Herr Strebel, man kann Ihren Heimatkanton Aargau – etwas überspitzt formuliert – auch als «Eishockeywüste» bezeichnen. Fussball ist die Nummer eins, Eishockey nur ein Randsport. Wie kommt es, dass Sie sich trotzdem derart in diese Sportart vernarrt haben?

Hans-Peter Strebel: Meine Eishockey-Begeisterung wurde geweckt, als ich sieben oder acht Jahre alt war. Damals liefen am TV Bilder der Eishockey-Weltmeisterschaft. Der Sport hat mich sofort fasziniert. Wieso, weiss ich nicht. In meiner Familie hatte niemand die entsprechende Affinität.

Selber gespielt haben Sie nie?

Nicht wirklich. Ich ging zwischenzeitlich mal bei Wohlen ins Training. Das war eine 4.-Liga-Mannschaft. Aber man konnte mich eigentlich nicht brauchen. Ich war ungefähr der 20. Ersatzspieler (lacht). Ich kam einmal zum Einsatz, als es ein paar Zentimeter Schnee auf dem Eis hatte. Unter diesen Bedingungen spielte das Talent nur noch eine untergeordnete Rolle.

Wie entstand Ihre Verbundenheit zum EV Zug?

Von meinem Wohnort Muri AG aus war Zug der nächste Ort, wo man live Eishockey schauen konnte. Seit der Gründung des EVZ im Jahr 1967 bin ich immer an die Spiele gefahren. Von der 1. Liga bis in die NLA. Von der offenen Eisbahn über das Hertistadion bis zur Bossard-Arena habe ich alles erlebt.

Sie waren zuerst Anhänger, jetzt sind Sie VR-Präsident Ihres Lieblingsklubs. Das ist ja der Traum jedes Sportfans. Sie haben ihn in die Realität umsetzen können.

Ja, da steckt eine lange Geschichte dahinter. Als ich meine beruflichen Aktivitäten abgeschlossen hatte, kam die Anfrage des EV Zug, ob ich mir ein Engagement im Verwaltungsrat vorstellen könnte. Unter meinem Vorgänger als Präsident, Roland Staerkle, habe ich dann aus nächster Nähe gelernt, was es heisst, im Spitzensport tätig zu sein, was alles im Hintergrund abläuft.

Dann kam der Moment, als Sie Staerkle als VR-Präsidenten ablösten.

Ja, nach zehn Jahren im Amt suchte er einen Nachfolger. Ich war damals sein Vize und erklärte mich bereit, das Präsidium zu übernehmen. Unter der Bedingung, dass ich auch die Aktienmehrheit der AG übernehmen darf. Weil ich sah, welche strukturellen Anpassungen es braucht, damit der EVZ auf andere Beine gestellt werden kann.

Das heisst?

Dass wir uns mehr in Richtung Juniorenförderung orientieren. Dass wir eigene Spieler mit Verbundenheit zum Klub ausbilden und somit einen Beitrag dazu leisten, dass die Lohnspirale sich in der Schweiz nicht ungebremst nach oben dreht.

Auf dem Papier liest sich das gut: Die Hälfte der NLA-Mannschaft soll in Zukunft aus dem eigenen Nachwuchs rekrutiert und nur in absolute Topcracks investiert werden. Mit Leonardo Genoni und Grégory Hofmann stossen auf die kommende Saison zwei solche Stars zum EVZ. Verträgt sich das mit der von Ihnen kritisierten Lohnpolitik im Schweizer Eishockey?

Wir brauchen diese Topspieler. Das ist für mich ein Teil der Ausbildung. Die Jungen können nicht nur unter sich besser werden. Sie brauchen Vorbilder. Sie brauchen Spieler, die ihnen zeigen, was es braucht, um ganz an die Spitze zu kommen.

Kann ein Eishockeyspieler überhaupt so viel wert sein? Sind Löhne um die 800 000 Franken nicht schon jenseits von Gut und Böse?

Sagen wir es so: Diese Löhne sind ein Abbild des Markts. Ob diese Löhne gerechtfertigt sind oder nicht, das sei dahingestellt. Da kann man unterschiedlicher Meinung sein.

Wenn Sie diesen Final gegen den SCB jetzt verlieren sollten, wird man Ihnen kaum einen Strick draus drehen. Aber ab nächster Saison sind Sie mit diesen Transfers zum Erfolg verdammt, oder?

Da habe ich eine klare Haltung: Im Sport ist der Erfolg absolut nicht planbar. Da spielen so viele Faktoren eine Rolle. Verletzungen, Glück, Unglück. Planbar sind aber die Rahmenbedingungen. Da unternehmen wir alles Mögliche, damit sich die Spieler gut entwickeln können. Wenn in diesem Bereich alles stimmt, dann sind die Voraussetzungen gut, dass die Ziele erreicht werden können.

Apropos Glück: Wenn man die Geschichte Ihrer beruflichen Karriere nachliest, hat man bisweilen das Gefühl, das ist wie im Märchen. Welche Rolle spielten in diesem Prozess, vom Apotheker in Muri zum erfolgreichen Medikamenten-Forscher, die Faktoren Glück und Zufall?

