Es sind sehr persönliche und wohl überlegte Worte, die Olympia-Siegerin Nicola Spirig wählt. Sie hat freudige Nachrichten, aber auch solche, die nachdenklich stimmen. Am Fuss des Üetlibergs verkündet sie, dass sie und ihr Mann Reto Hug Ende April 2019 zum dritten Mal Eltern werden. «Wir sind unbeschreiblich glücklich und freuen uns sehr darüber.»

Sie habe stets betont, dass die Familie an erster Stelle stehe, und dass ein drittes Kind ihr Wunsch gewesen sei. Es ändert nichts an ihrem Ziel, 2020 in Tokio zum fünften Mal an Olympischen Spielen teilzunehmen. Und wie es der Anspruch einer sechsfachen Europameisterin, einer Olympia-Siegerin und Silber-Gewinnerin von Rio de Janeiro 2016, auch dort zu gewinnen.

Schwierige Zeit trotz Europameistertitel

Gemessen an den Resultaten sei ihre Saison nicht die beste ihrer 20-jährigen Karriere gewesen. Und dennoch sei sie besonders stolz über diese. Sie hat durchgemacht, was jede dritte Frau durchmacht: «Ich war im Frühling schon einmal schwanger, habe aber im April eine Fehlgeburt erlitten.»

Es fällt ihr schwer, ihr Innerstes nach aussen zu kehren, über ein derart persönliches und trauriges Erlebnis zu sprechen. Doch sie wollte keine Maske tragen wie im letzten Frühling, als sie über ihre sportlichen Ziele reden musste, obwohl sie lieber verkündet hatte, dass sie schwanger ist. Statt sich auf den Nachwuchs zu freuen, trainierte sie, bestritt zuletzt fünf Wettkämpfe in drei Wochen und wurde erneut Europameisterin.

Sie habe in dieser schwierigen Zeit auch gemerkt, wie wichtig der Sport für sie als Mensch ist. Nicht der Wettkampf, sondern als Ausgleich und als Balsam für die Seele. Sie habe sofort gesagt: Jetzt trainieren wir richtig», sagt Spirig und setzte sich gegen ihren Trainer Brett Sutton durch, der wollte, dass die 36-Jährige sich vom Schock erholt. «Die Bewegung hat mir schnell wieder Spass gemacht, die Leidenschaft ist zurückgekehrt und damit kam auch die Lust auf Wettkämpfe.»

Daran habe sich nichts geändert. «Es ist ein grosses Privileg, Familie und Spitzensport verbinden zu können und zu dürfen.» Und so lange sie die Unterstützung ihres Mannes und ihres Umfelds habe, sehe sie keinen Grund, damit aufzuhören.

«Aus sportlicher Sicht macht es keinen Sinn»

Die Familie stehe an erster Stelle, auch darum habe sie den Wunsch nach einem dritten Kind höher gewichtet als die Olympischen Spiele 2020 in Tokio, die nach Athen, Peking, London und Rio de Janeiro bereits ihre fünften wären. «Aus sportlicher Sicht macht es keinen Sinn, jetzt ein Kind zu bekommen», sagt Spirig selber.

Doch hätten sie bis nach Tokio gewartet, wäre der Abstand zu Yannis (5) und Malea Lexi, die im letzten Jahr zur Welt kam, zu gross gewesen, befindet Spirig. «Es kann nicht sein, dass wir unseren Kinderwunsch für Olympische Spiele riskieren.» Obwohl sie ihrem Körper nach der Fehlgeburt im Frühling eine Pause gönnen wollte, stellte sie den Wunsch nach einem dritten Kind nie in Frage.

Bereits jetzt trainiert sie mit reduziertem Umfang. Auch, weil sie älter wird. «Wir haben jetzt ein neues Projekt, das ist spannend.» Erstmals überhaupt mache sie Krafttraining, denn die Kraft mit zunehmendem Alter ab, ebenso die Spritzigkeit. Nach der Geburt habe sie noch über ein Jahr Zeit, um bei den Olympischen Spielen in guter Form zu sein. Sie trainiere heute intensiver, aber kürzer, «schliesslich habe ich eine Basis von zwanzig Jahren».

Dazu spiele sie ihre Erfahrung aus. Zudem kann sie auf ein eingespieltes Team zählen. Ihr Coach, Brett Sutton, hat die Strecke in Tokio bereits studiert: «Die Radstrecke hat 88 Kurven.» Derzeit sucht er einen Ort für die letzten drei Wochen vor dem Wettkampf. «Denn in Tokio ist es mit vierzig Grad zu heiss für ein Training. Es braucht einen Kompromiss.»

Olympia-Medaille als Ziel

An ihren sportliche Ambitionen lässt Nicola Spirig keine Zweifel aufkommen. «Ein siebter Platz interessiert mich nicht, das ist klar.» Sie habe immer gesagt: Wenn ich nicht mehr mithalten kann, dann höre ich auf. Als sie ihren Trainer gefragt habe, ob er glaube, dass sie in Tokio eine Medaille holen könne, habe dieser gesagt: «Du verlangst ein drittes Wunder von mir. Normale Leute haben nur ein Wunder im Leben.»

Es sei allen klar, wie gross diese Herausforderung sei. Doch viel wichtiger sei nun für sie, dass die Schwangerschaft möglichst gut verlaufe. «Uns wurde doppelt bewusst, dass wir wahnsinnig viel Glück haben mit unseren beiden gesunden Kindern.» Im Training steht derzeit das Radfahren im Fokus. Das Laufen werde erst in der Endphase wichtig, «damit ich dann in Tokio allen davonrennen kann».