EM-Analyse
SRF zeigt Christian Eriksens Todeskampf, und wir alle schauen hin – macht uns das zu Voyeuren?

Wir haben beim Drama um Christian Eriksen hingeschaut, obwohl wir hätten wegschauen sollen. Weil wir ein Zeichen für Hoffnung sehen wollten. Wir sehen: die Herzmassage, die Ohnmacht der Freundin. Und erst später das Bild der Erlösung. Macht uns das zu Voyeuren?

Simon Häring
Simon Häring
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Christian Eriksen bei einem Trainingslager 2019 in St. Gallen.

Christian Eriksen bei einem Trainingslager 2019 in St. Gallen.

Benjamin Manser

Christian Eriksen taumelt, fällt, bleibt regungslos liegen. Sofort ist klar: die Lage ist ernst. Sein Herz hat aufgehört, zu schlagen. Es sind Sekunden und Minuten, die sich ins kollektive Bewusstsein brennen werden. Und es sind Momente, die uns vor Augen führen, wie zerbrechlich unser Leben ist.

Simon Häring.

Simon Häring.

Als es nach 90 Minuten Unterbruch (!) um 20.25 Uhr weitergeht, fasst das Schweizer Fernsehen mit einem kurzen Bericht zusammen, was bisher geschehen war. Das ist mehr als genug Zeit, um sich Gedanken zur Bildwahl zu machen. Aber zu sehen ist: alles! Wie Eriksen fällt. Wie die Helfer herbeieilen. Wie die Mannschaftskollegen ihn vor den Kameras abschirmen. Wie Torhüter Kasper Schmeichel die in Tränen aufgelöste Freundin Eriksens in den Arm nimmt.

Und vor allem: Wie die Kameras die Lücke zwischen den vielen Beinen der Spieler und Helfer finden, und uns einen Blick auf dieses Drama erlauben, das sich abspielt: wie Christian Eriksen wiederbelebt wird. Ein 29-jähriger Berufssportler, der in der Blüte seines Lebens mit dem Tod ringt.

Die Frage sei erlaubt: Ist das alles wirklich nötig? Und sind wir, die, die hinschauen, Voyeure, wenn wir das Drama live mitverfolgen?

Die Mitspieler von Christian Eriksen schirmen ihren Kapitän vor den Kameras und den neugierigen Blicken ab.

Die Mitspieler von Christian Eriksen schirmen ihren Kapitän vor den Kameras und den neugierigen Blicken ab.

Friedemann Vogel / Pool / EPA

Ja, auch ich habe hingeschaut, obwohl ich hätte wegschauen sollen. Auch ich wollte wissen, was vor sich geht, und wie es Eriksen geht. Aber nicht, weil ich sehen wollte, wie er reanimiert wird. Niemand will das sehen. Und niemand will, dass in diesem intimen Moment hingeschaut wird. Es hat einen Grund, weshalb die Teamkollegen Eriksen abschirmen. Wie ernst die Situation ist, das war allen klar. Auf was wir gehofft hatten, war ein Bild der Erlösung. Das aber gab es erst, nachdem Eriksen abtransportiert und das Schweizer Fernsehen die Übertragung unterbrochen hatte.

Das Bild der Erlösung entstand in jenem Moment und war Minuten, nachdem Eriksen aus dem Stadion gebracht worden war, eskortiert von den Mannschaftskollegen, verfügbar. Es zeigt ihn bei Bewusstsein.

Christian Eriksen wird nach seinem Kollaps aus dem Stadion gebracht und in ein Krankenhaus überführt. Er ist dabei bei Bewusstsein.

Christian Eriksen wird nach seinem Kollaps aus dem Stadion gebracht und in ein Krankenhaus überführt. Er ist dabei bei Bewusstsein.

Friedemann Vogel / Pool / EPA

Worin besteht die Relevanz, zu zeigen, dass Eriksen wiederbelebt wird? Wie ist zu rechtfertigen, dass man die bangende Freundin in der Aufarbeitung immer wieder zeigt? Es sind Bilder ohne Mehrwert.

Die Mannschaftskollegen eskortieren Eriksen aus dem Stadion.

Die Mannschaftskollegen eskortieren Eriksen aus dem Stadion.

Wolfgang Rattay / Pool / EPA

Für die Livebilder trägt das Schweizer Fernsehen keine Verantwortung, aber dafür, dass man bei der ersten Aufarbeitung bei der Wahl der Bilder die nötige Sensibilität vermissen lässt. Aus eigener Erfahrung weiss ich, wie es sich anfühlt, wenn das Herz eines uns nahe stehenden Menschen einfach so aufhört, zu schlagen. Ich kenne sie, diese Ohnmacht, diese Verzweiflung, diese Hoffnungslosigkeit. Die Bilder von Eriksens Todeskampf immer wieder zu zeigen, ist nicht angebracht.

Bei aller Kritik gibt es auch Grund für Lob für das Schweizer Fernsehen. Allen voran für Manuel Köng, der das Spiel zwischen Gastgeber Dänemark und Finnland kommentiert. Er muss Worte finden für das Unfassbare, das sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit abspielt. Erklären, was nicht zu erklären ist. Er muss informieren, ohne zu mutmassen. Und einordnen, ohne zu bewerten. Es ist ein schmaler Grat, auf dem er sich bewegen muss. Doch Köng löst diese Aufgabe mit Empathie und Fingerspitzengefühl.

Es wäre für ihn einfacher gewesen, hätte SRF das Bild der Erlösung früher zeigen können. Doch es entstand erst später. Und wir an den Bildschirmen schauten bei Eriksens Todeskampf zu. In der Hoffnung auf ein gutes Ende.

Anmerkung: In einer früheren Version stand, das Schweizer Fernsehen habe in der Aufarbeitung das Bild von Christian Eriksens Abtransport, das zeigt, dass er dort bei Bewusstsein gewesen ist, nicht gezeigt. Das ist falsch.

Von Eriksen dazu ermutigt, setzen Dänemark und Finnland die Partie rund 90 Minuten nach dem Kollaps fort.

Von Eriksen dazu ermutigt, setzen Dänemark und Finnland die Partie rund 90 Minuten nach dem Kollaps fort.

Stuart Franklin / AP

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