EM 2020
Belgien gegen Portugal und der Fluch der goldenen Generationen

Belgien gegen Portugal ist das Duell der Weltnummer 1 und des Europameisters. Es ist ein Spiel um goldene Generationen und ihr Scheitern.

Céline Feller
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Die wohl letzte Chance für einen Titel Belgiens um die goldene Generation mit Romelu Lukaku, Axel Witsel und Kevin De Bruyne (von links).

Die wohl letzte Chance für einen Titel Belgiens um die goldene Generation mit Romelu Lukaku, Axel Witsel und Kevin De Bruyne (von links).

Bild: Vincent Van Doornick/Getty (Sankt Petersburg, 21. Juni 202

Ja, wahrscheinlich hatte mittlerweile fast jedes Land eine. Zumindest jedes, das fussballerisch etwas auf sich hält: Eine goldene Generation. Wo genau der Ursprung dieses geflügelten Wortes liegt, welches Team sich als erste, goldene Generation bezeichnen darf, ist kaum definierbar.

Ungarn, diese EM in Extremis in der Gruppenphase gescheitert, bezeichnet seine Mannschaft von 1950 bis 1956 als goldene Elf. Holland sieht sein Team von 1974 bis 1978 als goldene Generation, bei Kroatien ist es die Ausgabe von 1998, bei England jene von 2001 bis 2008.

Je kommerzieller, überdimensionierter und superlativer der Fussball in den vergangenen Jahren wurde, umso inflationärer wurde auch der Begriff der goldenen Generation verwendet. So sehen auch die Isländer ihr Team von 2016 bis 2018 als goldene Generation.

Und selbstredend die Schweiz ihre aktuelle Ausgabe, die auf ihren U17-Weltmeistern von 2009 baut und am Montag das scheinbar Unmögliche möglich machen soll: einen Viertelfinal zu erreichen. Gegen Weltmeister Frankreich, der selber erneut eine goldene Generation heranreifen hat lassen.

Kein Team verkörperte den Begriff so sehr wie Figos Portugal

Und doch ist das wahre Duell der goldenen Generationen jenes, welches am Sonntag ausgetragen wird. Belgien gegen Portugal. Weltnummer 1 gegen Europameister. Kevin de Bruyne gegen Bruno Fernandes, Romelu Lukaku gegen Cristiano Ronaldo. Der gar nicht mehr so geheime Favorit Belgien gegen den Immer-ein-bisschen-Favoriten Portugal. Und vor allem: Die Nation der aktuell am goldensten schillernden Generation gegen jene, deren einstige Auswahl so nahe an den Begriff «goldene Generation» gekoppelt ist wie kaum eine andere.

Denn egal, ob es die genannten Teams, oder allenfalls die Tschechen von 1996 oder die Deutschen von 1970 bis 1976 sein möchten – kein Team wird so sehr mit dieser Bezeichnung in Verbindung gebracht wie die Auswahl Portugals zwischen 2000 und 2004. Das Portugal von Luis Figo, Rui Costa, Nuno Gomes, Fernando Couto, João Pinto oder Paulo Sousa.

In dieser Auswahl sehen Kenner die goldenste aller goldenen Generationen. Sie ist so sehr Sinnbild, weil sie nicht nur herausragende Spieler ihr eigen nennen durfte, sondern auch das, was goldene Generationen so oft charakterisiert: Immenser Druck, konstante Beobachtung und vor allem, die in Scheitern resultierende Divergenz zwischen Anspruch und Realität.

Luis Figo

Luis Figo

Keystone

Denn das Portugal von Figo und Co. schaffte nie, was ihre Nachfolger um Ronaldo vor fünf Jahren erreichten: einen internationalen Titel zu gewinnen. Es waren die späten Früchte eines frühen Umbruchs im Jugendfussball.

Erst die Revolutionen, dann die goldenen Generationen

Ende der 80er-Jahre organisierte das Duo Nelo Vingada, ein portugiesischer Fussballmanager, und Carlos Queiroz, dem langjährigen Assistenztrainer von Manchester United und ehemaligem Nationaltrainer Portugals, den Jugendbereich neu. Sie revolutionierten ihn. Die Portugiesen gewannen in der Folge zwischen 1989 und 2003 auf Juniorenstufe sieben EM-Titel sowie zwei Mal den U20-WM-Titel.

Und obschon die Säulen aus der Jugend ins A-Team aufrückten, bei den Grossen reüssierten Figo, Sousa und Co. nie. Es schien ein Fluch auf dieser goldenen Generation zu liegen. Wie er das auch auf England tat, auf Holland, auf Kroatien. Und bis dato auch auf Belgien.

Gebaut auf dem Scheitern der A-Nationalmannschaft an der Heim-EM 2000 und dem Verpassen sämtlicher Turniere von 2004 bis 2012, entstand auch in Belgien eine neue Nachwuchsarbeit. In allen belgischen Provinzen wurden anfang des Jahrtausends Elite-Akademien eröffnet, die Nachwuchsarbeit professionalisiert.

Eden Hazard

Eden Hazard

Lars Baron

Aus ihr resultierten die Eden Hazards, Alex Witsels, Kevin de Bruynes und Romelu Lukakus. Jene Spieler also, die das aktuelle und vielleicht beste Belgien aller Zeiten prägen. «Sie sind die goldene Generation des belgischen Fussballs», sagt selbst ihr Trainer Roberto Martinez. Er, der die roten Teufel an der WM 2018 in den Halbfinal führte, und dort nur knapp mit 0:1 dem späteren Weltmeister unterlag.

Die Zeit der Teufel - oder des erneuten Scheitern einer goldenen Generation

Die Bürde der Ernennung zur goldenen Generation schien damals zu schwer. Ähnlich, wie sie das für Figos Portugal war. Die Enttäuschung von 2018 soll diese Generation aber noch gestärkt, noch goldener gemacht haben. Zumindest, wenn man Trainer Roberto Martinez zuhört. «Ich glaube wirklich, dass 2021 unser Jahr sein könnte», sagt er in einem martialischen Videoclip und fügt an: «Jetzt ist die Zeit der Teufel.»

Es ist wohl die letzte Chance dafür. Denn die goldene Generation der Belgier ist im Schnitt über 29 Jahre alt. Ist jetzt nicht die Zeit der Teufel, der goldenen Teufel, dann ist es plötzlich die nächste Stunde der verfluchten goldenen Generationen.