Davis Cup

Eklat nach der Auslosung: Yann Marti reist ab

Yann Marti erachtet die Entscheidung von Teamchef Lüthi als ungerecht.

Yann Marti erachtet die Entscheidung von Teamchef Lüthi als ungerecht.

Mit überraschenden Nominationen und einem Eklat begann die Davis-Cup-Partie in Lüttich gegen Belgien. Yann Marti, die nominelle Nummer 1 des Teams, wurde für die ersten Einzel nicht berücksichtigt und zog daraus die Konsequenzen.

Am Donnerstagabend reiste Yann Marti (ATP 292) ab. Am frühen Morgen war ihm von Captain Severin Lüthi eröffnet worden, dass er zumindest am Freitag nicht spielen würde, dass ihm Michael Lammer (ATP 576) vorgezogen wird. Diesen Tiefschlag, Marti sprach von der grössten Enttäuschung seiner Karriere, vermochte der 26-jährige aus Siders nicht zu verarbeiten.

Er verzichtete am Donnerstagvormittag auf das Training, machte während der Auslosung böse Miene zum bösen Spiel, lungerte am Nachmittag noch in der Halle herum, ehe er einer Handvoll Journalisten sein Herz öffnete und sich entschied, die Mannschaft per sofort zu verlassen.

Dieser Entscheid ist ungerecht 

Damit beginnt die Schweizer Titelverteidigung im Davis Cup so schlecht, wie sie nur beginnen konnte. Die Nummern 1 und 2, Roger Federer und Stan Wawrinka, wollen nicht spielen. Die Nummer 3, Marco Chiudinelli, kann nach einer Ellenbogenoperation noch nicht wieder spielen. Und von der Nummer 4, Yann Marti, will man nicht, dass sie spielt.

Marti: "Ich kann diese Entscheidungen nicht akzeptieren und nicht nachvollziehen. Schon letzten Herbst (als Marti die Nummer 3 der Schweiz war - Red.) hätte man mich nominieren müssen. Ich erarchte diese Entscheide als ungerecht. Ich hätte es verdient gehabt, am Freitag auf dem Platz zu stehen."

Über den Ablauf des abendlichen Eklats existieren zwei Versionen. Yann Marti sagt, dass er habe abreisen wollen, der Captain habe im Interesse aller ihm die Erlaubnis dazu gegeben. Swiss Tennis erklärte hingegen, Marti sei von Captain Lüthi wegen inakzeptablen und unsportlichen Verhaltens aus der Mannschaft ausgeschlossen worden.

Lüthi will auf Routine setzen

Severin Lüthi hatte Marti nicht für die ersten Einzel vom Freitag nominiert, weil er primär auf Routine setzte. Sein Entscheid, den Zürcher Michael Lammer gegenüber dem 284 Plätze besser klassierten Walliser Marti vorzuziehen, stellte dennoch eine riesige Überraschung dar. Dem Vernehmen nach war Lammer wegen Rückenproblemen angeschlagen nach Belgien gereist.

Er bestritt diese Saison erst ein einziges Einzel. Lammer ist ausserdem für das Doppel vom Samstag an der Seite von Adrien Bossel gesetzt. Bossel/Lammer gewannen letzte Saison ein ITF-Turnier in Sitten. Marti verfügt im Doppel nicht einmal über eine Weltranglisten-Klassierung und wäre für den Samstag keine Alternative gewesen.

Lüthi: "Ich wollte am Freitag soviel Erfahrung und Routine wie nur irgend möglich auf dem Platz haben. Man darf nicht vergessen, dass Michael Lammer mal die Nummer 150 der Welt war. Eine so gute Klassierung haben alle anderen Teammitglieder nie erreicht."

Allerdings ist es sechs Jahre her, seit der 32-jährige Lammer die Postion 150 innegehabt hat. Einen Spieler mit Top-150-Kaliber hat er zuletzt vor zwei Jahren geschlagen. Sein bestes Turnier spielte er 2011 in Basel, als er mit Bernard Tomic (in der Qualifikation) und Michail Juschni (im Hauptfeld) zwei Top-50-Akteure schlug.

