Siegen oder Fliegen. Alles oder Nichts. Sein oder Nichtsein. Für vier Mannschaften geht es an diesem Abend um den Einzug in den Playoff-Halbfinal und das Verhindern des vorzeitigen Ferienbeginns. Die Ausgangslage ist delikat. Die beiden grossen Favoriten ZSC Lions und SC Bern müssen sich gegen die beiden Underdogs aus Biel und Lausanne gegen ein sensationelles Ausscheiden wehren. Ja, es ist sogar ein historischer Abend im Bereich des Möglichen. Schaffen sowohl Lausanne in Bern als auch Biel in Zürich Auswärtssiege, dann würden sich erstmals in der Geschichte der Playoffs in der Schweiz (seit 1986) alle vier schlechter klassierten Teams für den Halbfinal qualifizieren.

Kühlen Kopf bewahren

Biels Trainer Kevin Schläpfer hört vor der «Belle» im Hallenstadion ruhige Musik, um die Nervosität in Schach zu halten. Der oft so emotionale Baselbieter sagt: «Alles entscheidet sich im Kopf. Es ist höchste Konzentration gefragt. Wir dürfen keine Fehler machen, müssen in jedem Einsatz alles geben.» Biels Masseur Kurt Benninger hat derweilen sein Fahrrad als Motivation mit ins Hallenstadion gebracht. Er hat den Spielern versprochen, dass er mit dem Velo nach Hause zurückfährt, wenn sie dieses Spiel gewinnen.

Aufseiten der Zürcher ist Trainer Marc Crawford die Ruhe selbst und gibt unaufgeregt Auskunft: «Es tönt wie eine kaputte Platte. Aber der Plan ist einfach: Wir müssen in der Defensive gut spielen. Viel Puckbesitz führt unweigerlich zu mehr Toren für uns.» Es ist eine Salve aus der Phrasendresch-Maschine. Doch ganz ohne Sonderaktion geht es auch bei den Favoriten nicht. Die Lions ziehen in Zeiten der Not einen letzten Trumpf aus dem Ärmel. Captain Mathias Seger gibt nach sechswöchiger Pause wegen eines gebrochenen Unterarms etwas früher als erwartet sein Comeback. Er ist als siebter Verteidiger aufgestellt und soll den ZSC Lions einen entscheidenden Schub geben.

In Bern ist die Postfinance-Arena erstmals in diesen Playoffs restlos ausverkauft. Über 17 000 Zuschauer warten gebannt auf die Vorstellung der beiden Mannschaften, die sich in den ersten sechs Spielen dieser Viertelfinalserie gegenseitig kaum Luft zum Atmen gelassen haben. Lausanne-Trainer Heinz Ehlers unterstreicht nochmals die Aussenseiterrolle seiner Mannschaft: «Es spricht wenig für uns. Genau das müssen wir ausnützen.» Berns Headcoach Guy Boucher versprüht professionelle Zuversicht und sagt: «Wir haben viel Selbstvertrauen. Wir spielen zu Hause und haben schon im Cup gezeigt, dass wir parat sind, wenn es darauf ankommt.»

Der Existenzkampf

Den Worten müssen auf dem Eis nun Taten folgen. Die ZSC Lions sind bereit, lassen die Bieler kaum ins Spiel kommen. Um 20.26 Uhr gehen die Zürcher durch Patrik Bärtschi Führung. Zwei Minuten vorher schafft Fast-Namensvetter Christoph Bertschy in Bern dasselbe Kunststück für den SC Bern. Die beiden Favoriten setzen früh ein Zeichen. Eine Stunde später ist die Sache im Hallenstadion gelaufen. Morris Trachsler hat zum 4:1 für die ZSC Lions getroffen. Kevin Schläpfer nimmt sein Timeout, muss aber mit ansehen, wie seine Mannschaft hilf- und chancenlos dem Saisonende entgegen schlittert. Ein kleiner, angesichts des Ausscheidens allerdings schwacher Trost bleibt für die Bieler: Sie können die geplante Teamreise nach Las Vegas früher antreten.

In Bern bleibt es spannend. Die zähen Lausanner lassen sich nicht abschütteln. Die Sekunden zerrinnen, doch dann, passiert das, was man nach einem eher lauen Playoff-Abend kaum mehr für möglich gehalten hat. Um 22.24 Uhr gleicht Harri Pesonen 50 Sekunden vor dem Ende der regulären Spielzeit aus. 40 Sekunden später trifft Berns Byron Ritchie nur den Pfosten. Drama pur in der Postfinance-Arena. Das heisst Verlängerung und somit sportlicher Existenzkampf in Reinkultur. Die Spannung ist greifbar, das Risiko wird – wie immer in diesen Situationen – auf ein Minimum reduziert. Um 22.56 Uhr ist es so weit. In der 70. Spielminute schiesst Jesse Joensuu den SC Bern in den Halbfinal. Auch der zweite Favorit zieht den Kopf im allerletzten Moment aus der Schlinge. Das ist Playoff-Feeling in Reinkultur.