Zirkuswagen

Unvorstellbare Zustände: Als der ZSC und Lugano zum letzten Mal im Playoff-Final gegeneinander antraten

Keine geordnete Pokalübergabe möglich: ZSC-Coach Larry Huras flüchtet, gefolgt von Verteidiger-Legende «Zesi» Zehnder mit der Trophäe, in die Garderobe

Keine geordnete Pokalübergabe möglich: ZSC-Coach Larry Huras flüchtet, gefolgt von Verteidiger-Legende «Zesi» Zehnder mit der Trophäe, in die Garderobe

Unvorstellbare Zustände? Ja, auf diesen Nenner bringt Simon Schenk heute mit einem Schmunzeln die zwei hitzigsten Playoff-Gipfeltreffen in der Geschichte unseres Hockeys. Er hat sie als Sportchef der ZSC Lions an vorderster Front mitgestaltet.

2000 und 2001 gewinnen die Zürcher die Meisterschaft zweimal hintereinander im Finale gegen Lugano – erst im Frühjahr 2017 wird es mit dem SCB einem Meister wieder gelingen, den Titel zu verteidigen. Die Jahrhundertwende beschert uns die letzten wilden Jahre. Es ist eine Zeitenwende an der Bruchlinie zur Moderne. Am Horizont sind bereits die Konturen der neuen Zeit, des durchorganisierten professionellen Hockey-Geschäftes zu erkennen, wie wir es heute kennen.

Lugano ist zu Beginn des Jahrhunderts endlich wieder erfolgreich. Unter der Führung des charismatischen Bandengenerals Jim Koleff ist die Schmach der 1990er-Jahre (letzter Titel 1990) mit dem Triumph von 1999 im Finale gegen Kantonsrivale Ambri endlich getilgt. Nie vorher und nie nachher war das Tessiner Hockey besser als in diesen Jahren mit den zwei Spitzenteams Ambri und Lugano.

Die Arroganz der Zürcher

Aber Lugano ist weit von der Grandezza des «Grande Lugano» der 1980er-Jahre entfernt. Das Selbstvertrauen ist unstet und zerbrechlich. Die ZSC Lions stehen für alles, was Lugano missfällt: die Arroganz und die politische Macht der Deutschschweizer, die dem Tessiner Hockey den Erfolg missgönnen und sich gegen Lugano verschwört haben. 1997 ist aus der Zusammenarbeit des Zürcher SC und GC ein mächtiges Hockeyunternehmen entstanden. Der Emmentaler Simon Schenk baut als Sportchef mit grossem Geschick eine meisterliche Mannschaft. Berndeutsch wird zur Zürcher Erfolgssprache.

Die ZSC Lions stehen erstmals seit 2015 wieder im Playoff-Final

Die ZSC Lions stehen erstmals seit 2015 wieder im Playoff-Final

2000 holen die ZSC Lions den Titel im 6. Finalspiel. Adrien Plavsic trifft im Hallenstadion exakt 10 Sekunden vor Schluss zum 4:3. Listig hat ein Zürcher Stürmer Torhüter Cristobal Huet (der es später in der NHL zum Dollar-Millionär und Stanley-Cup-Sieger bringen wird) den Stock gelupft. Also Foul. Ein weiterer Beweis für die Verschwörung gegen Lugano. Simon Schenk gewährt Meistertrainer Kent Ruhnke keine Vertragsverlängerung. Was ihm der inzwischen eingebürgerte Kanadier bis heute nicht verziehen hat. Neuer Trainer wird Larry Huras.

2001 ist die Stimmung so aufgeladen, dass ZSC-Bürogeneral Franz Kälin im Hallenstadion zur Entspannung Schokoladeherzchen verteilen. Die Entscheidung fällt im 7. Spiel in der Resega. Morgan Samuelsson trifft in der 11. Minute der Verlängerung zum 2:1. Es gibt keine «Schoggi-Herzen». Das erboste Volk schmeisst alles aufs Eis, auch abmontierte Sitzbänke. Eine Reporterin flüchtet vor laufender Kamera in den Kabinengang und Liga-Präsident Franz A. Zölch übergibt den Zürchern den Meisterpokal in der Kabine. Diese wüsten Szenen führen dazu, dass Sicherheit und Ordnung in den Stadien an eckigen, runden und ovalen Tischen diskutiert werden und schliesslich zum geordneten Spielbetrieb führen, wie wir ihn heute als selbstverständlich erachten. 2016 holt der SCB den Titel in der Resega in einer friedlichen Atmosphäre.

2:0-Torschütze Julian Walker und seine Teamkollegen beim HC Lugano

2:0-Torschütze Julian Walker und seine Teamkollegen beim HC Lugano

Zweimal zerbricht Qualifikationssieger Lugano an der Leidenschaft, der taktischen Schlauheit und an den Paraden von ZSC-Torhüter Ari Sulander. Kein Zufall, dass der Finne bis heute der einzige Spieler ist, dem der Legendenstatus mit hochgezogenem Dress im Hallenstadion gewährt wird. Captain ist Mark Streit, der später der erste Schweizer wird, der sich als Feldspieler in der NHL durchsetzt.

Video Du mir, so Video ich Dir

Nicht nur auf dem Eis geht es in einer heute unvorstellbaren Art und Weise zu und her. Noch werden nicht alle Partien live übertragen. Eine permanente Video-Überwachung gibt es also nicht. Aber es ist möglich, beim damaligen Einzelrichter Heinz Tännler Videos einzureichen. Bald einmal bricht während der Finaltage 2001 ein «Video Du mir, so Video ich Dir» aus. Lugano kommt erst zur Vernunft, als Simon Schenk auf eine unsinnige Video-Eingabe mit sieben Videos kontert.

Es sind auch die letzten guten Jahre der Printmedien. 2001 verlieren die Zürcher im Hallenstadion die vierte Partie sang- und klanglos und eigentlich miserabel gecoacht 0:4 und geraten in der Serie scheinbar hoffnungslos 1:3 in Rückstand. Der «Blick» bringt ZSC-Coach Larry Huras am Montag seitengross mit Clown-Nase. Eine unerhörte Verhöhnung, die der Kanadier bis heute nicht verziehen hat. Mit Folgen.

Larry Huras wurde mit einer Clown-Nase abgebildet

Larry Huras wurde mit einer Clown-Nase abgebildet

Die Zürcher holen im 7. Spiel in der Resega doch noch den Titel. Ein «Blick»-Fotograf hat die Erlaubnis, mit dem Mannschaftsbus von der Resega bis zur Raststätte Bellinzona mitzufahren und den Freudentaumel abzubilden. Als Simon Schenk den «Blick»-Mann im Bus sieht, komplimentiert er ihn mit den Worten: «Raus, das ist kein Zirkuswagen!» unsanft hinaus.

Andere Zeiten, andere Sitten. Aber es gibt «ewige» Spieler, die auch eine Zeitenwende überdauern. Drei, die 2001 beim letzten Final dabei waren, treten nun wieder an. Verteidiger Julien Vauclair (38) und Stürmer Raffaele Sannitz (34) bei Lugano und Mathias Seger (40) bei den ZSC Lions.

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