Eishockey
Wer jammert, ist ein Verlierer

Nichts wird während der Playoffs so geheim gehalten wie der Gesundheitszustand der eigenen Spieler. Die Hinweise auf die einzelnen Gebrechen beschränken sich in der Regel auf eine vage Umschreibung der betroffenen Körperregion – wenn überhaupt.

Marcel Kuchta
Marcel Kuchta
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Die Spieler von Servette-Genf schlagen sich mit einem Magen-Darm-Virus herum.

Die Spieler von Servette-Genf schlagen sich mit einem Magen-Darm-Virus herum.

Keystone

Über die Genesungszeit wird ebenso wortkarg informiert: «Wir schauen von Tag zu Tag» ist eine der beliebtesten Floskeln. Dem Gegner soll so a) nicht verraten werden, wo ein Spieler bei einem allfälligen Comeback verletzungsanfällig ist und b) kein Zeichen der Schwäche signalisiert werden. Denn gerade während der Playoffs ist öffentliches Wehklagen verpönt: Wer jammert, ist ein Verlierer. Aufstehen, Mund abwischen und weitermachen. Sich ja nichts anmerken lassen.

In Genf hätten sie derzeit jedenfalls allen Grund zum Jammern. Bei den Servettiens fallen nicht nur drei ausländische Schlüsselspieler mit Gehirnerschütterungen aus. Schlimmer noch: Die Hälfte der Mannschaft gibt sich auf dem WC die Klinke in die Hand. Ein Magen-Darm-Virus grassiert in der Kabine, die in zwei Hälften – für die gesunden und die kranken Spieler – aufgeteilt wurde.

Jeder Mensch, der diese Erkrankung durchgemacht hat, weiss, dass körperliche Tätigkeit unter diesen Umständen nur bedingt möglich ist – geschweige denn, Eishockey zu spielen. Das Resultat dieser beispiellosen Krankheits-Misere: eine 0:8-Heimschlappe gegen die ZSC Lions. So hoch verliert eine Mannschaft in den Playoff-Halbfinals nur, wenn sie ein ernsthaftes Problem hat.

Die Zürcher profitierten von der Ausgangslage und demütigten den inferioren Gegner in einem Spiel, welches sie nach dem Verlust des Heimvorteils unbedingt gewinnen mussten.

Das Beispiel Servette zeigt, wie schnell man in den Playoffs auf Abwege geraten kann, wenn die Verletzungs- oder Krankheitshexe zuschlägt. Im Vorjahr führte der HC Davos in den Viertelfinals gegen Kloten mit 2:0 Siegen, ehe reihenweise Stammspieler ausfielen oder nur noch angeschlagen auf dem Eis herumkurven konnten. Die Flyers nutzten die Gunst der Stunde, gewannen viermal in Serie und warfen den HCD aus dem Rennen.

In diesem Jahr stehen die Davoser mit einer nominell schwächer eingestuften Mannschaft im Final. Es ist kein Zufall, dass die HCD-Krankenakte so dünn ist wie lange nicht mehr. Wer in dieser Phase der Meisterschaft personell aus dem Vollen schöpfen kann, der hat beste Voraussetzungen für eine erfolgreiche Playoff-Kampagne. Zugeben würde diese Tatsache allerdings kein Spieler und kein Trainer. Denn: Wer jammert, der ist ein Verlierer.