Die Berner sind viel zu weich. In jeder Beziehung. So lässt sich nach der gestrigen Niederlage diese ganze Serie auf einen Nenner bringen. Die ZSC Lions waren in den ersten drei Spielen bereits bissiger und nur einmal besiegt worden. Im zweiten Spiel in der Verlängerung (3:4).

Sie hatten die zwei Partien in Bern gewonnen. Und doch waren es noch keine ganz grossen Siege. Denn dieser SCB konnte doch nicht der wahre, der raue, der echte, der grosse, der mächtige, der meisterliche SCB gewesen sein. Dieser wahre SCB würden die ZSC Lions zu spüren bekommen.

Das Spiel der Wahrheit verloren

Aber am Ostermontag hat zum ersten Mal der echte, der grosse, der mächtige, der meisterliche SCB verloren. Es war das Spiel der Wahrheit. Es war nicht Playoff-Auftakt und auch kein zweites oder drittes Spiel, das man noch verlieren durfte. Weil noch Gelegenheit zur Korrektur war. Am Ostermontag waren im Hallenstadion tiefe Playoffs ohne Rückzugsmöglichkeiten.

Die Lions jubeln

Die Lions jubeln

Von der ersten Sekunde an ist klar, dass die Berner diesmal alles mobilisieren. Und nun zeigt sich: der echte SCB ist zu wenig gross, zu wenig rau, zu wenig mächtig und nicht mehr meisterlich. Die Berner können sich in den Zweikämpfen nicht durchsetzen. Sie werden dort dominiert, wo das Spiel aufhört und der Kampf beginnt. Das ist dem SCB seit Jahren nicht mehr passiert. Und sie wurden von allen vier Linien des Gegners physisch dominiert.

Spielerisch/taktische Überlegenheit, aber...

Diese Verweichlichung ist die bitter-süsse Frucht einer zu grossen spielerischen und taktischen Überlegenheit, die es dem SCB ermöglicht hat, zweimal die Qualifikation als «weichstes» Team (am wenigsten beziehungsweise am zweitwenigsten Strafminuten) nach Belieben zu dominieren und den Titel zu verteidigen. Wer inzwischen fast zwei Jahre lang nie mehr hart zur Sache gehen musste, sich in jeder Partie ein paar Fehler leisten konnte und nie richtig herausgefordert worden ist, kann seine Playofftauglichkeit verlieren.

Am Ostermontag fehlte den Bernern diese Playofftauglichkeit. Obwohl sie alles versucht hatten und Leonardo Genoni kein Lottergoalie war. Aber es gab ein symbolisches Bild: im ersten und dritten Drittel hütete er das SCB-Tor auf der Seite, auf der oben das Trikot der ZSC-Legende Ari Sulander mit der Nummer 31 hängt. Genoni hat die Nummer 30. Eine Nummer kleiner als Sulander – und weniger gut als der aktuelle ZSC-Goalie Lukas Flüeler.

Trainerwechsel als Chance

Allerdings ist es nicht möglich, mit alleine mit Härte den SCB zu bezwingen. Es braucht auch das blitzende Schwert des Talentes. Es braucht Spieler wie Fabrice Herzog (23). Er personifiziert die Auferstehung der ZSC Lions in diesen Playoffs. Unter Trainer Hans Wallson war er zum Mitläufer verkümmert. Der Schwede setzte nicht auf den sensiblen Titanen (189 cm/80 kg). Und Fabrice Herzog ist ein sanfter Musterprofi, der es nicht wagte, zu rebellieren und still verkümmerte. Als Hans Wallson endlich, endlich, endlich gehen musste, da mochte er nicht schlecht über den abgesetzten Chef reden und sagte, er sehe den Trainerwechsel als Chance.

Fabrice Herzog im Dress der ZSC Lions

Fabrice Herzog im Dress der ZSC Lions

Er hat diese Chance genützt. Seine Treffer zum 1:0, 2:0 und 3:1 waren wie Stiche ins Herz des schnaubenden Bären, geführt mit schneller, sicherer Hand. Der zweite eiskalt geführt beim schnellen Gegenangriff bei nummerischer Unterlegenheit. In 50 Qualifikationspartien hat er 7 Tore erzielt. Gestern buchte er die Playofftreffer Nummer 4, 5 und 6.

Drei Chancen für den ZSC

Die ZSC Lions brauchen noch einen Sieg für den Final. Für die Entthronung des Meisters. Sie bekommen für diesen Sieg drei Chancen. Die erste am Donnerstag in Bern. Die Frage ist, ob sich der Meister auch vor seinem Publikum, dem grössten Europas, in den Zweikämpfen dominieren lässt.

Die Zürcher müssen damit rechnen, dass der SCB, tief im Stolz gekränkt, doch noch wie der der wahre, der echte, der grosse, der mächtige, der meisterliche auftreten wird. Eine Kostprobe haben sie gestern in der Schlussphase bekommen. 211 Sekunden vor Schluss ersetzte Kari Jalonen den Torhüter durch einen sechsten Feldspieler und die Berner liessen nicht locker, bis sie das 2:1 erzielt hatten. Aber es war zu spät.