Pius: Es war beinahe körperlicher Schmerz, den ich bei Tranquillo Barnettas Abschiedsvorstellung verspürt habe. Und ich kann es bis heute nicht verstehen, warum er Adieu sagt. Warum er nicht noch mindestens eine Saison anhängt. Er hätte es auch mit 34 noch locker drauf, wofür allein seine neun Saisontore sprechen. Der FC St. Gallen jedenfalls wird seinen Rücktritt noch empfindlich zu spüren bekommen.

Flavio: Absolut. Erst recht, weil Barnetta einen definitiven Schlussstrich zieht, sich weder als Trainer noch in anderer Funktion weiter beim FC St. Gallen engagieren will.

David: Ein Jammer. Den Young Boys ist es mit Steve von Bergen und dem FC Zürich mit Alain Nef gelungen, ihre Aushängeschilder zu binden. Aber in St. Gallen schaffen sie das nicht. Umso tragischer ist es, weil Identifikationsfiguren im verrückten Fussballgeschäft zur schützenswerten Spezies erklärt werden müssten.

Tobias: Schon, aber Barnetta hatte bestimmt ein Wort mitzureden. Wir wissen nicht, was man ihm in St. Gallen angeboten hat. Und wir wissen nicht, ob er sich wirklich wertgeschätzt fühlte.

François: Ja. Darüber können wir bloss spekulieren. Gewissheit besteht aber wohl darüber, dass sich Barnetta nie zu wichtig nahm.

Pius: Tranquillo halt.

Tobias: Und der Sebastian geht kurz Zigaretten holen.

Flavio: Im Unterschied zur Legende, wonach der Raucher nicht mehr zurückkehrt, wird der Sebastian über kurz oder lang mit lautem Getöse zurückkehren.

Pius: Hätte Quillo doch nur den Rat von Otto Rehhagel beherzigt.

David: Was rät denn der Altmeister?

Pius: Rehhagel sagte seinen Spielern: Spielen Sie möglichst lange, danach wird es schwerer, den Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen.

François: Den Satz habe ich letzthin in einem «11 Freunde»-Interview mit Marco Bode gelesen, der lange in Bremen unter Rehhagel gespielt hat.

Pius: Genau.

François: Und Bode, Europameister mit Deutschland und ein hochanständiger, intelligenter Mensch, gab unumwunden zu, dass man nirgendwo schöner und einfacher Geld verdienen kann als im Profifussball. Trotzdem ist er schon mit 33 zurückgetreten, weil die Leute es schade fanden, dass er aufhört.

Tobias: Das spricht für ihn. Und es spricht auch für Barnetta.

François: Ja. Bode räumte auch ein, dass der Rücktritt für jeden eine Herausforderung ist. Als er 1989 Profi wurde, sagte er sich: Ich probiers mal zwei Jahre aus und wenn das nicht klappt, geh ich halt studieren. Sprich, er hatte im Gegensatz zur heutigen Spielergeneration eine Alternative.

David: Deshalb ist es für die Spieler von heute, deren Alltag schon mit 15 allein durch Fussball bestimmt ist, noch schwieriger, mit Kicken aufzuhören. Und deshalb sucht jeder nach seinem Rücktritt einen Job im Fussball. Weil er a) nichts anderes kennt und b) nichts anderes kann. Aber die Jobs sind beschränkt.

Pius: Ich sage ja: Tranquillo Barnetta ist eine Ausnahmeerscheinung.

Flavio: Was man über Sebastian Kurz auch schon gesagt hat. Aber wahrscheinlich haben viele Politiker bei Rehhagel ebenso gut zugehört wie die Fussballer.