Am Ende besiegelt ein Zusammenprall der Titanen den Untergang der tapferen ZSC Lions. 2,5 Sekunden vor dem Ende kracht ZSC-Topskorer Fredrik Pettersson in Luganos Topskorer Maxim Lapierre und wird in die Kabine geschickt (mit einer 5-Minuten-Strafe plus Restausschluss). 2,5 Sekunden vor dem Ende stürzt die ZSC-Welt ein.

Damit ist klar: Lugano bring das 3:2 über die Zeit. Es kommt morgen Freitag zum 7. und alles entscheidenden Spiel in Lugano. Voraussichtlich wird der schwedische Energiespieler für die letzte Partie gesperrt. So gesehen ein dummes, unverzeihliches Foul. Aber dieser Vorwurf greift zu kurz: In dieser letzten Szene hat dieser temperamentvolle Energiespieler einfach noch einmal alles versucht – am Rande der regeltechnischen Regularität. Aber es war eben ein Spiel, bei dem so vieles am Limit getan worden ist.

Die ZSC Lions verpassen den Meistertitel

Die ZSC Lions verpassen den Meistertitel – die Spieler sind enttäuscht.

Willen von Lugano

Diese finale Szene erzählt uns im Grunde das ganze Drama in kürzester Kurzform überhaupt: die heroischen Anstrengungen, die Leidenschaft, den Willen, die Kampfbereitschaft und letztlich die schiere Verzweiflung der ZSC Lions. Sie haben alles versucht, alles gegeben und es hat doch nicht gereicht.

Aber diese Szene zeigt uns eben auch die Widerstandskraft, den Willen und die Leidenschaft des besten HC Lugano seit dem letzten Titelgewinn von 2006. Topskorer Lapierre taumelt auf die Spielerbank, aber er bleibt auf den Beinen. Er personifiziert den ungebrochenen Willen, die Zähigkeit seiner Mannschaft.

Die Versager beim ZSC? Nein, die gibt es nicht. Fehler waren bei dieser Intensität und diesem Tempo unvermeidlich. Die Zürcher haben alles, wirklich alles probiert. Sie haben so gespielt, als gäbe es kein Morgen mehr. Wohlwissend, dass am Ende der ultimative Preis, «der Chübel», die Meisterschaft winkt. Und dass es im Falle einer Niederlage im 7. Spiel in Lugano sehr schwer wird.

Hätten die Zürcher etwas besser machen können? Nein. Es war einer dieser intensiven «Clash of the Titans», die es einmal, vielleicht zweimal in einer Saison gibt. Hochstehend, packend und für die Schiedsrichter extrem schwierig zu pfeifen. Stefan Eichman und Micha Hebeisen haben dieses Drama bravourös geleitet.

Keine Taktik mehr

Taktik? Nein, die Taktik spielte keine Rolle mehr. Das System ist durch den Kampf Mann gegen Mann und durch die Reduktion auf das ganz, ganz einfache Hockey ersetzt worden. Die Entscheidung, der Siegestreffer zum 3:2, ist auch typisch für dieses Drama. Nicht der erste Schuss geht rein. Es ist der dritte Abschlussversuch.

Der Held? Auf dem Matchblatt natürlich Jani Lajunen, dem der Siegestreffer zum 3:2 gutgeschrieben wird. Auch das passt. Der Finne, der stille Center, der sein Spiel unspektakulär in den Dienst der Mannschaft stellt, macht schliesslich die Differenz.

Elvis Merzlikins der Dominator

Aber in Tat und Wahrheit ist die grosse, charismatische, die dominierende Figur dieser Partie (und dieser ganzen Finalserie) Luganos Torhüter Elvis Merzlikins. Der Renato Tosio des 21. Jahrhunderts. Seit dem legendären SCB-Meistergoalie von 1989, 1991, 1992 und 1997 hat es nie mehr einen so spektakulären Torhüter auf Schweizer Eis gegeben. Merzlikins ist sogar besser als damals Tosio, weil er stilsicherer und eleganter ist.

HC Lugano gelingt die Kehrtwende

HC Lugano gelingt die Kehrtwende

Die Lugano-Spieler Sébastien Reuille und Julian Walker äussern sich zum Sieg in Zürich.

Er ist aggressiv, reflexschnell und doch unheimlich ruhig, immer im Spiel, den Puck immer im Auge. Er hat 38 von 40 Schüssen gehalten und seiner Mannschaft die 7. Partie morgen Freitag ermöglicht. Die Statistik zeigt die Überlegenheit der Zürcher: 40:18 Torschüsse. Zeitweise war es Elvis Merzlikins alleine gegen alle Zürcher. Wird der HC Lugano Meister, dann sollten die Spieler den Pokal zu allererst dem lettischen Nationaltorhüter mit Schweizer Lizenz aushändigen.

Die grosse Frage ist nun: Können die ZSC Lions noch einmal aufstehen? Sind sie in der Lage, die gestrige Leistung zu wiederholen? Eigentlich ist es fast unmöglich, seine solche Partie zu wiederholen. Sie haben mehr Energie verbraucht als Lugano und sie müssen eine tiefe Enttäuschung überwinden. Aber wenn sie in Lugano Meister werden wollen, in der Resega, in diesem Hexenkessel mit dem temperamentvollsten Publikum Europas – dann ist noch einmal eine Leistung wie gestern gefordert.