Heute Abend wird um 19.45 Uhr die 50. und letzte Runde der NLA-Qualifikation angepfiffen. Der EHC Biel und die Kloten Flyers duellieren sich um den letzten Playoff-Platz. Die Bieler haben einen Punkt mehr auf dem Konto und ihr Schicksal somit in den eigenen Händen. Ein Sieg nach 60 Minuten gegen den EV Zug reicht den Seeländern, um sich wie schon im Vorjahr einen Top-Acht-Platz zu sichern.

Sie sind auch am Ziel ihrer Träume, wenn sie gleich viele Punkte wie die Kloten Flyers, die beim HC Lugano antreten müssen, erringen. Bei Punktgleichheit entscheidet erst der direkte Vergleich zwischen den beiden Mannschaften. Da es dort unentschieden steht (4:4 Punkte), entscheidet das Torverhältnis, wo die Flyers (+15) gegenüber den Bielern (-4) die Nase klar vorne haben. Gegen Kloten-Stürmer Marcel Jenni und die EHC Kloten Sport AG ist gestern ein Verfahren eröffnet worden. Dafür verantwortlich sind Äusserungen Jennis, die am Samstag, 23. Februar, in der Sendung «Sport Aktuell» ausgestrahlt worden sind. Der Captain der Kloten Flyers warf den ZSC Lions vor, absichtlich gegen Biel, Klotens Konkurrenten um den letzten Playoff-Platz, verloren zu haben. Allein diese Geschichte zeigt, dass die Nerven bei den Kloten Flyers vor dem finalen Duell blank liegen. Ebenfalls ein Verfahren am Hals hat seit gestern Zugs Reto Suri, weil er Berns Sämi Kreis einen Check gegen Kopf und Nackengegend zugefügt hat.

EHC Biel schafft es oder Gerechtigkeit muss siegen

Um zu erklären, warum es Biel schaffen wird, müssen wir uns zuerst ein wenig mit den Kloten Flyers beschäftigen. Wenn es eine höhere Gerechtigkeit auf dem Planeten Hockey gibt, dann schafft Biel die Playoffs. Und Kloten muss in die Playouts. Weil die Klotener ungeschriebene Gesetze des Sportes missachtet haben und hoffärtig geworden sind. Die geschriebenen Gesetze sind nicht gebrochen worden. Die Liga hat sie gebogen. Damit die Hockeykultur der Kloten Flyers, eine der ältesten im Lande, überleben konnte. Was wir ja alle begrüsst haben. Und tatsächlich schien es so, als seien die Klotener dafür dankbar, dass sie weiterhin mitspielen dürfen. Sie gelobten im letzten Herbst Bescheidenheit, wollten nur mit zwei Ausländern und vielen, vielen Junioren spielen. Sie rühmten sogar ihren «Sirup-Sturm». Eine ganze Linie mit Junioren.

Diese Bescheidenheit ist längst verflogen. Hoffart ist eingekehrt und längst haben die Flyers mehr als vier Ausländerlizenzen eingelöst. Auch das ist legitim. Das Problem ist ein anderes: Der neue Sportchef André Rötheli hat ein ehernes Gesetz missachtet, das da heisst: Stütze und ehre und stärke deinen Trainer bis zum letzten Arbeitstag. Als Rötheli kam, stand Trainer Tomas Tamfal auf dem 6. Platz. Ohne Playout-Sorgen. Mit ungeschickten Äusserungen in der Öffentlichkeit hat Rötheli seinen Trainer destabilisiert. Aber nicht entlassen. Die Mannschaft ist schliesslich im ersten Spiel unter Tamfals Nachfolger Felix Hollenstein unter den Strich gerutscht. In Biel hingegen wird dem Trainer gehuldigt. Kevin Schläpfer gilt als «Hockey-Gott». Als die Bieler in eine Krise und unter den Strich rutschten, kam es keinem Menschen in den Sinn, deswegen den Trainer infrage zu stellen.

