Streit
«Wir müssen darüber nachdenken, wie wir die Nachwuchsarbeit in Zukunft gestalten möchten»

Der NHL-Star Mark Streit erholt sich von seiner langen Saison in der Schweiz. Im Interview mit «a-z.ch» spricht der Berner über die Nationalmannschaft, sein Team und fordert den Schweizer Eishockeyverband auf, seine Nachwuchsarbeit zu überdenken.

Vasilije Mustur
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Schweizer Hockey-Spieler NHL
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Roman Wick Der 24-jährige Stürmer ist in der Schweizer Nationalmannschaft für die Tore zuständig. Nun glauben auch die Ottawa Senators, dass der Klotener diese Rolle auch in der NHL spielen kann. Allerdings ist die Konkurrenz im Sturm für Wick gross. Daniel Alfredsson und Alexei Kowalew spielen auf derselben Position wie der Schweizer. Allerdings neigen sich die Karrieren dieser Stars allmählich dem Ende entgegen. Fazit: Wick wird in der AHL bei Binghamton spielen müssen. Die Frage ist, wie der 24-jährige Skorer mit dieser Situation umgeht. Fazit: Die Chancen auf NHL-Einsätze stehen bei 30 Prozent.
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Der Pionier Mark Streit spielt in New York bei den Islanders.

Schweizer Hockey-Spieler NHL

Keystone

Mark Streit, vor Kurzem ging die Fussball-Weltmeisterschaft in Südafrika zu Ende. Haben Sie die Schweizer Spiele mitverfolgt?
Streit: Natürlich. Diese Partien wollte ich mir nicht entgehen lassen. Es ist einfach bitter, dass die Mannschaft nicht weitergekommen ist.

Was ist ihnen nach dem sensationellen Sieg der Fussball-Nationalmannschaft im ersten Spiel gegen Europameister und den späteren Weltmeister Spanien durch den Kopf gegangen?
Streit: Ich habe mich gefragt: Ist dieser Erfolg für den weiteren Turnierverlauf ein Vor- oder ein Nachteil?

Leider haben Sie mit Ihrer Skepsis Recht behalten.
Streit: Die drei Punkte waren sicherlich sehr wertvoll. Für die Zuschauer war die Partie ein Genuss und die Stimmung im Land war nach dem Sieg fantastisch. Unglücklicherweise konnte die Mannschaft aus diesem Triumph kein Kapital schlagen.

An welchen Triumph erinnert Sie der Sieg, welchen Sie mit der Eishockey-Nationalmannschaft gefeiert haben? Die Parallelen zum Spiel der Schweiz an den olympischen Spielen 2006 in Turin gegen Kanada waren verblüffend. Die Spanier konnten sich wie die Kanadier damals auf den Kopf stellen - doch die Verteidigungslinie der Schweiz hielt den Angriffswellen stand.
Streit: Wir hatten einige solche Partien. Ich erinnere mich an das Spiel gegen Russland in St.Petersburg an der WM 2001. Natürlich bleibt auch das Spiel gegen Kanada und Tschechien in Turin unvergessen. Du stehst mit Mann und Maus weit in der eigenen Zone, mauerst und kämpfst bis zum Umfallen. Das waren Abwehrschlachten, die ein Spieler nicht vergisst. Wenn eine Mannschaft solche Spiele gewinnen will, braucht es aber auch das nötige Glück.

Nach dem Spanien-Spiel kam das 0:0 gegen Honduras. Auch hier sind die Parallelen zum Eishockey unübersehbar. Wieso bereitet es der Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft solche Mühe, gegen «schwächere» Mannschaften das Spiel zu gestalten?
Streit: Wir kommen mit der Aussenseiterrolle besser zurecht. Das haben alle Teams gemein. Wenn Du nichts zu verlieren hast, dann spielst Du anders auf, als wenn Du den Druck zu gewinnen im Nacken spürst. Zudem fällt es uns schwer, im Spiel gegen solche Underdogs wie Frankreich oder Italien kreativ zu sein. Das Spiel an sich zu reissen und diese Dominanz in Tore umzumünzen, ist nicht die Stärke der Schweiz.

