Eklat in Arsenal

«Er ist kein Einzelfall»: Wieso wird Granit Xhaka von den eigenen Fans provoziert statt unterstützt?

Granit Xhaka (links) wird von den Arsenal-Fans nicht geliebt.

Granit Xhaka (links) wird von den Arsenal-Fans nicht geliebt.

Granit Xhaka, der Schweizer Nationalspieler und Captain vom FC Arsenal, legt sich mit dem Publikum an.

Es ist ein gefundenes Fressen für die Experten. Als am Sonntagabend die Crew der BBC-Sendung «Match of the Day» mit den früheren Fussballstars Ian Wright und Peter Crouch den zehnten Spieltag in der Premier League aufarbeitet, wird Granit Xhaka – wieder einmal – zum grossen Thema.

Gezeigt werden Bilder aus dem Spiel gegen Crystal Palace (2:2), und genüsslich wird vorgeführt, wie unbeherrscht der Arsenal-Captain bei seiner Auswechslung reagiert, als er von den eigenen Fans mit Schmähgesängen eingedeckt wird. Xhaka rudert wild mit den Armen, hält sich eine Hand ans linke Ohr und entledigt sich seines Trikots, bevor er in die Katakomben entschwindet. «Fuck-off!» Verpisst euch! So soll er sich von den Fans verabschiedet haben.

Trainer Unai Emery sagt danach im Interview mit der BBC: «Xhaka hat sich falsch verhalten. Wir werden die Geschichte aber zuerst intern besprechen.» Für viele User in den sozialen Medien jedoch ist der Fall klar: Xhaka darf nie mehr das Arsenal-Trikot tragen.

So weit will Wright, der einst 249 Spiele für Arsenal bestritten hat, nicht gehen. Aber er sagt: «Xhaka muss sich sofort bei allen Fans entschuldigen.» Den Einwand von Crouch (467 Premier-League-Spiele), dass es für einen Spieler nichts Schlimmeres gebe, als vom eigenen Publikum ausgebuht zu werden, wischt Wright weg: «Für das Verhalten von Xhaka gibt es keine Entschuldigung. Das war eines Captains unwürdig.» Am Tag danach wirbt Teamkollege Héctor Bellerín bei Twitter um Verständnis für Xhaka: «Wir alle sind Menschen und haben Emotionen. Manchmal ist es schwierig, mit diesen umzugehen.»

Danny Murphy unter der Gürtellinie

Rückblickend auf die gut drei Jahre, die Xhaka für Arsenal spielt, erscheint vieles wie ein grosses Missverständnis. Die Fans haben wohl gedacht, der sparsame Arsène Wenger habe die 50 Millionen Franken für einen Superstar vom Schlag eines kleinen Ronaldo ausgegeben. Gekommen aber ist ein Stratege, der zwar kaum Tore schiesst, sich aber ganz in den Dienst des Teams stellt. Zu wenig für TV-Experte Danny Murphy, auch er mal Profi. Dieser sagt: «Xhakas Spiel ist dreckig. Mit ihm auf dem Feld mache ich mir Sorgen um Arsenal.»

Seit mehr als drei Jahren ist Xhaka bei den Gunners. Die Wogen haben sich nicht gelegt, die Aversionen sind geblieben. Intern wird er jedoch geschätzt. Auch Wengers Nachfolger Emery setzt auf Xhaka, ernennt ihn sogar zum Captain. Am Sonntagabend sollen noch einige Spieler bei Xhaka zu Hause vorbeigeschaut haben, im ihre Verbundenheit mit dem Captain zu zeigen.

Die Frage ist: Weshalb eckt er bei den Experten und Fans derart an? Ist Xhaka nur ein Einzelfall? Und kommt dies nur in der Premier League vor? Nein. Gerade in der Schweiz gibt es, allerdings auf Ebene Nationalmannschaft, mit Marco Streller und Alex Frei zwei Akteure, die von den «Fans» in den Rücktritt getrieben wurden. Und im November 2017 wurde in Basel Haris Seferovic vom Publikum fertiggemacht.

Als Arsenal vor ein paar Wochen Aston Villa 3:2 besiegte, die Fans aber gegen den Captain Stimmung machten, schrieb der «Guardian»: «Xhaka musste wieder einmal als Blitzableiter herhalten.» Dave Hytner, Arsenal-Spezialist bei dieser Zeitung, sagt: «Unsere Fans scheinen das zu brauchen. Zuvor hatten sie sich den Deutschen Shkodran Mustafi und noch früher Emmanuel Eboué als Opfer ausgesucht.»

Die Fans denken, dass sie sich alles erlauben dürfen

So sieht es auch Xhakas Landsmann Gelson Fernandes, der für Manchester City und Leicester City 43 Partien in der Premier League absolviert hat. Er sagt: «Die Fans denken, dass sie sich alles erlauben dürfen, weil die Spieler ja viel Geld verdienen. Mir tut sehr leid für Granit und seine Familie, was passiert ist.»

Auch Gelson ist überzeugt, dass Granit als Bauernopfer für die Enttäuschungen der letzten Jahre herhalten muss. «Aber Granit ist kein Einzelfall. In der letzten Saison wurde der italienische Nationalspieler Jorginho von den Chelsea-Fans niedergemacht.» Und mit ihm Xherdan Shaqiri bei Skyvon der Liverpooler Legende Gary Neville.

Bruno Berner, heute Trainer beim SC Kriens und Experte bei SRF, hat fast fünf Jahre für Blackburn und Leicester gespielt. Auch er bringt einen überzeugenden Ansatz ins Spiel. «In England gibt es unter den Ex-Profis einen Run auf die Experten-Jobs. Behaupten kann sich aber bloss, wer sich exponiert und profiliert. Deshalb sind viele Kommentare unsachlich, gehen ins Persönliche oder sind gar menschenunwürdig.»

Dass ein Teil der Fans die Meinungen der Experten übernimmt und aggressiv ins Stadion trägt, ist naheliegend. Ebenso, wenn dann einem Akteur der Kragen platzt. Noch hat der FC Arsenal nicht bekannt gegeben, was mit Xhaka passiert. Es wäre eine Überraschung, wenn er weiter dessen Captain bleiben dürfte.

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Autor

Markus Brütsch

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