Eben kämpfte man noch gemeinsam um den Puck. Einen Augenblick später ist plötzlich nichts mehr so, wie es mal war. Der EHC-Olten-Verteidiger Ronny Keller blieb am vergangenen Dienstag nach einem Zweikampf mit dem Langenthaler Stürmer Stefan Schnyder schwer verletzt liegen. Zwei Tage später kam die niederschmetternde Diagnose: Keller wird sein Leben lang querschnittgelähmt bleiben.

Für Oliver Roth war die tragische Geschichte, die sich in der vergangenen Woche abspielte, kein Neuland. Er konnte nachvollziehen, welche Achterbahn der Gefühle die Involvierten durchleben. Und er kann nachvollziehen, welche schwierige, aber lösbare Aufgabe nun dem Mann bevorsteht, der von nun an für immer im selben Atemzug mit dem «Fall Ronny Keller» genannt werden wird: Stefan Schnyder, Kellers Gegenspieler in jenem fatalen Zweikampf, der so tragisch endete.

Hilfe von Dritten ist gut

Während bei Schnyder die Frage nach Schuld oder Unschuld noch lange nicht geklärt sein dürfte, so war im Fall von Oliver Roth von Anfang an klar, dass er sich im Zusammenhang mit Pat Schafhausers schlimmen Sturz in die Bande keine Vorwürfe machen muss. Trotzdem schaffte er es nicht, einfach so zur Tagesordnung überzugehen. Er versuchte es zwar, doch das war ein Fehler. Roth sagt heute, dass er damals die ihm angebotene, professionelle Hilfe hätte in Anspruch nehmen sollen. «Ich dachte, dass es schon irgendwie gehen würde, und habe versucht, den Vorfall zu verdrängen. Aber diese Taktik hat nicht funktioniert.» Der heute 43-jährige erinnert sich, dass er zwar nach einer gewissen Zeit nicht mehr immer an den Vorfall denken musste, «aber ich wurde im Alltag immer wieder mit Situationen konfrontiert, die mich daran erinnerthaben.» Für ihn habe es damals keine andere Taktik gegeben. Heute sagt er: «Man darf nicht zu stolz sein, Hilfe anzunehmen.»

Die Aufarbeitung des Unglücks war für den sensiblen Ostschweizer alles andere als einfach. Er stellte sich vor allem eine Frage immer wieder: «Wieso er und nicht ich? Wir sind mit den gleichen Voraussetzungen in die Spielfeldecke gefahren. Wir waren gleich gesund, wir waren gleich fit. Wieso landet einer im Rollstuhl und ich habe nicht den geringsten Kratzer?» Eine befriedigende Antwort auf diese bohrende Frage fand Oliver Roth bis heute nicht. Nur ein Gedanke habe ihm einen gewissen Frieden gebracht: «Jeder hat wohl einfach sein Sandührchen und jeder geht seinen Weg.»

Irreales Gefühl

Den ersten direkten Kontakt mit Pat Schafhauser gab es drei Tage nach dem Unglück. Roth besuchte seinen Gegenspieler im Paraplegiker-Zentrum in Nottwil. Ein Treffen, an das er keine allzu guten Erinnerungen hat: «Ich weiss gar nicht, ob ich damals Gefühle empfand. Ich funktionierte einfach. Ich kam in dieses Zimmer, Pats Eltern waren dort und seine damalige Frau. Dann siehst du dort einen äusserlich topfitten Sportler mit nacktem Oberkörper im Bett liegen und denkst: ‹Komm, mach keinen Quatsch, steh jetzt auf.› Aber du weisst, dass er es nie mehr tun kann.»

Erst 2009, also 14 Jahre nach dem Unfall, konnten sich Oliver Roth und Pat Schafhauser im Rahmen der Eishockey-WM in der Schweiz unter vier Augen unterhalten. Es war ein Treffen, welches ihm sehr wichtig war. Dort erfuhr Roth, dass Schafhauser mittlerweile ein gutes Leben führt, eine Familie hat und als Eishockey-Trainer tätig ist. «Danach konnte ich die Vorwürfe, die ich mir immer wieder gemacht habe, endlich beseitigen», erzählt Roth, dem auch Begegnungen mit anderen, querschnittgelähmten Menschen bei der Aufarbeitung sehr geholfen haben: «Ich sah, dass deren Leben ebenso lebenswert ist.»

Seine Aktivkarriere als Eishockeyspieler beendete Oliver Roth zwar erst sieben Jahre nach dem Unfall. Aber er war danach nicht mehr in der Lage, so zu spielen, wie er es sich gewohnt war: «Ich war vorher eher einer, der sich gerne ins Getümmel gestürzt hat. Danach fühlte ich mich bei kleinsten Verletzungen der Gegenspieler immer sehr schuldig. Das Motto war: ‹Wenn es einen erwischt, dann mich, und keinen anderen.›»