Also fehlen uns hierzulande kreative Spieler?
Streit: Es ist nicht so einfach. An der Weltmeisterschaft in Deutschland haben die Spieler bewiesen, dass offensives Potential vorhanden ist. Doch ich habe einfach das Gefühl, dass die Schweiz im Eishockey zu wenige Spieler im Ausland hat.

Wie würde die Schweiz denn profitieren, wenn mehr Leute im Ausland beschäftigt sind?
Streit: Wenn Jemand über Monate und Jahre auf internationalem Niveau spielt und sich gegen Weltklassespieler durchsetzen muss, dann ist der hohe Rhythmus während der gesamten Weltmeisterschaft kein Problem mehr. Du wirst nicht müde. Dein Spiel bleibt stabil. Nichtsdestotrotz: Der Torinstinkt fehlt einigen Schweizer Spielern in der Tat.

Diese Kreativität und Kaltblütigkeit kann ein Spieler aber nicht lernen.
Streit: Durch wiederholtes Schusstraining kann sich ein Spieler ohne weiteres im Abschluss verbessern. Spielintelligenz kann man sich jedoch nicht so einfach aneignen. Ausserdem müssen wir darüber nachdenken, wie wir die Nachwuchsarbeit in Zukunft gestalten möchten.

Was wollen Sie damit sagen?
Streit: Wenn wir 12- und 13-jährige Spieler bereits wie Spitzensportler behandeln, sie sechs oder sieben Mal die Woche aufs Eis schicken, sie von Anfang an in ein System pressen, dann können diese Jugendlichen die geforderte Kreativität erst gar nicht entfalten.

Wie durften Sie ihre Kreativität ausleben?
Streit: Da ich dank meinen Eltern die Möglichkeit hatte, verschiedene Sportarten auszuüben, konnte sich mein Körper ganzheitlich entwickeln. Wichtig ist: Kreativität im Eishockey habe ich nicht beim Training, sondern beim freien Eislauf auf der Allmend erlernt. Im Fussball ist es nicht anders. Beispielsweise Alain Sutter hat auf den Strassen von Bümpliz das Fussballspielen gelernt.
Sehen Sie im Schweizer Eishockey aktuell junge Spieler, die offensives und kreatives Potential haben?
Streit: Absolut. Wir haben genügend talentierte Spieler. Ob diese aber bereit sind, den steinigen Weg zu gehen ist eine andere Frage...

Sind die Schweizer Spieler also zu bequem?
Streit: Ein Eishockeyspieler in der Schweiz kann ein gutes Leben führen. Da fällt es einigen schwer, ins Ausland zu wechseln.

In der Vergangenheit waren bereits Schweizer Spieler - wie Michel Riesen und Reto Von Arx - in Nordamerika, sind aber nach kurzer Zeit wieder nach Hause gekehrt. Haben diese beiden - stellvertretend für Viele - das Abendteuer Nordamerika zu früh abgebrochen?
Streit: Ich kenne Ihre Beweggründe nicht, jeder kann selbst über seine Karriere entscheiden. Meiner Erfahrung nach bringt Nordamerika jeden Eishockeyspieler weiter. Einerseits spielerisch, andererseits charakterlich.

Sie gehören zu den wenigen Schweizern, die sich in der NHL durchgesetzt haben. Der Eindruck entsteht: Neben Talent braucht es in Nordamerika vor allem Geduld und Biss.
Streit: Der Erfolg kommt nicht von heute auf morgen. In Nordamerika musst du dich hocharbeiten. Du kannst nicht einfach sagen: So jetzt gehe ich mal für ein Jahr rüber, schau mal was passiert und wenn es nicht klappt, komme ich wieder nach Hause.

Nun erfüllt sich zwar ihr Wunsch nach mehr NHL-Spielern. Jedoch handelt es sich dabei vorwiegend um Defensivspieler. Braucht die Nationalmannschaft nicht mehr Stürmer in der NHL?
Streit: Es spielt keine Rolle ob es Verteidiger oder Stürmer sind. Wir brauchen generell mehr Spieler im Ausland um die Intensität an einem Grossanlass durchstehen zu können.

