fiel im dritten und letzten Durchgang, in dem Sarah Höfflin ihre Kollegin noch zu übertrumpfen vermochte.
Trumpf Bischofberger stach Die Schweizer Skicross-Fahrer waren als starkes Quartett angereist, dem bei optimalem Verlauf jedem etwas Grosses zugetraut worden war. Gestochen hat der Trumpf Marc Bischofberger. Die Silbermedaille ist ein weiteres Indiz für die Leistungssteigerung des Appenzellers in diesem Winter. Zwei seiner drei Weltcup-Siege errang er in der aktuellen Saison.
Silber für den Grössten Der Grösste war im Slalom völlig unerwartet der Zweitbeste. Der zwei Meter lange Ramon Zenhäusern lieferte eine Leistung ab, die ihm noch vor wenigen Wochen nur seine Begleiter im engsten Umfeld zugetraut hatten.
Fast wie in St. Moritz Ein Jahr nach dem Doppelerfolg an der WM in St. Moritz räumten Michelle Gisin und Wendy Holdener in der Kombination erneut ab - diesmal allerdings in geänderter Reihenfolge. Michelle Gisin, die WM-Zweite, wurde Olympiasiegerin, Wendy Holdener, die Weltmeisterin, gewann Bronze.
Nach der Enttäuschung Bronze In Sotschi war ihr lediglich der 7. Rang geblieben, nun holte Fanny Smith im Skicross Versäumtes nach. Die Waadtländerin gewann nach einem packenden Duell im Final gegen die schwedische Favoritin Sandra Näslund die Bronzemedaille.
Bronze nach Sieg gegen Kanada Das Schweizer Curling-Quartett vom CC Genève sicherte sich Bronze in grossem Stil. Im Spiel um Platz 3 bezwangen Valentin Tanner, Peter De Cruz, Claudio Pätz und Benoît Schwarz Kanada. Es war die bereits siebente Schweizer Medaille seit Wiederaufnahme der Sportart ins olympische Programm vor 30 Jahren.
Der Lange war der Grösste Bei der Premiere des alpinen Team-Events war der Grösste der Grösste. Ramon Zenhäusern führte die Schweizer Equipe, zu der auch Daniel Yule, Denise Feierabend und Ersatzmann Luca Aerni gehörten, zusammen mit Wendy Holdener zu Gold. Der Walliser und die Schwyzerin entschieden alle vier Duelle für sich.
Sechs souveräne Schritte zum Gold Vier Jahre nach Silber in Sotschi wollte Snowboarder Nevin Galmarini im Riesenslalom Gold - und er gewann Gold. Der Engadiner tat dies in beeindruckender Manier. Galmarini, der schon in der Qualifikation der Schnellste war, spulte seine sechs Läufe souverän ab und blieb unangetastet.

Silber für die Streithähne Jenny Perret und Martin Rios gehen auf dem Eis nicht zimperlich miteinander um. Auf den Erfolg des Duos, das einst auch privat ein Paar war, hat der raue Umgangston keinen Einfluss. Der Glarner und die Seeländerin gewannen bei der olympischen Premiere des Mixed-Curlings Silber und bescherten der Schweiz die erste Medaille an diesen Spielen.

JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Sind Startzeiten wie sie andere Teams haben für Halbprofis wie die Schweizer überhaupt realistisch?

Grundsätzlich sind solche sicher möglich. Wir hatten früher immer wieder Teams, die zu den besten Startern gehörten. Es ist kein Geheimnis, dass Rico (Peter) athletisch nicht zu den Besten gehört. Er ist so weit gekommen, weil er grosses fahrerisches Talent hat. Aber es ist klar, dass es mehrere Punkte gibt, wo wir Mühe haben, mit den grossen Nationen wie Deutschland mitzuhalten. Das fängt an bei den Anstellungen der Athleten bei der Bundeswehr, der Bundespolizei, beim Grenzschutz und was sie da alles haben. Ein grosser Faktor sind die eigenen Bahnen. Sie fahren auf allen vier Bahnen gratis, vom Anfänger bis zum Profi. Das kostet bei uns in der Ausbildung fast am meisten. Jede Fahrt kostet zwischen 50 und 70 Euro. Wenn du noch Vierer fahren willst, musst du Übernachtungen für vier Leute bezahlen, während sie gratis in Kasernen schlafen können. Das geht bei den vollamtlichen Trainern weiter. Die Deutschen haben etwa 50, bei uns sind es vier.

