Leichtathletik
Erfolgreiche Athleten mit Migrationshintergrund: Das globale Fundament der Schweizer Leichtathletik

Mehr als die Hälfte der jüngsten Medaillengewinne der Schweizer Leichtathletik wurde von Athleten mit Wurzeln ausserhalb Europas erreicht. Die Sportart befindet sich hierzulande auf einem Höhenflug - nie nahmen so viele Athleten an einer WM teil wie in diesem Jahr.

Rainer Sommerhalder
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Die Rekord-Sprintstaffel mit (v. l.): Sarah Atcho, Ajla Del Ponte, Salomé Kora und Mujinga Kambundji als Spiegelbild der Schweizer Leichtathletik-Erfolge.

Die Rekord-Sprintstaffel mit (v. l.): Sarah Atcho, Ajla Del Ponte, Salomé Kora und Mujinga Kambundji als Spiegelbild der Schweizer Leichtathletik-Erfolge.

Keystone

Die Schweizer Leichtathletik ist auf der Überholspur. Die Sportart hat sich im Soge der Heim-Europameisterschaften 2014 in Zürich vom Nischenprodukt zurück ins Rampenlicht katapultiert. Dorthin, wo sie zu Zeiten von Werner Günthör, André Bucher, Marcel Schelbert oder Anita Weyermann bereits einmal stand.

Die Elite kehrt wieder mit Medaillen von Grossanlässen zurück. Der Nachwuchs boomt dank ebenso attraktiven, intelligenten wie potenten Einstiegsangeboten (UBS Kids Cup). Und der Dachverband «Swiss Athletics» kann sich wöchentlich mit Superlativen überbieten: «Grösstes Schweizer Team an der U23-EM mit 34 Athleten!», «Rekordgrösse von 35 Sportlern an der U20-EM!», «Neue Rekordmarke mit 19 Teilnehmern an der WM in London!».

Siebenkämpferin Caroline Agnou gewann an der U23-EM Gold.

Siebenkämpferin Caroline Agnou gewann an der U23-EM Gold.

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Nicht nur dies, auch die Ausbeute ist historisch einmalig: Fünf Medaillen an der letztjährigen EM der Elite in Amsterdam, fünf Medaillen vor zwei Wochen an der U23-EM, viermal Edelmetall zuletzt bei den U20. Selbst wenn nicht davon auszugehen ist, dass der Schweizer Medaillensegen nächste Woche an den Weltmeisterschaften eine Fortsetzung findet – die globale Konkurrenz wächst in der Weltsportart Leichtathletik ebenfalls rasant –, werden die Rot-Weissen auch in London ein belebender Farbtupfer sein.

Abbild der modernen Schweiz

Belebend wird der Auftritt der Schweizer Equipe zweifellos auch dank ihrer Vielfalt sein. Denn was die DNA des Schweizer Leichtathletik-Erfolges betrifft, unterscheidet sich diese wesentlich von den Zeiten, als Günthör, Bucher, Schelbert oder Weyermann mit Edelmetall von Weltmeisterschaften heimkehrten. Für mehr als die Hälfte der Medaillengewinne in den letzten zwei Jahren zeichnen Athletinnen und Athleten mit Wurzeln in Afrika oder Zentral- und Südamerika verantwortlich.

«Der Anteil von Kaderathleten mit Migrationshintergrund hat signifikant zugenommen», bestätigt Peter Haas, der sich seit 45 Jahren in der Szene bewegt und seit 14 Jahren als Chef Leistungssport den Weg der Spitzensportler begleitet.

Der 62-Jährige sagt: «Letztlich sind unsere Auswahlen ein Abbild der modernen Schweiz. Für Swiss Athletics ist dies eine sehr positive Geschichte.» Auch deshalb, weil diese oft extrovertierten Athletinnen und Athleten tolle Persönlichkeiten seien, die mit ihrer positiven Ausstrahlung eine ganz spezielle Dynamik erzeugen würden.

