Tennis
«Er ist für mich kein Vater. Ich hatte nie einen Vater»

Timea Bacsinszky eilt in diesem Jahr von Sieg zu Sieg. Mittlerweile liegt sie an Position 23 der Weltrangliste. Vor den French Open gewährt die 25-Jährige einen Blick in ihr privates Leben.

Michael Wehrle
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Timea Bacsinszky: «Ich bin spontan, sehr kreativ, ich habe sehr viel Fantasie und ich bin frei.»

Timea Bacsinszky: «Ich bin spontan, sehr kreativ, ich habe sehr viel Fantasie und ich bin frei.»

KEYSTONE

Pünktlich taucht Timea Bacsinszky im Tennisklub Stade Lausanne auf. «Können wir gleich loslegen, ich hab gar nicht viel Zeit, tut mir leid, aber mein Konditionstrainer Beni Lindner ist extra aus Biel gekommen und will mit mir gleich noch eine Einheit durchziehen.» Timea Bacsinszky wirbelte in den vergangenen Monaten die Tenniswelt gehörig durcheinander. Das Jahr 2013 beendete sie als Nummer 285 der Welt, in diese Saison startete sie bereits als Nummer 48 und nun ist sie als 23 in Paris erstmals bei einem Grand-Slam-Turnier gesetzt. Zwei Turniere hat sie in diesem Jahr gewonnen, liegt in der Jahreswertung auf Platz zwölf und führte das Fed-Cup-Team in Polen praktisch im Alleingang unter die Top acht der Welt. Seither ist sie eine gefragte Person geworden, muss sich ihre Termine einteilen.

Timea Bacsinszky, sind Pressetermine für Sie lästig?
Timea Bacsinszky: Manchmal macht mir ein Interview richtig Spass. Ich geniesse auch Fotoshootings, mache aber sehr wenige, weil sie mich extrem viel Energie kosten. Ich weiss, diese Arbeit gehört zu meinem Beruf, aber für mich zählt hauptsächlich, was ich auf dem Platz leiste. Ich mache deshalb das Minimum, damit ich mich hundertprozentig auf dem Tennisplatz konzentrieren kann. Klar sind die Anfragen auch eine Anerkennung meiner Leistung, aber mir ist nur wichtig, was mein Team denkt. Alles andere berührt mich nicht. Für mich sind ein paar wenige Leute wichtig: Meine Mama Suzanne, mein Trainer Dimitri Zavialoff, mein Manager Alexandre Ahr, der immer für mich da war, mein Freund Andreas, mein Physiotherapeut Allyocha Delaunay und Beni Lindner. Das ist mein Team. Dann noch meine beste Freundin, die mich auf die Erde zurückholt, wenn ich abhebe und natürlich noch meine Geschwister Melinda, Sophie und Daniel.
Die 25-jährige Bacsinszky stand bereits mit drei Jahren auf dem Tennisplatz. Ihr Vater Igor, ein Tennistrainer, der aus Ungarn in die Schweiz kam, wollte aus ihr eine zweite Martina Hingis machen, forderte sie unerbittlich. Nach zehn Jahren hatte Bacsinszky die Schnauze voll, es wurde ihr alles zu viel, sie wollte die Karriere beenden und die Hotelfachschule besuchen. Dann kam die Anfrage aus Paris, ob sie die Qualifikation spielen wolle. Sie setzte sich ins Auto, spielte ohne Druck und entdeckte ihre Liebe zum Tennis richtig. Seither spielt sie für sich.

Haben Sie noch Kontakt zum Vater?
Er ist für mich kein Vater. Ich hatte nie einen Vater. Ich hatte nur einen Trainer, auch wenn ich von seinem Blut bin, ich kann ihn nicht Papa nennen. Ich war glücklich, Alexandre Ahr um mich zu haben, er ist wie ein halber Papa, trotz seiner Jugend. Andere Leute haben mir die Liebe gegeben, die ich von meinem Vater nie erfahren habe.

Haben Sie diese Zeit verdrängt?
Nein, ich ziehe meine Erfahrungen daraus, und lerne für mein jetziges Leben. Ich habe vor sechs Jahren ein Buch von Eric Emanuel Schmitt gelesen, «Vom Sumo, der nicht dick werden konnte.» Vor zwei Wochen habe ich es wieder gelesen. Und jetzt habe ich es ganz anders verstanden, das heisst, man entwickelt sich. Aber man kann von der Vergangenheit etwas mitnehmen. Auch wenn es schlechte Sachen gab – und bei mir sehr, sehr schlechte –, werde ich heute nicht weinen, weil es damals schlecht war. Es ist so, Pech, aber ich kann es nicht ändern. Und jetzt bin ich da, wo ich heute stehe und kann nur die Gegenwart geniessen und versuchen, die Zukunft besser zu gestalten. Im Moment stimmt für mich alles.

Was blockierte Sie früher?
Ich habe schon damals dem Tennis viel gegeben, aber irgendwie ging nicht mehr. Nun kann ich viel mehr reinstecken. Ich habe das früher nicht ganz verstanden. Wenn ich gut spielte, hat sich mein Vater in diesem Glanz gesonnt. Und das war für mich eine Katastrophe, eine Ungerechtigkeit, weil er bösartig mit mir war. Darum habe ich unbewusst auf dem Platz nicht mehr gegeben. Ich konnte einfach nicht. Aber jetzt muss ich alles mit mir selbst abmachen, was gut oder schlecht ist.

