Banden-Check
Stefan Schnyder: «Ich wollte ja nur vor ihm am Puck sein»

Ein Foul mit schlimmen Folgen: Oltens Ronny Keller liegt im Paraplegiker-Zentrum. Jetzt äussert sich Stefan Schnyder über den tragischen Unfall. Er bedauert sehr, was passiert ist und hofft, dass Ronny Keller schnell wieder gesund wird.

Klaus Zaugg
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Wird der Gefoulte nie wieder laufen können? Das Dutzendfoul von Langenthals Stürmer Stefan Schnyder (29) gegen Oltens Verteidiger Ronny Keller (33) wühlt das Mitteland auf: Keller stürzt nach einem Zusammenstoss mit Schnyder in der 77. Minute kopfsvoran in die Bande.

Er musste mit dem Helikopter ins Paraplegiker Zentrum von Nottwil geflogen werden. Erst in zwei Wochen wird sich zeigen, wie schlimm die Folgen sind.

Kommentar: Der Preis des Spektakels

von Marcel Kuchta

Rasiermesserscharfe Schlittschuhkufen. Hartgummischeiben, die mit über 100 Stundenkilometern durch die Luft segeln. Stöcke, mit denen geschlagen wird. Eine pickelharte Eisfläche. Massive Banden als Spielfeldbegrenzung. Wie Ritter ausgerüstete Spieler, die mit voller Wucht ineinanderprallen. Ja: Eishockey ist eine gefährliche Sportart. Eishockey ist eine harte Sportart. Und: Eishockey kann unerwünschte Nebenwirkungen haben. Der tragische Unfall von Ronny Keller hat uns das mit aller Brutalität vor Augen geführt.

Es wäre jedoch - aller Tragik zum Trotz - falsch, das Eishockey verändern zu wollen. Denn man muss eines festhalten - auch wenn es schwerfällt: Die Aktion von Stefan Schnyder war ein Körpercheck, wie er pro Saison unzählige Male zu beobachten ist und in der Regel ohne Folgen bleibt. Schnyder hat das getan, was gerade während der Playoffs, gerade während einer Verlängerung, jeder Trainer von seinem Spieler verlangt. Er hat seinen Check fertiggemacht. Ein vorsätzlicher, tätlicher Angriff, der eine schwere Verletzung des Gegenspielers in Kauf nimmt, war es nicht. Viel mehr führte eine Verkettung unglücklicher Umstände dazu, dass Ronny Keller, der sich in eine verwundbare Position manövrierte, derart fatal in die Bande stürzte, dass die gesundheitlichen Folgen für ihn gravierend sein können.

Letztlich ist es auch beim Eishockey so wie in der Formel 1, beim Skifahren oder Boxen: Man kann noch so viele Sicherheitsmassnahmen ergreifen: Das «Worst-Case-Szenario» lässt sich nie eliminieren. Wer Leistungssport betreibt, der setzt sich einem Risiko aus. Die Zuschauer zahlen dafür, dass sie Spektakel sehen. Aber manchmal ist der Preis, den die Sportler zahlen müssen, leider viel zu hoch.

Schnyder wird mit einer Fünfminutenstrafe plus Restausschluss belegt und die Oltner nützen das Powerplay zum Siegestreffer (3:2 n.V).

Nach dem Spiel wird Schnyder von der Polizei befragt. Voraussichtlich wird die Staatsanwaltschaft entscheiden, ob gegen Langenthals Stürmer Anklage erhoben wird.

Unterschiedliche Auffassungen

Die Langenthaler versuchen am Mittwoch alles, um die Emotionen vor dem nächsten Spiel am Freitag in Langenthal zu glätten. Einfach ist es nicht.

Erst am Nachmittag bekommt Langenthals Präsident Stephan Anliker seinen Oltner Amtskollegen Benvenuto Savoldelli endlich ans Telefon. Anliker, der pragmatische Architekt und Savoldelli, der hitzköpfige Anwalt, haben unterschiedliche Auffassungen.

Aber sie reden miteinander und schliesslich arbeitet Anliker eine offizielle Stellungnahme des SC Langenthal aus: «Wir bedauern diesen Unfall ausserordentlich und wünschen Ronnie Keller eine schnelle und vollständige Genesung. Ich bin aber gegen eine Vorverurteilung von Stefan Schnyder. Es ist kein «Fall Schnyder», es ist für mich eher ein «Fall Eishockey». In einem so intensiven Sport können solche Unfälle leider passieren und deshalb wehre ich mich gegen vorschnelle Schuldzuweisungen. Wir sind uns bewusst, dass dieser tragische Zwischenfall diese Serie überschattet. Aber nun stehen beide Klubs in der Verantwortung, dieses Halbfinale im sportlichen Rahmen weiterzuführen und keine Emotionen zu schüren, die nichts mit dem Sport zu haben.»

Oltens Geschäftsführer André Rötheli (mit Klotens gleichnamigem Sportchef nicht verwandt) bemüht sich ebenfalls um Sachlichkeit. «Der Sport wird so zur Nebensache, die Gesundheit des Spielers geht vor. Unsere Spieler und unser ganzes Umfeld sind nach diesem Zwischenfall geschockt. Die Spieler haben am Mittwoch frei bekommen und werden ab Donnerstag sportpsychologisch betreut. Wie die Mannschaft reagiert, muss sich weisen.» Er wisse, dass viele Spieler eine schlaflose Nacht hinter sich haben.

Verschiebung der Partie möglich

Sollte sich am Donnerstag herausstellen, dass die Mannschaft zu verunsichert ist, um am Freitag spielen zu können, dann werde eine Verschiebung der Partie vom Freitag diskutiert.

Rötheli sagt: «Wenn sich nach den Gesprächen mit dem Sportpsychologen herausstellen wollte, dass die Gesundheit der Spieler in Gefahr ist, dann werden wir das Gespräch mit der Liga und mit Langenthal suchen.»

Einzelrichter Reto Steinmann eröffnet am Mittwoch ein Verfahren gegen Stefan Schnyder, die Parteien sind aufgefordert, bis heute Mittag die Unterlagen einzureichen.

Spätestens am Freitagmittag wird Steinmann entscheiden. Bis dahin ist Schnyder nach wie vor spielberechtigt.

Schnyder und Keller sind Freunde

Aber Langenthals Stürmer denkt nicht darüber nach wie lange er gesperrt werden könnte. Ronny Keller ist sein Kollege. Die beiden kennen sich, sie üben den gleichen Sport aus.

Stefan Schnyder ist aufgewühlt und er versucht in Worte zu fassen, was ihn bewegt: «Ich bedaure sehr, was passiert ist und hoffe einfach, dass Ronnie schnell wieder gesund wird. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen und Ronny eine SMS geschrieben. Wir kennen uns ja auch neben dem Eishockey. Die Szene geht mir immer wieder durch den Kopf und ich mache mir Vorwürfe. Wie konnte das nur passieren? Ich bin mit Ronny in die Ecke gefahren, so wie ich das schon hundertmal in einem Spiel getan habe und aus einer Verkettung von unglücklichen Umständen ist dieser tragische Unfall entstanden. Ich wollte ja nur vor ihm am Puck sein.»