Wer die Spiele beim Deutschland Cup nicht gesehen hat und nur die Erklärungen der verschiedenen Protagonisten kennt, kommt zum Schluss: Die grossartigen Schweizer haben in Augsburg bloss mit viel Pech und wegen der Schiedsrichter den ersten Turniersieg seit 2007 verpasst.

Not-Nationaltrainer John Fust rühmt das exzellente Box- und Powerplay. Niemand habe dieser Mannschaft viel zugetraut und man habe trotzdem bis zum letzten Spiel auf den Turniersieg hoffen können. Er verweist auf die starke Belastung der wichtigsten Spieler. «Sie mussten wegen verschiedener Ausfälle viel Eiszeit verkraften und waren deshalb am Schluss müde.»

Auch Nationalmannschafts-Direktor Raeto Raffainer ist zufrieden. Sehr sogar. Auf die Frage, warum man denn nicht mehr Spieler mit nach Augsburg genommen habe, um die Ausfälle zu kompensieren, sagt er: «Wir wollten noch Spieler von Davos nachnominieren. Arno Del Curto war einverstanden. Auf sein Angebot haben wir dann wegen der Belastung der Davoser durch die Champions League verzichtet.» Na ja, es gäbe ja auch noch elf andere NLA-Teams mit möglichen Nationalspielern.

Ungerechtfertigte Rekord-Strafe

Aber es gibt auch eine andere Sicht der Dinge. Wir haben beim Deutschland Cup den schlimmsten Auftritt einer Nationalmannschaft seit den frühen 1980er-Jahren gesehen. Am meisten Gegentore, mit Abstand am meisten Strafminuten. Am Anfang steht ein starker Auftritt und ein 3:2 in einem wilden Spiel gegen Deutschland. Aber dann folgt der rasche Zerfall. Ja, noch nie in der Neuzeit hat sich eine Nationalmannschaft im Laufe eines Turniers so schnell aufgelöst.

Eine 4:1-Führung und der Turniersieg werden in der zweiten Partie wegen Auflösung von Disziplin und Ordnung verspielt (4:5 n.V). Zum Schluss folgt gegen die Slowakei ein Spiel, das eigentlich eine Farce war (0:4). Mit einem neuen Rekord: Simon Moser kassiert aus einer einzigen Aktion 50 Strafminuten: zweimal 5 Minuten plus Restausschluss. Wer will, kann den Unterhaltungswert der Schweizer Spiele betonen. Aber es war zu viel Zirkus.

Am ehesten lässt sich der Niedergang des Teams am Beispiel von Lino Martschini aufzeigen. So lange die Mannschaft funktionierte, konnte er seine Schnelligkeit und seine Intelligenz umsetzen. Ein Tor und ein Assist gegen Deutschland und ein Tor gegen die USA. Aber als sich die Ordnung auflöste, als das Spiel und die Laufwege völlig unberechenbar wurden, lief er ins Leere oder auf eine schon organisierte gegnerische Abwehr – kein Skorerpunkt gegen die Slowakei.

Löwen, geführt von Eseln

Not-Nationaltrainer John Fust ist verheizt worden. Eigentlich hätte er sein U20-Nationalteam auf die WM Ende Dezember vorbereiten sollen. Nun musste er für den entlassenen Glen Hanlon einspringen. «Aber ich war fast alle drei Stunden mit meinem Stellvertreter beim U20-Nationalteam telefonisch in Kontakt.» Kein Wunder, dass ein Coach, der zwei Mannschaften im Kopf hat, schliesslich die Kontrolle verliert.

Die Schweizer haben gekämpft, manchmal sogar heroisch. Sie haben alles versucht. Für sie gilt, was im 19. Jahrhundert über die von den Generälen miserabel geführten Soldaten der kaiserlichen österreichischen Armee gesagt worden ist: Löwen, geführt von Eseln.