Ist Paris immer noch ihr Lieblingsturnier?
Das ist nicht mehr so. Egal wo ich spiele, ich geniesse es hundertprozentig. Ich will auch bei kleineren Turnieren dasselbe geben. Die Atmosphäre eines Grand-Slam-Turniers sollte nicht die Vorbereitung auf ein Spiel ändern. Ich mache mir selbst keinen Druck. Ich weiss, dass meine Karriere noch lange dauert. Ich bin mit mir selber im Reinen. Jeden Morgen, wenn ich in den Spiegel schaue, weiss ich was ich gemacht habe, ob gut oder schlecht. Vielleicht habe ich ja auch eine schlechte Entscheidung getroffen, aber daraus kann ich lernen und mich weiter verbessern. Das heisst, ich bin vorbereitet auf Paris, ich kann in der ersten Runde verlieren oder ein tolles Turnier spielen. Es kann immer alles passieren. Ich weiss nur, wenn ich auf dem Platz stehe, gebe ich alles und wenn ich runtergehe, weiss ich, dass ich alles versucht habe. Und am Ende ist es halt nur eine Tennis-Partie.

Charakterisieren Sie sich doch einmal selbst.
Ich bin spontan, sehr kreativ, ich habe sehr viel Fantasie und ich bin frei. Ich habe daran gearbeitet, meine Emotionen besser zu kontrollieren. Ich bin offener zu den Leuten geworden und mehr die Person, die ich immer sein wollte.

Was sind ihre Stärken?
Ich bin ein Holzkopf – stur. Und ich habe einen starken Willen. Ich möchte mit den Leuten, die ich liebe, anständig umgehen und ich bin grosszügig. Ich liebe es, alles zu geben.

Und Ihre Schwächen?
Ich rede zu viel. Ich bin ein Holzkopf, das kann auch negativ sein, und ich verschiebe gerne Sachen auf morgen.

Was zeichnet Sie im Tennis aus und wo haben Sie Probleme?

Mein Kampfgeist ist eine meiner Stärken. Ansonsten habe ich alle meine Schläge gut entwickelt, auch den Service, der zwar nicht hart, aber variabel kommt. Weil ich so viele Sachen beherrsche, habe ich manchmal das Problem, der richtigen, schnellen Entscheidung. Daran arbeiten wir. Und manchmal habe ich noch zu viel Angst, ans Netz zu kommen.

Spielen Sie gerne für die Schweiz?
Ich geniesse den Fed-Cup. Es ist eine Ehre, für das eigene Land zu spielen. Ich finde es schade, dass manchmal Spielerinnen absagen. Aber das ist nicht meine Sache. Ich spiele im Prinzip immer, ausser vielleicht, wenn ich im April nach Australien reisen muss. Ich bin ein bisschen wie Stan, wir aus dem Kanton Waadt sind sehr patriotisch. Tennis ist ein Einzelsport, doch ab und zu in einer Mannschaft zu sein ist schön und man lernt sehr viel dabei.

Sie standen in Polen mit Martina Hingis im Team. Wie war das für Sie?
Es war schon ein wenig komisch mit Martina zu spielen. Sie war nicht mein Idol, aber wegen ihr hatte ich diesen Druck von meinem Vater. Ich sollte unbedingt alles wie sie machen. Und es war jetzt speziell, dass ich die Nummer eins im Team war , sie eigentlich nur Doppelspezialistin. Da habe ich aber gesehen, dass ich in der Arbeit mit der Psychologin schon sehr weit bin. Vor ein paar Jahren wäre das zu viel Druck gewesen, sie in meiner Mannschaft zu haben. Doch jetzt war es mir wirklich egal, was ich im Einzel für ein Ergebnis erreiche. Denn ich gebe alles, auch wenn es dann nicht klappt. Früher hätte ich Angst gehabt. Das zeigt auch, dass ich erwachsener geworden bin. Ich gehe meinen Weg und schreibe meine Geschichte.

Was haben Sie noch für Hobbys?
Ich lese gerne, aber mir fehlt ein bisschen die Zeit. Ich koche auch sehr gerne, sehr kreativ, nicht nach Rezept und probiere immer etwas aus. Auch bei Restaurants. Raclette und Fondue liebe ich, das könnte ich jeden Tag essen, ist aber für meinen Körper nicht gut. Das mache ich dann nach der Karriere. Ausserdem liebe ich das Snowboarden.

Ist das nicht zu viel Risiko?
Ich passe schon auf und übertreibe es nicht. Da ich mein eigener Boss bin, kann es mir niemand verbieten. Sonst schaue ich auch gerne Filme und versuche mit den Eltern meines Freundes Schwiizerdütsch zu reden. Das ist aber echt schwierig.

Aber Sie sprechen ja jetzt schon viele Sprachen.
Ja, aber es ist besser, eine Sprache sehr gut zu beherrschen oder viele ein wenig?

Was können Sie denn alles?
Französisch, ungarisch ist meine Muttersprache, aber inzwischen spreche ich besser französisch. Dazu italienisch, deutsch, englisch, spanisch. Im Ausland kann kaum jemand etwas schlechtes über mich sagen, ohne, dass ich es verstehe.

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