David Goffin spielt nicht

Trotz allem hat sich am Donnerstag die Schweizer Ausgangslage eher verbessert. Denn bei Gegner Belgien spielt David Goffin (ATP 21), der mit Abstand stärkste Akteur beider Teams, vorerst nicht. Goffin, der die gesamte Woche trainiert hat, fühlt sich nicht wohl. Von Schulterproblemen war die Rede. Vor zwei Wochen hatte Goffin in Marseille wegen Rückenproblemen den Achtelfinal gegen Dominic Thiem nicht beenden können, anschliessend bestritt er jedoch letzte Woche das Turnier von Dubai, wo er in der 1. Runde Marcos Baghdatis unterlag.

"Es kam für uns schon überraschend, dass Goffin nicht spielt", meinte Lüthi. "Wir müssen aber damit rechnen, dass er im Verlauf des Wochenendes eingewechselt wird. Aber selbst wenn Goffin nicht spielt, bleiben die Belgier die haushohen Favoriten. Ihre Nummer 4 (Niels Desein) ist besser klassiert als unsere Nummer 1, und zwar um fast 150 Plätze."

Die durchschnittliche Weltranglisten-Position des Schweizer Teams liegt diese Woche bei Platz 383 und seit Martis Abreise noch bei 414. Die Besetzung Laaksonen, Bossel und Lammer ähnelt eher einer mittelmässigen Interclub-Mannschaft denn einem Davis-Cup-Team. Man muss lange suchen, um eine ähnlich mässig besetzte Equipe zu finden: Im Mai 1972 traten Mathias Werren, Michel Burgener und Freddy Blatter in Bukarest gegen Rumänien mit Ion Tiriac und Ilie Nastase an. Das war während der Epoche, in der die Schweiz im Davis Cup zwischen April 1959 und April 1973 lediglich einen Sieg feierte, ein 5:0 im Frühling 1966 gegen Luxemburg.

Die Schweiz glaubt an ihre Chance

Vor allem weil Goffin nicht spielt, stehen die aktuellen Schweizer Chancen in Lüttich besser als 1972. "Wir glauben an unsere Chance", betonen Laaksonen und Lammer. Laaksonen spielt seit 2009 für die Schweiz; der Schweizer Verband luchste ihn mit einem mit 50'000 Franken dotierten Fördervertrag plus Wohn- und Trainingsmöglichkeiten in Biel dem finnischen Verband ab.

Ein Zwist mit Captain Lüthi vor zwei Jahren befleckt allerdings Laaksonens Davis-Cup-Karriere. In der Weltrangliste stagniert er seit zwei Jahren. Dennoch wird ihm das Potenzial eines Top-100-Spielers attestiert. Schliesslich ist er erst 22.

Laaksonen bietet sich am Freitag die erste Chance für eine Überraschung. Er eröffnet gegen Rubel Bemelmans die Partie. Anschliessend stehen sich Michael Lammer und Steve Darcis gegenüber. Beide kennen ihre Gegner. Laaksonen verlor gegen Bemelmans vor zwei Jahren in Wimbledon im Qualifikationsturnier, Lammer besiegte Darcis vor 15 Jahren an einem Junioren-Turnier.

"Die Belgier befinden sich in jedem einzelnen Spiel in der Favoritenrolle", sagt Captain Lüthi. Aber alle wissen auch, dass im Davis Cup immer vieles möglich ist. Stéphane Bohli (2008) und Georges Bastl (2000) besiegten beispielsweise Max Mirnyi. Marco Chiudinelli gewann 2007 gegen Fernando Verdasco. Und vor einem Jahr schlugen Chiudinelli/Lammer im Doppel Zimonjic/Krajinovic in fünf Sätzen, obwohl Nenad Zimonjic im Doppel einst die Nummer 1 der Welt war. Lüthi: "Ich bin sicher, dass sich uns auch an diesem Wochenende Chancen eröffnen werden. Und dann müssen wir bereit sein, um zuzupacken."

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1