2. Bundesliga
Union Berlin vor dem Aufstieg in die Bundesliga: «Scheisse, wir steigen auf!»

Union Berlin steht in der zweiten Bundesliga an der Spitze. Ein Aufstieg wäre der grösste Erfolg für den Arbeiterverein, der in der DDR die besten Spieler dem Stasi-Club abtreten musste.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Union Berlins Geschichte ist nicht geprägt von grossen Erfolgen. Jetzt könnte der Verein in die höchste Liga aufsteigen.

Union Berlins Geschichte ist nicht geprägt von grossen Erfolgen. Jetzt könnte der Verein in die höchste Liga aufsteigen.

Keystone

«Scheisse, wir steigen auf!», war beim letzten Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg auf einem der unzähligen Fan-Plakate in der mit 22 000 Fans restlos ausverkauften Alten Försterei, dem Stadion von Union Berlin, zu sehen. 1:0 endete die Partei für Union, das Team übernahm die Tabellenführung. Der Spruch auf dem Fan-Plakat drückt aus, wie Fans, Spieler und der Vereinsvorstand auf den Erfolg des eigenen Teams schauen: Mit einer grossen Portion Ungläubigkeit.

Der Arbeiterclub aus dem Bezirk Köpenick im Osten Berlins steht vor dem grössten Erfolg der Vereinsgeschichte. Neun Runden vor Saisonende führen die Köpenicker die Tabelle vor den Schwergewichten Hannover und Stuttgart an. Morgen Samstag steht das wegweisende Duell gegen Hannover 96 an. Stürmer Steven Skrzybski, Publikumsliebling und seit der E-Jugend beim Verein, sagt: «Wenn wir so spielen wie in den letzten Wochen, wird es schwer, uns zu schlagen.»

Klub für «die Werktätigen»

Der 24-Jährige steht für das neue Selbstvertrauen beim Berliner Arbeiterklub, dessen Erfolg auch das Resultat kontinuierlicher Arbeit ist. Präsident Dirk Zingler steht dem Verein seit 13 Jahren vor, er hat den vormals maroden Klub finanziell auf solide Beine gestellt. Der einst bei Schalke entlassene Jens Keller holt als Trainer das Maximum aus der Mannschaft heraus, die mit ihrem kampfbetonten Spiel individuell besser besetzte Teams in die Schranken weist. Kein Team in der 2. Bundesliga spult während des Spiels mehr Kilometer runter als Union Berlin.

Die Geschichte des Vereins ist nicht geprägt von grossen Erfolgen, zumeist war der Klub eher Mittelmass, eine Ausnahme war das Erreichen des Pokal-Endspiels 2001 und die damit verbundene Qualifikation für den Uefa-Cup. Unter dem Namen 1. FC Union Berlin existiert der Klub im Südosten der Hauptstadt erst seit 1966, die Ursprünge des Vereins reichen aber weit zurück. Die Führung in der damaligen DDR gewährte «für die Werktätigen», wie es hiess, die Gründung eines zivilen Arbeiterfussballklubs, von der Staatsspitze gefördert aber wurden in Berlin der Armeesportklub FC Vorwärts Berlin und vor allem BFC Dynamo, der von der Staatssicherheit protegiert worden war. Union musste seine besten Spieler stets dem grössten Rivalen BFC abtreten, gegen den Stasi-Klub war für die sportlich geschwächten Köpenicker selten etwas zu holen. In der Zeit der Rivalität mit Dynamo hat sich das Klischee von Union Berlin als der etwas andere Verein manifestiert. Der Klub wurde von Berlinern unterstützt, die dem Staat skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden. Der Staatsspitze wurde der Klub zunehmend suspekt, die Staatssicherheit nahm ihn ins Visier.

Union Berlin gilt bis heute als der etwas andere Verein, eine Art Gegenpart zu RB Leipzig, das dank Millionen des Red-Bull-Konzerns an die Spitze der Bundesliga stürmen konnte. Freilich ist das Klischee des echten Arbeiterklubs auch Teil des Marketings und inzwischen wohl auch etwas überholt.

Klubhymne von Nina Hagen

Die Alte Försterei in Köpenick gilt als modernes reines Fussballstadion, trotzdem werden die Spielstände noch immer an der alten Anzeigetafel von Hand geändert, die Fans im Stadion sind nicht mehr bloss Arbeiter, Punks und Hippies, sie kommen aus sämtlichen Schichten. Die Beziehung der Fans zu ihrem Klub ist aber bis heute bemerkenswert. Vor jedem Heimspiel stimmen 22 000 Fans mit Inbrunst die Union-Hymne an, welche die Ostberliner Punk-Grösse Nina Hagen geschrieben hat. «Wir aus dem Osten geh’n immer nach vorn, Schulter an Schultern, Eisern Union!», tönt es aus dem Rund.

Am 21. Mai spielt Union Berlin am letzten Spieltag auswärts bei Greuther Fürth. Die Berliner Fans haben das kleine Stadion schon halb leer gekauft. Sie träumen davon, dass die «Eisernen» an jenem Tag im Mai ins Oberhaus des deutschen Fussballs aufsteigen werden.