EM 2016
England-Aus: Roy Hodgson scheitert am «impossible job»

Nach dem Aus gegen Island ist Roy Hodgson endgültig als Trainer Englands gescheitert.

Raphael Honigstein, Nizza
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Ein Blick ins Gesicht sagt alles: Roy Hodgson (r.) und sein Captain Wayne Rooney. Thanassis Stavrakis/keystone

Ein Blick ins Gesicht sagt alles: Roy Hodgson (r.) und sein Captain Wayne Rooney. Thanassis Stavrakis/keystone

KEYSTONE

Es ist, seit mittlerweile 50 Jahren, der «impossible job»: Als Trainer der englischen Nationalmannschaft muss man entweder wahnsinnig sein oder es zwangsläufig werden, glaubt man auf der Insel, nicht ganz grundlos.

Am Montagabend zur Geisterstunde an der Côte d’Azur hatte es auch den sonst recht sanftmütigen Roy Hodgson erwischt. «Sie brauchen keine Frage stellen, steht alles hier!», raunte er dem BBC-Reporter in der ersten Reihe des Pressesaals mit einem ziemlich irren Lächeln im Gesicht an. Dabei stach der 68-Jährige mit dem Zeigefinger auf das arme Stück Papier ein – wie ein Zugpassagier, der einen unverschämten Falsch-Sitzer mit dem Reservierungsbeleg vertreiben muss.

In seiner überraschend schnell nach dem 1:2 gegen Island verfassten Rücktrittsrede wurde der Gegner mit keinem Wort erwähnt. Hodgson sprach blumig über die «fantastische Reise der vergangenen vier Jahre», über die gelungene Verjüngung der Mannschaft und von seinen ebenfalls «fantastischen» Spielern, die – aufgepasst, ihr bösen Boulevard-Schreiber – sehr wohl «mit Liebe für ihr Land spielen». Es sei schade, dass seine Zeit im Amt so enden müsse, fügte er hinzu, «these things happen».

These things happen, solche Sachen passieren. Ja, man kann im Fussball gegen den schwächeren Gegner verlieren und frühzeitig aus dem Turnier fliegen. Und England kann das, wie man weiss, besonders gut: Die Männer mit den drei Löwen auf der Brust haben neben viel Hype um ihre echten und vermeintlichen Stars auch jederzeit gravierende Torhüterfehler und grassierende Panik in allen Mannschaftsteilen im Repertoire. Nur sechs K.-o.-Spiele hat man seit dem WM-Gewinn auf eigenem Boden 1966 an grossen Turnieren gewinnen können.

Aber ein Aus gegen Island, die Mannschaft, die so heisst wie eine englische Discount-Supermarktkette (Iceland) und aus einem Land mit 330 000 Einwohnern kommt? Hodgsons locker formuliertes «things happen» wurde dieser historischen Schmach nicht gerecht. Nizza, das war allen Beteiligten klar, löste am Montag Belo Horizonte als Chiffre des absoluten fussballerischen Tiefpunkts ab. In der brasilianischen Stadt hatte England 1950 bei der WM gegen die USA mit 0:1 verloren.

Es hätte reichen müssen

Allein Captain Wayne Rooney («es tut sehr weh, das ist eine peinliche Niederlage. Ich bin aber stolz, für England zu spielen, und will es weiterhin tun») und der unglückselige Keeper Joe Hart, der mit seinem Fehler beim zweiten Tor der Isländer der Sensation auf klassisch englische Weise den Weg bereitet hatte, waren hinterher couragiert genug, zu der nationalen «Erniedrigung» («Times») Stellung zu nehmen. Die Mannschaft müsse damit leben, zukünftig mit «einer der schwärzesten Stunden des Fussballs» in Verbindung gebracht zu werden, sagte Hart schwer getroffen, man könne jetzt nur weiterspielen, eine andere Möglichkeit gebe es nicht. «Ich muss mich für diese Leistung entschuldigen, sie war nicht gut genug», sagte der 29-Jährige noch.

Joe Hart patzte an der EM in Frankreich gleich mehrfach.

Joe Hart patzte an der EM in Frankreich gleich mehrfach.

Keystone

Englands Spieler sind tendenziell überbewertet, in finanzieller Hinsicht sowieso. Russland (1:1), die Slowakei (0:0) oder das nichtmehr als solide, in einem urbritischen 4-4-2 verteidigende Island hätte dieses junge, durchaus talentierte Team trotzdem schlagen müssen. Die individuelle Qualität war dafür allemal ausreichend.

Kein System

Hodgson hatte Mut zum Angriff und zu Formationswechseln, er hatte jede Menge Spielentscheider im Kader, auf deren Improvisationskünste bis zu einem gewissen Grad Verlass war. Ihm fehlten aber funktionierende, krisenresistente Strukturen im Spiel mit dem Ball – eine übergeordnete Idee, zum Beispiel, und die dazugehörigen Methoden, um diese umzusetzen. Ob er seinen Schützlingen keine dezidierten Angriffsübungen im Training zumuten wollte oder von solch neumodischem Quatsch sowieso nichts hält, bleibt unklar. Mit dem Satz «Man gewinnt nichts mit Systemen, man gewinnt mit Fussballern», hatte er sich Ende Mai aber vielleicht ein wenig selbst entlarvt.

England erlitt unter Roy Hodgson die blamabelste Niederlage seiner Länderspielgeschichte

England erlitt unter Roy Hodgson die blamabelste Niederlage seiner Länderspielgeschichte

KEYSTONE/AP/KIRSTY WIGGLESWORTH

Wirklich kohärenten, planvollen Fussball hatte sein Nationalteam nur bei der EM 2012 gezeigt, als man von vornherein auf Ballbesitz verzichtete und aus einer tiefen Abwehr kontern konnte. Im Viertelfinal war trotzdem Schluss: Niederlage gegen Italien im Penaltyschiessen. Die beiden Turniere danach gerieten dank konfusem Aktionismus zum Debakel.

Letztlich hat Hodgsons trübe Ära alle Zweifler bestätigt, die ihn als Trainer ohne zählbare Erfolge in England als ungeeignet eingeschätzt hatten. Höchstwahrscheinlich wird nun Gareth Southgate, der kreuzbrave U21-Coach, das Team übernehmen, Begeisterungsstürme löst diese Personalie auf der derzeit schon schlimm genug gepeinigten Insel nicht gerade aus. Zum Glück fängt immerhin in nur sechs Wochen die neue Saison in der Premier League an.