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Endet der Weg zum Olympiatraum der Schweizer Curler letztlich am grünen Tisch?

Das Team Bern Zähringer mit (v.l.) Marcel Käufeler, Skip Yannick Schwaller, Michael Brunner und Romano Meier.

Das Team Bern Zähringer mit (v.l.) Marcel Käufeler, Skip Yannick Schwaller, Michael Brunner und Romano Meier.

Das Curlingteam von Yannick Schwaller will 2022 Olympiasieger werden. Doch zuerst muss es sich für Peking überhaupt einmal qualifizieren. Das ist wegen Corona komplizierter geworden.

Corona traf das Quartett um Skip Yannick Schwaller besonders hart. Anstelle des Weltmeisterschaftsdebüts in Schottland gab es für die Schweizer Curler Anfang März eine überstürzte Heimkehr aus Aberdeen. Kurz vor dem britischen Lockdown gewann der Solothurner Schwaller mit seinen langjährigen Teamkollegen, den beiden Aargauern Romano Meier (Ehrendingen), Marcel Käufeler (Wettingen) und dem Appenzeller Michael Brunner die WM-­Hauptprobe in bestechender Weise. Die Form für den Saisonhöhepunkt wäre beim Team Bern Zähringer formidabel gewesen – vielleicht so gut wie nie zuvor. «Die WM-Absage war sehr bitter, aber wir weinen dem nicht nach, sondern schauen nach vorne», sagt der 25-jährige Schwaller.

Ein halbes Jahr später verlängerte die Nummer 6 im World Ranking ihre Ungeschlagenheit. Zehn Siege in Serie reihten sich zum Schluss der wegen Corona unmittelbar abgebrochenen Saison aneinander, fünf weitere kamen vergangene Woche beim ersten Wettkampf der neuen Spielzeit am Schweizer Cup in Baden dazu. Erst im Final gab es eine überraschende 6:7-Niederlage gegen Schaffhausen. Und ab Freitag geht es mit dem Baden Masters auch international wieder los. Bern Zähringer tritt nach dem Finalsieg im Vorjahr gegen den schwedischen Weltklasse-Skip Niklas Edin als Titelverteidiger an.

Fast täglich werden weitere Absagen bekannt

Wobei international für die derzeitige Schweizer Nummer 1 ziemlich patriotisch tönt: Adelboden, Basel, Champéry und Bern lauten die Destinationen. Corona sorgt dafür, dass die Reisefreiheit stark eingeschränkt ist. So fehlen einige Teams in Baden, weil sie nach der Rückkehr in Quarantäne müssten (siehe Artikel unten). Die Jungs um Skip Schwaller verzichten ihrerseits auf einen achtwöchigen Kanada-Aufenthalt und der Weltverband hat die ersten vier Turniere des Grand Slams bereits wieder abgesagt. So startet die wichtigste Tour im internationalen Kalender erst im Frühjahr wieder. «Fast täglich werden weitere Turnierabsagen bekannt», sagt Marcel Käufeler. Vorerst bis Ende Oktober ist zudem auch das World-Ranking ausgesetzt.

Dieser Entscheid hat unmittelbare Konsequenzen. Die Selektion für die EM im November in Lillehammer muss anstatt über die Klassierung in der Weltrangliste an sogenannten Trials zwischen Schwaller und dem zweiten Schweizer Topteam um den Genfer Peter De Cruz (Weltnummer 9) vom 9. bis 13. Oktober in Champéry ausgecurlt werden.

Auch der Weg an die Olympischen Spiele im Februar 2022 in Peking ist auf einmal komplizierter und unter Umständen auch unberechenbarer. Einerseits zählt ein ausgeklügeltes Punktesystem, welches das Team Schwaller mit komfortablem Vorsprung anführt. Andererseits wird die WM im April 2021 in Kanada für die Selektion stark gewichtet. Einen kleinen Bonus hat Bern Zähringer aufgrund der verpassten Titelkämpfe in Schottland in Richtung WM. Wiederholt das Team den Schweizer-Meister-Titel vom Vorjahr, ist man sowieso qualifiziert. Falls nicht, gibt es erneut ein Stechen mit dem aktuellen Meister.

Olympia: Man muss mit allen Szenarien rechnen

Aber was, wenn das Team Schwaller zwar die Punktewertung für die Olympiaqualifikation gewinnt, ein anderes Team die Schweiz jedoch an der WM in Ottawa vertritt? Dann wird es ziemlich stark davon abhängen, wie gut dieses Team sich in Kanada präsentiert. Genaue Vorgaben gibt es im Selektionskonzept dafür nicht. Im schlimmsten Fall droht ein Entscheid am grünen Tisch. Sicherlich nicht das, was sich das Team Schwaller mit den beiden Aargauern Meier und Käufeler sowie dem Appenzeller Brunner wünscht.

Skip Yannick Schwaller (hinten) bei der Abgabe des Steins.

Skip Yannick Schwaller (hinten) bei der Abgabe des Steins.

Doch man ist genug selbstbewusst, um vorerst nicht an ein solches Szenario zu denken. Lieber setzt man sich die ganz grossen Ziele und verkündet diese auch offensiv. Nichts weniger als der Olympiasieg soll es in Peking sein. Dazu will man die Weltnummer 1 und zumindest einmal auch Weltmeister werden. Die vier Spieler legen die typisch schweizerische Bescheidenheit bei der Zielformulierung ganz bewusst ab. Sie wollen sich mit diesen Ansprüchen früh und gezielt auseinandersetzen. «So, dass es bis in den Bauch hinuntergeht», erklärt es Schwaller plakativ. Überhaupt hat das mentale Training einen hohen Stellenwert. Sportpsychologe Jörg Wetzel kümmert sich seit vier Jahren um das Team, daneben arbeitet jeder Spieler individuell mit einem weiteren Mentaltrainer. «Sehr viel entscheidet sich im Curling im Kopf», sagt Brunner.

«Wir sind in einer sehr wichtigen Phase unserer Karriere», betont Yannick Schwaller. Das Quartett mit den Jahrgängen 1994 und 1995 gehört zu den jüngsten Teams an der Weltspitze. Um Erfahrungen zu sammeln, setzt man auf Profitum und ein Mammutprogramm. 97 Partien bestritten die EM-Zweiten von 2019 im vergangenen Winter – das grösste Pensum aller Teams. Jedes Detail ist wichtig auf dem Weg zum ganz grossen Erfolg. So wird neu das Trainerteam um die Coaches Bernhard Werthemann und Pius Matter mit Yannicks Onkel Andreas Schwaller verstärkt. Der ehemalige Nationaltrainer und Leistungssportchef des Verbandes ist ein weiteres Zahnrädchen für die Zielsetzung der Spieler. «Wir wollen jede Woche ein besseres Team werden», sagt Romano Meier. Bis jetzt ist das ziemlich gut gelungen.

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