Eine grosse. Was es brauchte, war ein klares Konzept und die Konsequenz, ein Ziel zu verfolgen. Ich habe zusammen mit einem Arzt und zwei Hochschul-Kollegen eine Forschungsfirma gegründet. Wir haben die Denkarbeit geleistet, und haben dann Forschungsaufträge an Unikliniken und Forschungslabors vergeben. So ging das Spiel immer hin und her. Mein fachliches Umfeld sagte mir zwar immer, dass das, was wir versuchen, unmöglich ist …

… aber es hat funktioniert.

Ja, aber es hat unglaublich viel Einsatz gebraucht, diesen Weg zu beschreiten. Auf diesem langen Weg immer die richtigen Entscheidungen zu fällen, die richtigen Substanzen in die Finger zu nehmen, hatte eben auch mit Glück zu tun. Wenn ich heute darauf zurückblicke, dann denke ich mir oft: «Das kann ja gar nicht sein.»

2006 verkauften Sie Ihre Firma mit dem Medikament gegen Schuppenflechten und den Forschungsgrundlagen des Medikaments zur Behandlung von multipler Sklerose an das US-Pharma-Unternehmen Biogen und wurden ein reicher Mann. Die «Bilanz» schätzt Ihr Vermögen auf 350 bis 400 Millionen und setzt Sie auf Platz 227 in der Liste der reichsten Schweizer. Ist Ihnen so etwas wichtig?

Nein, überhaupt nicht. Eigentlich wäre ich am liebsten gar nicht auf dieser Liste. Aber anscheinend kann man das nicht verhindern.

Haben Sie es versucht?

Ich habe mal mit meinem Anwalt geredet. Aber der hat abgewinkt. Ich empfinde es eigentlich als Eingriff in die Privatsphäre.

Ein Bekannter hat uns gesagt, dass Sie sich einen Spass daraus machen, Ihr Vermögen nicht zu zeigen.

Einen Spass würde ich es nicht nennen. Aber ich brauche das einfach nicht. Meine Freunde sagen, dass ich immer noch derselbe Mensch bin. Manchmal ist es ja so, dass man bei den Leuten aufgrund seines Reichtums einen Status erhält. Man wird als anderer Mensch beurteilt, auf eine höhere Ebene gehievt. Das kann sehr unangenehm sein. Ich bin doch, wie ich bin. Das hat nichts mit Geld zu tun.

Einen rechten Anteil Ihres Vermögens, 100 Millionen Franken, investieren Sie in das neue Leistungssportzentrum «On your marks» (OYM), welches in Cham gebaut wird. Verwirklichen Sie mit diesem Projekt einen Lebenstraum?

Das Projekt ist entstanden aus unserem Nachwuchs-Konzept, welches wir bei meiner Übernahme des VR-Präsidiums beim EV Zug weiterentwickelt haben. Die Philosophie der Academy ist, jedes Jahr acht Spieler ins Programm aufzunehmen und sie während vier Jahren zu begleiten – sportlich und schulisch. Mit der Zeit haben wir gemerkt, dass wir punkto Infrastruktur an ein Limit kommen.

Inwiefern?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Die Spieler mussten ihr Athletik-Training oft in den Gängen der Bossard-Arena absolvieren. Da ist es fast ein Ding der Unmöglichkeit, die Einheiten sauber über die Bühne zu bringen. Zumal mit den Academy-Jungs noch mehr Sportler dazukamen. Es wurde eng.

Und dann?

Machten wir uns auf die Suche nach möglichen Lokalitäten. Wir suchten alte Fabrikhallen, die man umbauen kann. Aber wir besuchten auch das Red-Bull-Leistungszentrum in Österreich. Das Projekt wuchs in meinem Kopf immer weiter. Erst nur fürs Eishockey, dann aber für den ganzen Spitzensport.

Wenn man sich das OYM mit seiner unglaublichen High-Tech-Infrastruktur anschaut, denkt man automatisch ein zweites Magglingen. Hatten Sie mit dem Bundesamt für Sport (Baspo) Kontakt? Ist das OYM eine Konkurrenz zu Magglingen?

Wir standen sowohl mit dem Baspo als auch mit Swiss Olympic in Kontakt. Es dauerte eine Weile, bis alle Institutionen die Dimensionen des OYM überhaupt erfassten. Stand jetzt, wird es eine Koexistenz sein. Wir hätten gar nicht die Kapazität, um all die Spitzensportler unseres Landes aufzunehmen. Es ist gut, gibt es in diesem Bereich mehrere Player.

Wie wird der Betrieb finanziert?

Das Ziel ist eine schwarze Null. Ich will mit dem OYM kein Geld verdienen. Das OYM mit seiner Infrastruktur ist mein Geschenk an die Sportwelt.

Was ist, wenn Sie mal nicht mehr in der Lage sind, Ihr Mandat als VR-Präsident wahrzunehmen? Besteht dann nicht die Gefahr, dass all das, was Sie aufgebaut haben, über den Haufen geworfen wird?

Auch da habe ich Glück. Ich habe zwei erwachsene Söhne, die alles in meinem Sinn und Geiste weiterführen würden. Beide sind auch totale EVZ-Fans.