Selbst Arnos neue Spieler, obwohl zuletzt flügellahm, denken, dass sie am Freitag in Langnau übers Eis fliegen werden. Chris Baltisberger sagte genau das nach dem ersten Training. Die Aufbruchstimmung ist allenthalben spürbar. Alle denken: Jetzt sind die Fesseln gelöst, jetzt wird dieses Team, die ZSC Lions, das Potenzial und das riesige Talent endlich abrufen können. Die SCL Tigers, die am Freitag und Samstag als erste gegen den "Zirkus Arno" antreten müssen, werden vom Eis gefegt, so wünscht es zumindest das Zürcher Selbstverständnis.

Arno Del Curto werden die hohen Erwartungen, der riesige Publikumsaufmarsch ans erste Training, die vielen Vorschusslorbeeren, fast unheimlich. "Wenn ein Team sich in einer Negativspirale befindet, kann man nicht einfach daherkommen und mit den Finger schnippen. Ich denke: In vier, fünf Wochen wissen wir mehr."

Fast kitschig

Die Arno-Del-Curto-Story von dieser Woche liest sich ohnehin kitschig. Beim Engadiner zieht sich das schon durch die ganze (Trainer-)Karriere. Das begann bereits bei der ersten ZSC-Episode, als er als Nothelfer einstieg und schliesslich das "Grande Lugano" in einer der erstaunlichsten Playoff-Serien aller Zeiten in einem Penaltyschiessen aus dem Rennen warf. Später blieb Del Curto bis am 27. November 2018 22 Jahre lang in Davos.

Dennoch: Als am letzten Montagmittag die ZSC Lions Arno Del Curto als neuen Trainer ausriefen, glaubten selbst langjährige Wegbegleiter an einen Scherz - an "Fake News". Denn in den sieben Wochen seit Del Curtos Rücktritt in Davos begannen jene Mühlen zu mahlen, die schon viele Schweizer Trainer aus dem Business gerieben hatten. Lars Leuenberger wurde mit dem SC Bern Meister und erhielt dennoch nirgends mehr einen Trainer-Job. Kevin Schläpfer wurde in Biel als Hockey-Gott gefeiert und war der Wunsch-Nationaltrainer des Verbandes - jetzt ist er arbeitslos mit bescheidenen Aussichten auf ein neues Engagement in der National League. Nationaltrainer wurde damals Patrick Fischer, der in der Liga nach seinem Scheitern in Lugano womöglich auch bei keinem Klub mehr eine Chance bekommen hätte.

Damit wären wir bei der Geschichte der Propheten, die im eigenen Land verkannt werden und nichts gelten. Arno Del Curto drohte dieses Schicksal auch: Das "System Del Curto" sei nicht mehr zeitgemäss, wurde herum erzählt. Der Arno sei mittlerweile zu alt. Er habe an Energie und Leidenschaft verloren. Er könne in einem normal strukturierten Klub gar nicht mehr arbeiten.

Der Zürcher Schattensprung

Den ZSC Lions sei Dank, dass Arno Del Curto - der grösste Eishockey-Trainer, den die Schweiz je hatte - sofort auf die grosse Bühne zurückkehren kann. Bereit dafür war Del Curto seit Anfang Dezember. "Schon eine Woche, nachdem ich in Davos aufgehört hatte, begann es in den Fingern zu kribbeln. Ich sah mir massenhaft Spiele an und überlegte mir, was ich als Trainer tun würde." Del Curto wusste: Ich will es nochmals wissen! Und er wusste, als er sich am Montag ins Auto Richtung Zürich setzte, dass es bei den Verhandlungen mit dem ZSC zu einem Abschluss kommen würde.

Die ZSC Lions waren es, die über ihren Schatten springen mussten. Als sie sich mit der Idee "Del Curto" zu befassen begannen, stellten sie sich zuerst die Frage: Kann Arno Del Curto bei uns überhaupt funktionieren? Peter Zahner, der CEO, sagte es so: "In Davos war Arno Del Curto alles. Der HC Davos war Arno Del Curto! Bei uns ist der Trainer aber einfach nur Trainer." Ausserdem wurde Zahner nachgesagt, er solle einst gesagt haben (und hat das aber natürlich nie gesagt), Del Curto komme unter ihm nie als Trainer der ZSC Lions ins Hallenstadion. "Das sind Sachen von vorvorgestern", sagt Zahner heute. "Diese Gerüchte stammen aus der Zeit, während der ich für den Eishockeyverband arbeitete und es zwischen Ralph Krueger und Del Curto Zwist gab. Das war eine andere Zeit, Arno und ich hatten andere Rollen. Wir kennen uns seit 35 Jahren. Und zwischendurch war der Kontakt für ein paar Jahre unterbrochen."

Die ZSC Lions glauben an Arno Del Curto als Energiespender und Heilsbringer. "Warum sollten wir nicht?", fragt Zahner, "sechs Titel mit Davos sprechen für sich." Auch Sportchef Sven Leuenberger freundete sich schnell mit der Idee an, einen Trainer zu verpflichten, der sich seit Jahren keinen (Sport-)Chef mehr gewohnt ist. Leuenberger wurde als Sportchef schon dreimal Meister mit Headcoachs, die er um Weihnachten herum verpflichtet hatte, zuletzt letzte Saison mit Notnagel Hans Kossmann.

Bei Kossmann war klar, dass er im Frühling wieder gehen muss. Bei Del Curto hoffen alle, dass er lange bleibt und lange bleiben kann. Der Vertrag bis Ende Saison war Del Curtos Idee - schon in Davos schaute er von Jahr zu Jahr. Del Curto: "Wenn es klappt, und wenn am Ende die Leute wieder von den Bänken springen wie 1992, dann ist alles andere sowieso nur Formsache."