Eishockey-WM
Viele Absagen für Sean Simpson: «Wir haben alles nur Mögliche gemacht»

Die vielen Absagen für die Eishockey-WM machen Sean Simpson zu schaffen. Den Erfolg der letzten WM zu wiederholen, wird unter diesen Umständen äusserst schwierig. Vor seinem Abgang will der Nati-Coach aber nochmals alles aus seinem Team herausholen.

Hansruedi Camenisch
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Neues Turnier, neues Team: Sean Simpson will bei der WM in Minsk nicht an der letztjährigen Silbermedaille gemessen werden. Keystone

Neues Turnier, neues Team: Sean Simpson will bei der WM in Minsk nicht an der letztjährigen Silbermedaille gemessen werden. Keystone

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Sean Simpson, was bedeutet Ihnen die Zahl 13?

Sean Simpson: Normalerweise steht die 13 für Pech und Unglück. Das muss aber nicht sein. Ich erinnere an letztes Jahr: 2013 gewannen wir an der Eishockey-Weltmeisterschaft die Silbermedaille.

Ich stelle die 13 in einen anderen Zusammenhang: Mindestens 13 Spieler aus dem letztjährigen WM-Silber-Kader werden an der kommenden WM in Minsk fehlen.

Natürlich wäre es schön, wenn alle wieder dabei wären. Doch das gibt es nie, dass eine Nation an zwei aufeinanderfolgenden Titelkämpfen mit der gleichen Mannschaft antritt. Einzelne Spieler fallen wegen Verletzungen aus, andere drängen sich neu auf, weil sie besser sind. Ich bin es im konkreten Fall ohnehin langsam etwas müde, immer alles mit dem «Silber-Team» zu vergleichen. Nichts ist vergleichbar. Die letzte Saison ist abgehakt. Jetzt stehen wir vor einer völlig neuen Situation und einer neuen Ausgangslage mit einem neuen Turnier, teilweise neuen Spielern und folglich auch einer neuen Mannschaft.

Trotzdem: Es hagelte Absagen. Sind Sie sehr enttäuscht?

Zum Teil schon. Ich denke, wir haben alles nur Mögliche gemacht. Bereits im Juli sass ich mit allen Nationalmannschaftskandidaten inklusive der Spieler aus Nordamerika zusammen. Wir sprachen über die besondere Situation mit den vielen Terminen wegen der Olympischen Spiele und der Weltmeisterschaft. Ich stellte schon damals klar, dass nicht nur Sotschi, sondern auch Minsk wichtig sein werde. Im Oktober doppelte ich mit einem E-Mail an alle Spieler nach, in welchem ich nochmals erklärte, was ich im Juli gesagt hatte. In jener Botschaft forderte ich jeden Spieler auf, mir zu antworten und für beide Turnier zuzusagen, nicht nur für Sotschi. Alle sagten ja – natürlich unter der Voraussetzung, dass sie nicht verletzt wären.

Wie stark sind Ihre Sorgenfalten in den letzten Wochen wegen der vielen Absagen gewachsen?

Ich mache mir keine grossen Sorgen. Klar, im ersten Moment war ich enttäuscht. Aber jetzt haben die Absagen nichts mehr mit meiner WM-Mannschaft zu tun. Ich fokussiere mich auf das aktuelle Team; ich arbeite gerne mit jenen Spielern, die dabei sind. Mein Credo ist stets das gleiche: Mit jener Truppe, die ich zur Verfügung habe, will ich das Beste herausholen.

Ist das Pensum für die Spieler mit Landesmeisterschaft, Olympischen Spielen und WM innert neun Monaten nicht überladen?

Darüber kann man diskutieren. Steht das Programm aber mal fest, so geht es für mich darum, stets das bestmögliche Schweizer Team auf dem Eis zu haben. Wir haben viele Spieler, die fähig sind, ein grosses Turnier zu bestreiten, aber doch nicht so viele, wie manche Leute glauben. Der Grat zwischen Erfolg und Misserfolg ist sehr schmal. Unabhängig vom Kader peilen wir jedes Jahr primär das gleiche Ziel an: die Qualifikation für die Viertelfinals. Daran ändert auch die Silbermedaille aus dem Vorjahr nichts. Der Unterschied in unseren Leistungen zwischen dem elften Rang in Helsinki 2012 und dem zweiten Platz zwölf Monate später in Stockholm war viel kleiner, als es aufgrund der nackten Tabellen den Anschein macht.

Vor Ihrer ersten Weltmeisterschaft als Schweizer Nationalcoach im Mai 2010 erhielten Sie mehr als 20 Absagen. Kann man die jetzige Situation mit jener vor vier Jahren vergleichen?

Bezüglich vieler Absagen ja, auf mich bezogen gibt es aber Unterschiede. 2010 war ich der frische Wind in der Mannschaft. Jetzt bin ich zwar noch immer frisch, aber bereits vier Jahre als Nationalcoach der Schweiz tätig, und Ende Saison scheide ich aus.

Die Schweiz tritt in Minsk als Vizeweltmeister an. Ist das Fluch oder Segen?

Es spielt keine Rolle, ob wir in Minsk als Weltmeister oder Aufsteiger antreten würden. Das Turnier beginnt für jedes Team bei null, Punkt, Schluss.

Was sind Ihre persönlichen WM-Erwartungen?

Wir peilen in den Gruppenspielen einen Platz unter den ersten vier und damit die Viertelfinalqualifikation an. Das wird nicht einfach. Unsere Gruppe ist sehr stark besetzt. Allein schon das Startprogramm gegen Russland und die USA wird enorm schwierig. Dann folgt die Partie gegen die Gastgeber. Für mich sind die Weissrussen Geheimfavorit. Sie spielen zu Hause, haben keine Absagen, sind sehr motiviert, haben ein paar Kanadier eingebürgert und sind vor allem im Angriff sehr stark besetzt. Die Weissrussen werden ganz bestimmt Gas geben.