Andere Beweggründe als beim Fussball

Aktuell haben 36 Prozent der ständigen Schweizer Wohnbevölkerung einen Migrationshintergrund. Rund 4,6 Prozent der Einwanderung erfolgen aus Afrika, 2,6 Prozent aus Zentral- und Südamerika.

In den Kadern von Swiss Athletics lesen sich diese Zahlen dann wie folgt: 19 von 106 Athleten im Nachwuchskader haben Wurzeln auf diesen beiden Kontinenten, 13 von 38 sind es bei den Swiss Startern (Elite-Nationalkader), und bei den 9 sogenannten «World Class Potentials», den herausragenden Talenten bis 26-jährig, stammt von 5 zumindest ein Elternteil aus Afrika oder Zentral- und Südamerika. Das 19-köpfige WM-Team besteht aus 8 Sportlerinnen und Sportlern mit Migrationshintergrund.

Kariem Hussein hat seine Wurzeln in Ägypten.

Kariem Hussein hat seine Wurzeln in Ägypten.

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Neben der Leichtathletik hat von den Schweizer Sportverbänden höchstens Fussball eine ähnliche Erfolgsgeschichte vorzuweisen, wobei dort der Integrationsprozess zu mehr Unruhe und Diskussionen führte und die Beweggründe für die Wahl der Sportart häufig anderer Natur sind. Ein Profivertrag im Fussball ist wie eine Lebensversicherung für die Familie.

Diese Aussicht diktiert oft den Karriereweg des talentierten Filius. «Dieser finanzielle und gesellschaftliche Stellenwert fällt bei uns weg. Swiss Athletics sucht nicht bewusst etwa nach dunkelhäutigen Sprintern. Es besteht kein Drang, die Integration innerhalb unseres Sports ist ein natürlicher Prozess», sagt Haas.

«Sportmuffel» als Erfolgsgaranten

Besonders erfolgreich war Swiss Athletics in einem Bereich, der gemäss der Studie «Sport Schweiz» von 2014 die Achillesferse der sportlichen Rekrutierung ist – der Aktivierung von jungen Frauen mit Migrationshintergrund. Deren Anteil an den Sporttreibenden in der Schweiz ist nicht einmal halb so hoch wie jener von weiblichen Schweizer Teenagern.

In der Leichtathletik befindet man sich hier mindestens auf Augenhöhe. Bei den Allerbesten dominieren die Frauen sogar: 16 der 19 WM-Starter sind Frauen, 6 von ihnen mit Migrationshintergrund.

Die Athleten bestätigen die Worte des Leistungssportchefs. «Die Integration verlief problemlos. Für mich war auch von Anfang an klar, dass ich für die Schweiz starten will», sagt Sprinter Alex Wilson, der erst als 15-Jähriger von Jamaika nach Basel zügelte. «Ich mache mir nie solche Gedanken, dass ich als Dunkelhäutiger ein Aussenseiter sein soll», sagt er.

Der Sprinter Alex Wilson ist eines der Aushängeschilder der Schweizer Leichtathletik.

Der Sprinter Alex Wilson ist eines der Aushängeschilder der Schweizer Leichtathletik.

Keystone

Die Bieler Mehrkämpferin Caroline Agnou ergänzt: «Ich bin Seconda. Ich habe seit je nichts anderes als die Schweiz gekannt. Ich glaube, das Thema Hautfarbe nehmen andere mehr wahr als die Athleten selber.» Und die Ostschweizer Sprinterin Salomé Kora reagiert sogar ein wenig gereizt auf die Frage, ob es Zufall sei, dass drei der vier Schweizer Staffel-Rekordhalterinnen dunkelhäutig sind.

«Diese Diskussion bedient doch nur das Klischee, dass dunkelhäutige Sprinter nicht so hart arbeiten müssen, um Erfolg zu haben. Das stimmt ganz einfach nicht und stellt den riesigen Aufwand, den ich für den Erfolg betreibe, in den Schatten.»