Die Trainer können keine Tore verhindern oder erzielen. Sie stehen ohnmächtig an der Bande. Aber wenn es auf ein einziges Spiel unter maximaler nervlicher Belastung ankommt, dann wird der Trainer zur Schlüsselfigur. Weil es nicht mehr um Trainingsgestaltung, Taktik und Mannschaftsaufstellungen geht. Sondern nur noch um die seelische Verfassung der Spieler. Ein Trainer wie Kevin Schläpfer, der für ein paar magische Stunden die Spieler davon überzeugen kann, dass sie ein paar Zentimeter grösser, ein paar Kilo schwerer und ein paar Stundenkilometer schneller sind, gewinnt das allerletzte Spiel. Kevin Schläpfer hat sich schon zweimal unter maximaler Belastungen bewährt und zweimal das 7. Spiel einer Liga-Qualifikation gewonnen. Er wird jetzt auch mit dem EV Zug fertig. Wenn nicht, dann bleibt nur die Feststellung, dass es im Sport so ist, wie im richtigen Leben: Es gibt wahrscheinlich doch keine höhere Gerechtigkeit.

Das spircht für die Flyers: Kloten kann Geschichte schreiben

Ein Blick auf die Kaderliste genügt: Die Kloten Flyers haben ganz einfach zu viel Substanz, als dass sie die Playoffs verpassen werden. Eine Mannschaft, die vom Goalie (Ronnie Rüeger), über die Verteidigung (Félicien DuBois, Patrick von Gunten, Eric Blum, Micki Dupont) bis zum Sturm (Tommi Santala, Brian Willsie, Victor Stancescu, Simon Bodenmann, Mathias Bieber, Romano Lemm, Marcel Jenni) mit derart vielen Nationalspielern und Routiniers gesegnet ist, die darf ganz einfach nicht in den Playouts landen.

Dass Papier geduldig ist und es im Sport - glücklicherweise! - immer wieder zu Überraschungen kommt, sind altbekannte Weisheiten. Aber in diesem Falle wird sich die Logik durchsetzen. Die Kloten Flyers haben in den beiden Spielen unter ihrem neuen Trainer Felix Hollenstein - bis auf die verhängnisvollen ersten zehn Minuten in Fribourg - bewiesen, dass sie wieder erfolgreiches Eishockey spielen können. Das wird auch reichen, um in Lugano die nötigen Punkte zu holen. Auch, weil die Bieler, wie im Vorjahr, als sie in der letzten Runde gegen den HCD verloren (aber von der gleichzeitigen Niederlage von Servette profitierten), die Nerven verlieren werden. Kevin Schläpfer hat mit seiner Mannschaft bis jetzt ein Wunder vollbracht - doch heute Abend wird die Hackordnung im Schweizer Eishockey wieder hergestellt.

Die Playoff-Teilnahme der Kloten Flyers wäre auch für die ganze Meisterschaft von grosser Bedeutung. Es ist absehbar, dass die Bieler, sollten sie sich qualifizieren, wie im Vorjahr, als sie gegen den EV Zug sang- und klanglos ausschieden, für Quali-Sieger Fribourg nicht mehr als ein Sparringpartner sein werden. Sollten sich hingegen die Flyers den letzten Platz an der Sonne ergattern, dann müssen sich die Freiburger in Acht nehmen. Befreit vom lähmenden Druck des Strichkampfs sind die Klotener sogar ein Geheimtipp für den Meistertitel.

Man stelle sich vor: Die Mannschaft, die im letzten Sommer fast in Konkurs gegangen ist, später gegen alle ihre proklamierten Prinzipien (totaler Neuanfang ohne Felix Hollenstein, Juniorenförderung, nur zwei Ausländer etc.) verstossen und finanziell wieder mit der grossen Kelle angerichtet hat, lässt sich - wie Phoenix aus der Asche - im April zum neuen Schweizer Champion küren. Alleine der Gedanke an das überdeutlich hörbare Zähneknirschen der Konkurrenz, die der wundersamen Rettung der Flyers durch den damaligen Verbandspräsidenten Philippe Gaydoul fassungslos hatten zusehen müssen, lässt das Herz des Journalisten höher schlagen. Es gibt Geschichten, die ganz einfach geschrieben werden müssen. Deshalb muss Kloten in die Playoffs. (Marcel Kuchta)