Könnte der Verband mehr machen?

Ich glaube nicht. Wir haben in den letzten Jahren so viel in den Sport investiert wie es möglich ist. Ich glaube nicht, dass wir die Medaille wegen der fehlenden Finanzen verloren haben.

Aber die Schweizer Piloten müssen für 200'000 Franken und mehr jährlich eigene Sponsoren suchen. Geht da nicht Zeit verloren, in der man trainieren könnte?

Sicher. Jede Minute, die du in den Sport investieren kannst, ist grundsätzlich gut. Das war aber in früheren Jahren auch so. Bei Hefti war das so, bei Annen, bei Ivo (Rüegg). Die waren ja auch erfolgreich. Unser Sport ist ja nicht wie bei einem Marathonläufer so, dass du extrem viele Trainingsstunden haben musst. Du musst intensiv trainieren. Aber klar, es lastet halt schon ein Druck auf dem Piloten, den jemand in Deutschland nicht hat. Der muss nicht für seinen Lohn und den der Anschieber aufkommen oder das Material. Natürlich wäre es eine ideale Lösung, wenn man einen Anschieberpool bereitstellen könnte. Aber von wo soll das Geld herkommen?

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Hätte Beat Hefti mit besseren Anschiebern mehr herausholen können?

Ich glaube nicht. Er hat unbestritten viel gemacht für den Bobsport in der Schweiz. Wir haben schon vor zwei Jahren gesagt, wir sollten drei Startplätze im Weltcup holen. Dann hätten wir diese Probleme nicht gehabt. Dafür hätten sie mehr Vierer fahren müssen, aber das haben weder Beat noch Clemens (Bracher) so richtig gemacht. Am Ende haben wir transparente sportliche Kriterien, die alle gekannt haben.

Noch wissen weder Peter noch Bracher, ob sie weitermachen. Auf den Schweizer Bobsport kommen schwierige Zeiten zu.

Grundsätzlich haben wir schon vor zwei Jahren mit dem Neuanfang begonnen. Die Probleme haben ihren Ursprung ja nicht in den letzten zwei Jahren, sie liegen eher acht Jahre zurück, als man es verpasste, jemanden aufzubauen, der jetzt in die Bresche springen könnte. Wir haben jetzt bei Clemens (Bracher) gesehen, dass es möglich ist, innerhalb von vier Jahren jemanden aufzubauen. Wir haben Anschieber wie Michael Kuonen, Simon Friedli oder Yann Moulinier, die Pilot werden wollen. Wir werden jetzt noch in diesem Frühjahr in Innsbruck, Sigulda und Lake Placid viele Fahrten mit ihnen absolvieren. Das hat man vor zwei Jahren aufgegleist, aber bis jetzt brauchten wir sie noch als Anschieber.

Thomas Lamparter

Thomas Lamparter

Keystone

Fehlt es nicht gerade an Anschiebern in der Schweiz?

In den letzten Jahren sind doch einige Anschieber herausgekommen. Auch die Trophy von Beat Hefti hat da einiges bewirkt. Ein Problem ist, dass in der Schweiz der Spitzensport zu wenig attraktiv ist. Es ist schwierig, Aus- oder Weiterbildung, Beruf und Sport unter einen Hut zu bringen. Die Chance, dass ein Schweizer einen Zyklus früher aufhört als ein deutscher, ist gross. Es sagt dir niemand danke, das machst du einzig für dich.

Wie sieht Ihre persönliche Zukunft aus?

Das ist noch völlig offen, ob im Sport oder woanders. Erst mal werde ich im Sommer im Wohnmobil herumreisen.