Im vierten Schweizer Spiel kommt es zum Duell mit dem Erzrivalen Deutschland.

Ja, das ist jedes Mal ein harter Kampf, der in der Regel mit einem knappen Resultat endet. Nach den Deutschen folgt Finnland, zurzeit die Nummer 2 in der Weltrangliste; das sagt schon alles. Im sechsten Match treffen wir auf Kasachstan. Viele sagen jetzt, das sei ja nur der Aufsteiger. Man darf aber nicht vergessen, dass praktisch alle Akteure in der KHL spielen. So schlecht sind die Kasachen also nicht. Und zuletzt stehen wir Lettland gegenüber. Die Letten kommen mit ihrem Olympia-Team. In Sotschi besiegten wir sie im Gruppenspiel 1:0. Leider verloren wir dann im Achtelfinal mit 1:3.

Wo orten Sie in Ihrem Team Defizite?

Es fehlt ein bisschen an grossen, robusten Spielern.

Auf der Torhüterposition verfügen Sie mit Leonardo Genoni nur über einen Spieler, der in seinem Klub in dieser Saison die klare Nummer 1 war.

So hatte ich mir die Situation für die WM natürlich nicht vorgestellt. Die Schweiz hat grosse Torhüter, die in Minsk fehlen werden, etwa Jonas Hiller, Martin Gerber, Tobias Stephan oder Lukas Flüeler. Aber ich komme auf eine frühere Antwort zurück: Ich jammere nicht wegen der Abwesenden. Meine Goalies, die dabei sind, haben in der WM-Vorbereitung gut gespielt. Sie erhalten eine grosse Chance; ich hoffe, dass sie diese packen.

Ihr Abgang als Schweizer Nationalcoach steht Ende Saison fest. Was bedeutet das persönlich für Ihre letzte WM?

Ich bin immer noch enttäuscht, dass ich meine Arbeit mit dem Schweizer Nationalteam nicht fortsetzen kann. Es ärgert mich, dass es mit der Vertragsverlängerung nicht geklappt hat. Natürlich weiss ich, dass es zu jeder Story zwei Seiten gibt. Folglich bin ich auch mitverhangen. Aber ich glaube, dass meine Mission eigentlich noch nicht zu Ende wäre. Deshalb habe ich etwas gemischte Gefühle, um Ihre Frage zu beantworten. Aber selbstverständlich werde ich mich zu 100 Prozent auf meinen Job und die Mannschaft konzentrieren und bis zum letzten Tag alles geben.

Was verstehen Sie darunter, dass Ihre Arbeit eigentlich noch nicht zu Ende wäre?

Die vier Jahre vergingen sehr schnell. Der Einstand gelang 2010 mit dem fünften Rang ausgezeichnet. Dann folgten mit den WM-Rängen 9 und 11 zwei schwierigere Jahre, ehe wir in Stockholm WM-Silber gewannen. Das ist der grösste Erfolg in der Neuzeit des Schweizer Eishockeys. Die Basis wäre jetzt vielversprechend.

Ist es für Sie unter den aktuellen Umständen schwierig, sich zu motivieren?

Nein, überhaupt nicht. Ich liebe den Beruf, den ich ausüben darf, und ich liebe es, diese Nationalmannschaft zu trainieren. Ich arbeite sehr gerne mit den Spielern und dem Staff zusammen. Jetzt befinde ich mich mitten in der WM-Vorbereitung, in meiner Saison. Ab September hatte ich zwar viele Termine. Ich sah viele Spiele und führte viele Gespräche mit den Spielern. Doch jetzt ist meine richtige Zeit, in der ich täglich mit meinen Leuten arbeiten und auch hinter der Spielerbank stehen kann. Ich bin für diese WM genauso bereit wie für die letzten vier.

Aber wie sieht es von Spielerseite aus – besitzen Sie noch immer die nötige Autorität?

Da müssten Sie eigentlich die Spieler fragen. Ich sehe keine Schwierigkeiten. Die Spieler verstehen, dass Eishockey ein Business ist und dass über meinen Ende Saison auslaufenden Vertrag nicht erst nach der WM verhandelt werden konnte. Die meisten Spieler standen selber auch schon vor schwierigen Vertragssituationen.

Für die beiden nächsten Saisons haben Sie bei Lokomotive Jaroslawl in der KHL unterschrieben. Deshalb werden Sie an der WM in Weissrussland wohl unter besonderer Beobachtung stehen.

Da könnte durchaus sein. Schon als ich mit dem Schweizer Nationalteam in der Osterwoche zweimal in Grodno gegen Weissrussland spielte, erhielt ich viel Aufmerksamkeit. Ich erwarte die KHL in Russland, aber auch in Weissrussland, als grosse Sache.

Weshalb entschieden Sie sich ausgerechnet für Lokomotive Jaroslawl?

Jaroslawl ist ein grosser Klub und die KHL eine super Liga. Die Klubführung trat bereits unmittelbar nach der letzten WM an mich heran. Ich hätte schon am Tag nach dem Final unterschreiben können. Meine Idee war allerdings, beim Schweizer Nationalteam zu bleiben. Erst als ich sah, dass eine weitere Zusammenarbeit nicht mehr möglich war, entschied ich mich für Jaroslawl. Nach Russland zu gehen, dort zu wohnen, zu arbeiten und zu coachen, wird ein grosses Abenteuer, aber auch eine unglaubliche, neue Erfahrung. Für mich wird es nicht einfach, die Schweiz zu verlassen. Ich werde meine Zelte hier allerdings auch nicht abbrechen.