Kommt mit den neuen NHL-Spielern jetzt die ersehnte Medaille?
Streit: Zuerst müssen sich die Spieler in der NHL durchsetzen. Dann sehen wir weiter.

An der Weltmeisterschaft in Deutschland waren Sie nicht dabei. Tut sich das Welt-Eishockey einen Gefallen, jedes Jahr auf Teufel komm raus eine Weltmeisterschaft durchzuziehen?
Streit: Das liegt nicht in meiner Hand.

Aber Sie haben sicher eine Meinung dazu.
Streit: Wenn ich 82 NHL-Spiele und eine Olympiade hinter mir habe, dann ist die Weltmeisterschaft für meinen Körper zu viel. So geht es vielen NHL-Spielern. Schliesslich geht es um deine Gesundheit und Zukunft. Mit 23 oder 24 Jahren kann ein Spieler so viele Spiele hintereinander einige Jahre verkraften. Mit zunehmendem Alter, braucht der Körper nach einer langen Saison Erholung.

Trotzdem: Die FIFA führt alle vier Jahre mit der Weltmeisterschaft einen riesigen Event durch. Alle Top-Spieler sind dabei. Würden Sie eine WM alle zwei Jahre begrüssen?
Streit: Da ich Spieler bin, kann ich dies nicht entscheiden.

An der letzten WM in Deutschland hat der neue Trainer Sean Simpson ein neues System implementiert. Hätte die Schweiz noch mehr Erfolg gehabt, wenn Ralph Krueger die Mannschaft offensiver hätte spielen lassen?

Streit: Wir haben in der Ära Krueger sehr grossen Erfolg gehabt - vor allem dank der soliden Defensive. Was wenige wissen: Nach zwei, drei Jahren mit Ralph Krueger als Trainer haben wir versucht, offensiver zu agieren und wurden dafür bestraft. Daraufhin mussten wir uns fragen: Was ist die Konsequenz? Wo liegen unsere Stärken? Wir haben stets die besten Leistungen gezeigt, wenn die Mannschaft aus einer sicheren und soliden Defensive agiert und kontern konnte. Das war unser Erfolgsrezept. Dieses System ist nicht immer attraktiv - aber wir haben damit in 13 Jahren Ralph Krueger sehr viel erreicht. Jetzt hat Sean Simpson andere Vorstellungen - was völlig in Ordnung ist. Wir müssen uns jedoch alle im Klaren sein, dass es Zeit braucht, um dieses neue System umzusetzen. Ich muss aber vor Sean Simpson und der Mannschaft den Hut ziehen. Dafür, dass Simpson die Mannschaft erst einen Monat vor der WM trainieren konnte, haben die Spieler das System richtiggehend verinnerlicht.

Sprechen wir noch über ihre bevorstehende Saison mit den New York Islanders. Was sind ihre Ziele mit der Mannschaft?
Streit: Wir wollen die Playoffs erreichen.

Liegt das drin?
Streit: Wir gehören zwar nicht zum Favoritenkreis, sind aber eine junge Mannschaft mit viel Potential. Letzte Saison haben wir grosse Fortschritte gemacht und lagen im Kampf um einen Playoff-Platz lange Zeit gut im Rennen.
Wie ist es eigentlich mit Superstar John Tavares zusammenzuspielen?
Streit: Für mich ist er ein Teamkollege wie jeder andere. Doch ab und zu schaust du ihm zu und denkst: Wow! Was kann dieser Junge alles am Stock.

Neben Tavares haben Sie einen neuen Teamkollegen bekommen - nmlich den Schweizer Nino Niederreiter. Schafft es Nino dieses Jahr ins NHL-Team?
Streit: Schwer zu sagen. Nino bringt alle Voraussetzungen mit. Mit seinen 17 Jahren ist er wahnsinnig weit. Letztendlich entscheidet der Trainer und die Organisation über seine Zukunft. Ich gehe davon aus, dass sie ihn nicht verheizen, ihn behutsam aufbauen möchten.
Gehen wir davon, Sie verpassen nächstes Jahr die Playoffs: Stehen Sie der Nationalmannschaft dann für die Weltmeisterschaft zur Verfügung?
Streit: Lassen Sie mich erst die Saison bestreiten, dann sehen wir weiter.

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